Jalco und Fandl, zwei Dichter

Österreichische Germanisten und Sprach-Wissenschaftler fanden sich auf Einladung der „Schule für Dichtung“ zum Symposion über „Falco's many languages“ – und entdeckten u.a., dass „keusch“ wie „cash“ klingt.

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(c) APA (EMI Austria)

„Der Herr war dick, das Madl slick, so denn er lallend fragt: ,What's your name‘, ,I nehm' zwatausend‘, keusch des Dirndl sagt.“ So kann man Zeilen aus Falcos Song „America“ notdürftig wiedergeben – vernachlässigt dabei aber u.a., dass Falco nicht „keusch“ singt, sondern „keisch“, und zwar so, dass es auch „cash“ heißen könnte. Oder heißt es beides zugleich? Dann wäre es ein Fall von Zweisprachigkeit in einer einzigen Silbe, quasi das Extrem von Falcos Abenteuern in und zwischen den Sprachen, in denen der Glaube an die „Eigentlichkeit des Wortes“ längst überwunden ist.

So drückte es Martin Hainz (Uni Wien) aus, Germanist und einer der Teilnehmer an einem Symposion über „Falco's many languages“, das die Wiener „Schule für Dichtung“ veranstaltete. Ein würdiges und spannendes Unternehmen, gerade im Kontrast zu Thomas Roths läppischem Falco-Film, der derzeit im Kino läuft. Wobei keineswegs alles spannend ist, was die zur Falco-Exegese eingeladenen Forscher zu Tage förderten. Wenn etwa Sprachwissenschaftlerin Ulrike Kramer (Akademie der Wissenschaften) in Falcos „Kommissar“ die „berühmte Wiener Monophtongierung“ [æ:nts tsvæ: dræ:] nachweist oder den Grund für die Verwendung des Englischen in einer „Erweiterung der Zielgruppe“ ortet, wirkt das doch eher banal, ähnlich wie das Aufspüren von Stabreimen („schick mit Scheck“ usw.) durch Christiane Pabst (Uni Wien). Origineller schon ist der Vergleich des Mediävisten Günter Zimmermann (Uni Wien) mit den französischen Einsprengseln in Hartmann von Aues Artus-Roman „Erec“ (ca. 1180 n.Chr.), auch diese hätten der „Coolness“ gedient, wie die englischen Brocken dem „großen Edlen der Wiener Lässigkeit“.

So wurde Falco einst von H.C.Artmann bezeichnet, der nicht daran zweifelte, dass Falco ein Dichter war. Er habe sich selbst nicht so definiert, betonte Klaus Kastberger (Institut für Germanistik, Uni Wien) – und arbeitete die Sehnsucht Falcos nach Wertschätzung durch „echte“ Dichter, vor allem Ernst Jandl, heraus. Wie dieser – von Kastberger in einem hübschen Versprecher einmal „Jalco“ genannt – habe Falco nicht „in kontemplativer Versenkung, grübelnd vor einem weißen Blatt Papier“ getextet: „Hans Hölzel schöpfte sprachlich nicht aus dem Leeren, sondern aus dem Übervollen.“

Dabei war er „ein Zerrissener“, so Peter Ernst (Uni Wien): Sein „Manhattan-Hochdeutsch“, sein „Falconisch“ war eine einmalige Melange, ein Spiel auch mit Möglichkeiten, was sich auch in der – etwa in „Maschine brennt“ – von Falco bevorzugten Verbform manifestiert: dem Conjunctivus irrealis. Falcos Mischsprache habe sehr wohl der Lokalisierung, im „Spaziergang durch die Großstadt“, gedient, wandte Harald Wieser (Uni Innsbruck) ein. Martin Hainz ortete Falcos Heimat im imperialen Wien und zugleich im „fast Unheimlichen“ und formulierte paradox: Wienerisch bei Falco sei die angloamerikanische Brechung des Wienerischen, international der Rekurs in den Dialekt. „Erst wenn beides sich mischt – wie in ,Vienna Calling‘ – dann ist so etwas wie eine Heimat: im Wort selbst, das Rekurs und Verantwortung eint, so in der nicht unoriginellen Zeile: ,Und plötzlich heißt Maria Marilyn / und Eva heißt Yvonne‘.“ Mit seinen Sprachmischungen lange vor dem „Internet-Deutsch“ sei Falco „visionär“ gewesen, meinte Zimmermann.


„Anakondamour“ und „Junger Ömer“

Häufig zitiert wurde die weithin verkannte Platte „Data de Groove“, von der Falco selbst einmal sagte, er habe sich darauf „vielleicht in allzu anspruchsvolle Wortspiele verstiegen“. Christian Ide Hintze, Leiter der „Schule für Dichtung“, sieht z.B. den Song „Anakondamour“ als „einen der gelungensten Vierzeiler der Weltliteratur“. Er lautet (laut Albumcover): „Der Schlange Kur / ist nur L'amour, for shure / Der Schlange Kur toujours /Anakondamour.“

Ob wohl die Schreibung „shure“ auch etwas sagt? Nicht nur in dieser Frage: Es gibt offenbar noch einiges sinnvoll zu grübeln über Falcos Texte – wenn man dabei auch die nötige Selbstironie aufbringt. Wie etwa Klaus Kastberger auf die Frage, ob man denn Falco mit all den Analysen gerecht werde: „Wir Hermeneutiker gehen immer davon aus, dass wir die Texte besser verstehen als die Autoren!“ Passender Schwank: Kastberger hatte den Song „Junge Römer“ einst lange als „Junger Ömer“ gehört. Ein türkischer Gastwirt, den er damals oft aufsuchte, trug diesen Namen...

„DATA DE GROOVE“

Hans Hölzel vulgo Falco (1957 bis 1998) war mit „Der Kommissar“ (1982) der Erste, der einen Rap auf Deutsch wagte – und gewann. Seine textlich avancierteste Platte „Data de Groove“ (1990, u.a. mit altgriechischen Passagen) war ein Flop.

Bei der „Schule für Dichtung“ (gegründet 1992 von Christian Ide Hintze), wo u.a. Allen Ginsberg unterrichtete, leitete Hölzel 1995 ein Werkstattgespräch. Bei einem Konzert in dessen Rahmen konnte er H.C.Artmann und Wolfgang Bauer als Choristen für „Sgt.Pepper's Lonely Hearts Club Band“ gewinnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2008)

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