Wahnsinn in Washington

Mit "Fette Ernte" erzählte Ross Thomas schon 1975 alles über groteske Finanzspekulationen. Nun ist das Buch erstmals vollständig übersetzt worden.

Kein Krimi ist so zeitgemäß wie „Fette Ernte“, aber geschrieben wurde er 1975. Und zwar brillant, dafür garantiert der Name Ross Thomas, ein US-Meister des Politthrillers. Als spätberufener Autor griff er auf eigene Erfahrungen in diversen Politsümpfen zurück und zeigte sich als brillanter Stilist: lakonische Erzählung, hervorragende Dialogpointen, amüsante Charakterisierungen und clevere Konstruktion. „Fette Ernte“ etwa beginnt mit dem Mord an einer grauen Eminenz Washingtons: Der greise Ex-Präsidentenberater wusste zu viel – was genau, muss erst herausgefunden werden.

Die Spur führt zum Erntebericht des Landwirtschaftsministeriums und ins Reich der Spekulanten. Den ganzen Wahnsinn hinter jüngeren Wirtschaftskrisen nimmt Thomas vorweg, in unnachahmlichem Stil: „Natürlich entschuldigt man die Spekulation. Sagt, sie sorge für einen flüssigen Markt. Reiner Blödsinn. Würfelspiel, das ist es“, erklärt der im Ticker-Stil sprechende Börsenguru, eine dieser großartigen Thomas-Nebenfiguren (wie übrigens auch der furzende Hund eines Ministers).

In der erhellenden Nachbemerkung erzählt Übersetzer Jochen Stremmel, wie sehr ihn die deutsche Erstausgabe („Die Millionenernte“) enttäuscht hat– bis er herausfand, dass das Buch für Ullsteins Gelbe Reihe um die Hälfte gekürzt worden war! Stremmel gibt Beispiele, gesteht dann jedoch, selbst an einer subtilen Goethe-Anspielung gescheitert zu sein. Dennoch: Ein weiteres Thomas-Meisterwerk ist erstmals wirklich auf Deutsch zu lesen. hub

Ross Thomas: „Fette Ernte“, Übersetzter: Jochen Stremmel, Alexander Verlag, 344 Seiten, 14,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2014)

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