„Fußball befriedigt auch niedere Triebe“

Österreichs bekanntester Germanist und Rapid-Anhänger Wendelin Schmidt-Dengler erklärt, was Fußball mit Ödipus und der Schlacht auf dem Lechfeld zu tun hat, und warum Spiele die Staatshygiene fördern.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Wohin gehen Sie, wenn Sie ein Fußballspiel sehen wollen?

Wendelin Schmidt-Dengler: Auf den Rapid-Platz, auf den Platz des SC Weiz in der Steiermark, wo ich ein Haus habe, und im Ausland auf jeden Fußballplatz, der sich mir anbietet – um die Atmosphäre des Stadions zu genießen.

 

Haben Sie selbst gespielt und wollen wissen, warum es Leute gibt, die das viel besser können? Oder reizt Sie das Massenerlebnis?

Schmidt-Dengler: Beides. Ich sehe es schon als Ventil für Triebe, die ich sonst schwer kontrollieren könnte. Außerdem habe ich eher schlecht Fußball gespielt, gerade deswegen hat es mich interessiert. Wir haben einmal im Germanistischen Institut gespielt, Assistenten gegen Studenten, es ging 13:2 für die Studenten aus. Wenn man die Welt mit so was nicht belästigt, ist das ja o.k. Wenn Politiker plötzlich in den Fußballerdress hüpfen, finde ich das eher unfreiwillig komisch.

 

Wo ist das Erlebnis Fußball in der Literatur für Sie am besten geschildert?

Schmidt-Dengler: „Masse und Macht“ fängt ja damit an, dass Canetti in seiner Wohnung die Fußballschreie vom Rapid-Platz hört. Er hat am besten dieses spontane Entstehen der Masse, die Identifikation mit einer Mannschaft beschrieben. Ich glaube, Fußball hat eine unglaublich therapeutische Funktion, man hat ihn nicht umsonst mit großen Dramen verglichen, „Hamlet“, „Ödipus“. Auch die griechische Tragödie diente ja zur Staatshygiene, die Athener gingen ins Theater, um sich auszuweinen. Nach einem Fußballspiel fühlt man sich irgendwie gereinigt, man ist nicht getroffen, nicht verletzt, man hat mitgelitten, Reaktionen abgeführt.

Viele freuen sich ja mehr, wenn die Deutschen verlieren, als wenn die Österreicher gewinnen. Gehört Schadenfreude zum Fußball?

Schmidt-Dengler: Natürlich, auch niedere Triebe werden ideal befriedigt. Ich habe aber schon fast Mitleid mit den Deutschen, weil sich in Österreich ein naiver Antigermanismus breitmacht.

 

Hitler mochte den Fußball nicht, vielleicht witterte er darin eine Konkurrenz...

Schmidt-Dengler: Vielleicht, aber lange Zeit war Fußball generell kein politisch korrekter Sport, auch die Sozialdemokratie hat ihn nicht sehr gefördert. Es hatte immer etwas Proletarisches, erst in den letzten 20 Jahren gab es einen Paradigmenwechsel.Viele Intellektuelle sind aber verkappt hingegangen. Alban Berg war begeisterter Rapid-Anhänger. Sein Biograf Soma Morgenstern schildert, wie Berg auf dem Platz steht und keine Ahnung hat – ein Fan muss auch keine Ahnung haben – und beim Elfer gegen Rapid brüllt: Das ist eine Ungerechtigkeit, da steht niemand zwischen dem Tormann und dem Schützen! Ich habe auch auf dem Fußballplatz öfters einen Ordinarius erblickt oder einen bekannten Kulturjournalisten, die haben alle getan, als hätte man sie bei etwas ertappt.

 

Lesen Sie persönlich gern „Fußball-Romane“?

Schmidt-Dengler: Weniges ist so öd wie ein richtiger Sportroman. Friedrich Torbergs Roman „Die Mannschaft“ enthält ja Sportlerkarrieren, aber genauso gut kann ich über Universitätsprofessoren oder Maschinenschlosser schreiben. Es kommt auf das „Wie“ an, prinzipiell kann man aber über alles schreiben, Fußball ist genauso ein Thema wie diese Kaffeetasse hier. Wenn Adalbert Stifter einen Baum beschreibt...

 

...für ihn wär' der heutige Fußball wohl zu schnell gewesen.

Schmidt-Dengler: Ja, aber er könnte es langsam angehen wie Handke: „Der Tormann sah zu, wie der Ball über die Linie rollte...“

 

Welche Fußball-Texte sind Ihnen am liebsten?

