Horst Simon: "Der Genitiv musste zu viel tun"

Warum schwindet der zweite Fall? Und was machen Österreicher bei ihm anders als Deutsche? Gespräch mit Horst Simon, dem Leiter einer Genitiv-Tagung in Berlin.

(c) FU Berlin

Die Presse: Wer „wegen des Wetters“ sagt statt „wegen dem Wetter“, wirkt gebildet. Seit wann hat der Genitiv diesen Ruf?

Horst Simon: Seit er weniger verwendet wird, halten ihn Sprachkonservative für etwas Besseres. Früher war er nicht im Fokus der Sprachschützer, erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das so.

 

Was macht Österreich denn beim Genitiv anders als Deutschland?

„Dem Vater sein Hut“ sagt man in Österreich viel mehr als in Deutschland. Dialekt ist in Österreich generell viel akzeptierter, weil die Dialekte homogener sind, Wienerisch und Tirolerisch klingen relativ ähnlich...

 

Ach so?

Im Vergleich zum Unterschied zwischen Köln und Passau schon! Und wenn Sie in Niederösterreich zum Bäcker gehen, ist es ganz normal, wenn Sie Dialekt reden. Viel Dialektales ist hier ganz unproblematisch. Einmal habe ich an der Uni Wien unterrichtet, da sollte eine Wiener Studentin ein Referat über die Konstruktion von „weil“ mit Hauptsatz halten, à la „Weil ich gehe auf die Uni“. Sie hat die Aufgabe nicht verstanden! Hat gefragt: „Wie soll man's sonst sagen?“

 

Einspruch – das sagt mehr über die Studentin aus als über den Dialektstatus in Österreich.

Gut, aber lesen Sie Wolf Haas, da ist diese Satzstellung vollkommen unproblematisch. In Hamburg gab es eine Bürgerinitiative: „Rettet den Kausalsatz“. Es ist kein Zufall, dass die nicht in Wien stattgefunden hat.

 

Der Genitiv schwindet im Deutschen generell dahin. Warum?

Das wissen wir noch immer nicht so genau. Generell werden in allen germanischen Sprachen Fälle abgebaut, Kasusmarkierungen wie das e am Ende schwinden, niemand sagt mehr „auf dem Tische“... Der Genitiv hat seine Marker als Letzter behalten, klar, dass er als Ganzer schwächelt. Ein anderer Faktor ist, dass der Genitiv im alten Deutsch so viel Verschiedenes leisten musste, das scheint ungünstig. Er hat sich dann immer mehr auf bestimmte Aufgaben beschränkt. Man kann jetzt auch „dem Vater sein Haus“ sagen oder „wegen dem Wetter“. Anderes wie „die Verhaftung des Diebs“ ist relativ stabil, da wird nicht viel passieren.

 

Der Genitiv reißt auch die Verben, die ihn brauchen, mit in den Tod...

Ja, zum Beispiel „Ich bin der Probleme eingedenk“. Noch ältere Konstruktionen waren: „Ich trinke des Wassers“, das war vor tausend Jahren vollkommen normal.

 

Das Althochdeutsche unterschied ja zwischen abgeschlossener und nicht abgeschlossener Handlung, das eine war mit Genitiv, das andere mit Akkusativ...

Ja, genau darum geht es hier!

 

Ist Fallschwund eine Demokratisierungserscheinung?

Formen, die als weniger gebildet markiert sind, sind natürlich erlaubter, sobald sich stilistische Normen lockern. In Deutschland werden jetzt auch regionale Sprachformen viel weniger sanktioniert. Der Trend zum weniger Formellen drückt sich überall aus. Ich leite zum Beispiel gerade eine wissenschaftliche Tagung und trage keine Krawatte.

 

Kein Zufall, dass Thomas Mann gerade den Genitiv so lustvoll einsetzt, sogar viel mehr als Goethe – gerade, um sich von der „Volkssprache“ abzusetzen?

Ja, bei „Lotte in Weimar“ glaubt man, das ist ein Text aus dem 18.Jahrhundert. Thomas Mann hat mit der Idee des Altertümelnden gespielt, den Text übertrieben hochstilisiert. Man könnte das auch vor dem Hintergrund eines gefährdeten Bürgertums sehen, das sich von der Masse abzusetzen versucht. Dass die ernstere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Sprachverfall“ Ende des 19.Jahrhunderts einsetzt, ist kein Zufall.

 

Kann es also auch gesellschaftliche Gründe haben, dass der Genitiv in einigen germanischen Sprachen noch stärker, in anderen schwächer ist?

Isländisch zum Beispiel ist beim Genitiv vergleichsweise konservativ, auf der Gegenseite stehen Englisch, Niederländisch, Afrikaans; Deutsch ist mittendrin. Warum? Sicher relevant ist der Kulturkontakt, das haben Forschungen klar gezeigt. Die isländische Sprachgemeinschaft hatte relativ wenig Kulturkontakt. Auch Sprachen, die im Hochgebirge gesprochen werden, sind vergleichsweise formenreich, Sprachen der Nomaden in der Ebene neigen eher zur Formenarmut.

 

Man vereinfacht also, um sich mit Nicht-Muttersprachlern besser zu verständigen?

Ja. In Frankreich gibt es etliche Vergangenheitsformen, aber ich komme auch mit dem Passé composé aus. Muttersprachler übernehmen ein bisschen diesen „foreigner talk“.

 

Wie sammeln Sie Ihre Daten zum Sprachgebrauch – googeln Sie viel?

Google ist schlecht für uns! Um statistische Daten zur Sprachverwendung zu bekommen, ist der Algorithmus hinter den Listen viel zu unklar, es werden systematisch Internetdokumente unterdrückt, andererseits wird so vieles doppelt gezählt... Deswegen haben Kollegen in unserem Haus das DECOW-Corpus entwickelt, eine Spiegelung des gesamten deutschsprachigen Internets, gesäubert von Doppelungen, Übersetzungen etc.

 

Ihre Tagung nennt den Genitiv „Sorgenkind der Sprachkritik“. Sorgen Sie sich?

Nein, ich freue mich über die Buntheit der Welt – im Chinesischen haben sie keine Kasus, die können auch reden. Ich beschreibe nur. Die Norm kommt natürlich hintenrum schon noch rein: Bei unserer Tagung hören zum Beispiel zwei Leute von „Duden“ zu. Was im Schriftlichen häufig ist, macht die Norm. Und als Lehrer muss ich Schülern klarmachen, dass es stilistisch markierte Variationen gibt, dass man einen Bewerbungsbrief anders schreibt als einen Liebesbrief.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2014)

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