Nachruf: Ein Galgenlied für den Brockhaus

Klägliches Ende nach 200 Jahren: Die Brockhaus Enzyklopädie erscheint nicht mehr auf Papier. Dass das Wissen von 30 Bänden auf einen dattelgroßen USB-Stick passt, hatte den ehrwürdigen Ziegeln ohnehin längst viel an Verehrungswürdigkeit genommen.

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„Auf seinen Nasen schreitet einher das Nasobém, von seinem Kind begleitet. Es steht noch nicht im Brehm. Es steht noch nicht im Meyer. Und auch im Brockhaus nicht. Es trat aus meiner Leyer zum ersten Mal ans Licht.“ Das waren halt noch Zeiten für den Brockhaus, als Morgenstern seine „Galgenlieder“ dichtete. Da existierte ein Ding gewissermaßen erst, wenn es in einer der vielen tausend Seiten in einem der Dutzenden Bände seinen alphabetisch für alle Zeiten festgelegten Platz gefunden hatte.

Hundert Jahre später, und der Brockhaus erlebte sein Waterloo im Kampf gegen die krakenhaft ausgreifende Online-Konkurrenz: Kürzlich war zu lesen, dass die Brockhaus-Internetausgabe in einer wissenschaftlichen Studie dem Internet-Lexikon Wikipedia unterlegen sei – auch in puncto Richtigkeit. Da konnten sich die Verleger höchstens noch damit trösten, dass es der Encyclopedia Britannica in einer Untersuchung des Wissenschaftsmagazins „Nature“ auch nicht besser ergangen war...

Wirft der Brockhaus nun das Handtuch? Nein, er verzichtet nur auf eine Schlacht mit alten, teuren Waffen. Dass das Wissen von 30 Bänden auf einen dattelgroßen USB-Stick passt, hatte den ehrwürdigen Ziegeln ohnehin längst viel an Verehrungswürdigkeit genommen. Ab April soll im Netz der neue Online-Brockhaus starten. Nur der papierene muss nun, nach einer 21.Auflage 2005, wirklich das Zeitliche segnen. Es soll, so der Verlag, keine Neuauflage mehr geben.


Als Kraus zornig im Brockhaus blättert

Meist ist die Ära, die man beim Tod von Prominenz gern mit zu Grabe trägt, in Wahrheit schon lang zu Ende. Eine Ära? Viele Ären! Angefangen hat es mit einem Kaufvertrag vor exakt 200 Jahren. Damals erwarb der lesewütige Dortmunder Kaufmannssohn Friedrich Arnold Brockhaus die Rechte an einem 1796 begonnenen „Conversationslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten“ – die spätere Brockhaus Enzyklopädie. Aktualität war schon damals nicht ihre Stärke: Von Anfang an sollen sich Käufer beschwert haben, weil ihre Ausgaben so schnell veralteten.

Trotzdem wurde der Brockhaus, der Kleine wie der Große, zum Bürger-Orakel. An dem entzündete sich denn auch der Zorn Karl Kraus'. Beim Blättern im „Kleinen Brockhaus“ ärgerte er sich über eine Zeit, in der es kein beschämenderes Wort gebe als das Eingeständnis: Das weiß ich nicht. „Und es gibt nicht Nacht mehr und Nebel, nicht Schleier noch Schatten...“, klagte der Kritiker.

Zumindest das wissen wir heute: Gegen unser Nichtwissen kann nicht einmal ein Brockhaus helfen. Wikipedia freilich auch nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2008)

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