Schmidt-Dengler: In Ödön von Horváths Roman „Jugend ohne Gott“ gibt es eine sublime Darstellung der Ästhetik und Psychologie des Fußballspiels, wo er die Träume der Knaben schildert. Witzig finde ich auch eine Partie in Robert Menasses Buch „Vertreibung aus der Hölle“, wo er schildert, wie die Österreicher sich bei der Weltmeisterschaft 1974 im Schlussspiel Deutschland–Niederlande mit den Niederländern identifizieren.

 

Musil war kein Fußballfan.

Schmidt-Dengler: Ja, im „Mann ohne Eigenschaften“ ärgert sich Ulrich, weil das Wort Genialität schon auf Rennpferde und Centerhalfs angewandt wird. Aber ich glaube, es braucht wirklich unerhört viel Energie und Intelligenz beim Fußball. In Grillparzers Lustspiel „Weh' dem, der lügt“ gibt es den blöden Germanen Galomir, den die österreichische Aristokratie als Verulkung ihrer selbst auffasste. Daraufhin schrieb Grillparzer, ich meinte Galomir gar nicht so dumm, er findet mit seiner Instinkthaftigkeit immer den richtigen Punkt in der Schlacht, um sie für sich zu entscheiden. Wenn eine Gruppe vor dem Tor steht und es wird ein Eckball gedreht, gibt es auch die Fußballer, die genau den richtigen Punkt erwischen. Ich kann mir das nur mit instinkthaftem Verhalten erklären.

 

Was sind im Fußball die österreichischen Tugenden? Es heißt ja oft, wir haben nicht das Kämpferherz, geben zu früh auf...

Schmidt-Dengler: Bei der Nationalmannschaft ist es schon schwer, diese Tugenden herauszufiltern. Manchmal hat mir der überraschende Spielwitz gefallen, eine erfrischende Art, den Gegner ins Leere laufen zu lassen. Wobei früher die Technik viel raffinierter war, das geht aufgrund der Schnelligkeit nicht mehr. Die großen Spiele von 1954 kommen einem heute unfassbar langsam vor, da rennt einer über das halbe Spielfeld, kein Gegner ist zu sehen – ich weiß nicht, ob so ein langsames Spiel nicht fast schöner ist.

 

Mögen Sie Fußballreportagen?

Schmidt-Dengler: Wir hatten früher keinen Fernseher, deswegen war Sport für mich ursprünglich vor allem ein akustisches Ereignis. Finger senior und junior waren unübertroffen, vor allem senior. In seinem Bericht wurde der Sieg Österreichs gegen Deutschland in Cordoba zu so etwas wie einer Schlacht auf dem Lechfeld. Gerade die kleinen Fehlleistungen sind dabei das Interessante. Der deutsche Reporter erklärte damals: „2:2, das ist unhistorisch“, damit sagte er eigentlich, dass der Hegelsche Weltgeist sich geirrt hat; der Österreicher sagte: „Es steht 2:2 für die Deutschen.“

 

Schlachtenbeschreibungen sind ja auch ein Ursprung der Literatur.

Schmidt-Dengler: Ich wollte sogar einmal einen Spielbericht mit einer Kampfbeschreibung in der „Ilias“ vergleichen, die wiederkehrenden Wendungen, die Sakralisierung, wenn es etwa heißt: „Der Torhüter hütete sein Heiligtum“, „Der Stürmer erlöste seine Mannschaft in der 92.Minute“ oder „Der Kopf Maradonas und die Hand Gottes!“, wie Maradona nach seinem berühmten Tor 3:2 gegen England sagte.

 

Ein berühmter österreichischer Stürmer wieder liebte Sätze wie „Ich habe mir die Finger an der Hand verletzt“ oder „Innsbruck hat eine Obduktion auf mich“...

Schmidt-Dengler: Und Krankl sagte gern: „Gewinnen ist das Wichtigste, alles andere ist primär.“ Es gibt aber auch hochintelligente Aussagen. Als es 4:0 für Spanien stand, antwortete Toni Pfeffer auf die Frage, wie's weitergeht: „Hoch g'winnen wer'n wir nimmer.“ Manchmal steckt da viel Mutterwitz drin. Gestern hab' ich zum ersten Mal eine lateinische Wendung von einem Fußballer gehört, Hickersberger hat sich als „homo ludens“ bezeichnet. Die Geisteskulturen beginnen, sich auch im Fußball festzusetzen...

 

Wer ist bei der EM Ihr Herzensfavorit?

Schmidt-Dengler: Kroatien, ich bin dort geboren. Sonst die Tschechen, die kommen ja auch aus dem Territorium der ehemaligen Monarchie. Es würde mich auch freuen, wenn ein kleineres Land gewinnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2008)

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