Sommerfrische: Achtung, diese Idylle trügt

Nein, Schnitzler, Zweig, Doderer und ihre Zeitgenossen gingen nicht auf Urlaub – sie fuhren auf Sommerfrische. In ihren Werken schwärmen sie von blühenden Vorgärten, grünen Ufern und hohen Bergen. Aber die Katastrophe ist niemals weit.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Was für ein Wort: Sommerfrische! Das klingt nach einem kühlen Lüftchen. Nach klaren Bergseen und sprudelnden Bächen. Nach vertrödelten Stunden im Schatten eines Nussbaums. Nach Flucht aus der Stadt, in deren Straßen die Hitze sich staut und das Leben unerträglich macht.
Dabei müssen gerade rund um 1910, der Blüte- und Hochzeit der Sommerfrische, vergleichsweise niedrige Temperaturen geherrscht haben. Dem Drang nach Westen und Süden, ins Salzkammergut, auf den Semmering oder in die Dolomiten, wo Schnitzler sein Drama „Das weite Land“ ansiedelte, tat das keinen Abbruch. Der größte Unterschied zu den Ferien von heute lag auch gar nicht in der Destination, sondern in der Dauer des Aufenthalts: Gleich mehrere Monate wechselte man den Wohnsitz. Ende Juni, erinnerte sich Friedrich Torberg in der „Tante Jolesch“, wurde gepackt. Weil man „mit Wirtschaft“ fuhr, also mit Personal, und weil „weder Kaffeeservice noch Salatbesteck, weder Besen noch Staubtücher“ fehlen durften, dauerte diese Aktion mehrere Tage. Der normale Haushaltsbetrieb kam in dieser Zeit völlig zum Erliegen, also ging die Familie aus. Ins Restaurant! Es waren Torbergs liebste Tage. Endlich, schwärmt er, wurde er gefragt, was er essen wollte.

Gepackt war also. Aber wie reiste man? Oftmals mit der Bahn. „Die Lokomotive schrie heiser auf: Der Semmering war erreicht“, so beginnt Stefan Zweig seine Erzählung „Brennendes Geheimnis“ (1911). Die Bahn beschleunigte die touristische Entwicklung. Mit ihr reiste das Bürgertum Österreichs dem Kaiser und dem Adel nach, eroberte nach und nach Berg- und Seenlandschaft. Das Salzkammergut – der Kaiser verbrachte den Sommer oft in Ischl – war ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum des Tourismus, dort reihte sich bald Villa an Villa, dass Karl Kraus meinte, Ischl sähe aus, „als ob die Berge ringsum nur Decoration wären, die man auf die Wiener Ringstraße gestellt hat“.

Wer sich nichts Eigenes leisten konnte, mietete sich ein – häufig dort, wo man im Jahr zuvor gewesen war. Sommerfrischler blieben ihren Quartieren treu. Die Schnitzlers etwa verbrachten die Saison meist in Bad Vöslau. Über das Jahr 1894 schreibt er in „Jugend in Wien“: „Deutlich aber erinnere ich mich, dass wir jungen Leute gerade in diesem Sommer allabendlich mit besonderer Begier auf wohlfeile Liebesjagden umherstreiften, ohne dass mir das Glück sonderlich hold gewesen wäre.“ Zwei Jahre später in Baden ist es umgekehrt – und eine junge, verliebte Frau fühlte sich von ihm abgewiesen: „Ich bewies ihr in den dunklen Alleen des Gartens mit leidenschaftlichen Küssen, dass sie sich irrte. Sie küsste mich wieder und und weinte bitterlich.“

„Mäderl, sei g'scheit“. Vier Jahrzehnte später wollte sogar Bundeskanzler Kurt Schuschnigg fürs Marketing nutzbar machen, dass Sommerfrische und Anbandeln zusammenpassen. Er gab bei Hermann Leopoldi und Peter Herz ein Lied in Auftrag, „Fahr nach St. Gilgen zur Sommerzeit!“, und machte den Ort zum Heiratsmarkt mit feschen Buaman und schönen Dirndln: „Mäderl, sei g'scheit, dort wird gefreit! An jedem Eck steht dort fesch und stramm zur Auswahl ein Herr Bräutigam.“ Das Lied war freilich nur zwei Saisonen lang ein Hit am Wolfgangsee. Dann kamen die Nazis.

Aber auch in der Literatur war die Idylle nur Schein, fast wie im Horrorfilm: Erst besangen Dichter wie Schnitzler oder Zweig die schöne Landschaft, beschrieben heitere junge Menschen beim Tennis, Dampfschiffe, die „blank und putzig“ durchs Wasser pflügen – und helle Kleider, die durch blühende Malven und Levkojen in den Vorgärten schimmern. So wecken die Autoren Sehnsucht nach diesem Fleck, der das Schönste der Zivilisation und der Natur in sich zu vereinen scheint.

Beides trügt. In der Novelle „Brennendes Geheimnis“, die mit der heiser schreienden Lokomotive beginnt, trifft ein Mann am Semmering ein. Wie schön! „Jene weißen, unruhigen Wolken flatterten am Himmel, die nur der Mai und der Juni hat, jene weißen, selbst noch jungen und flattrigen Gesellen, die spielend über die blaue Bahn rennen, um sich plötzlich hinter hohen Bergen zu verstecken.“ Der junge Baron entwickelt Gefühle für eine ältere Frau. Über ihren zwölfjährigen Sohn versucht er, Kontakt herzustellen, fragt ihn, was er hier so mache. Der zählt brav auf: „Ich lese, und dann, wir gehen viel spazieren. Manchmal fahren wir auch im Wagen, die Mama und ich. Ich soll mich hier erholen, ich war krank. Ich muss darum auch viel in der Sonne sitzen, hat der Arzt gesagt.“

Der Baron und die Mutter beginnen eine Liebelei. Der Bub fühlt sich betrogen, zurückgewiesen von beiden, der Mutter und dem Baron, die Situation eskaliert, der Bub reißt aus: „Oh, ich hasse ihn, diesen erbärmlichen Lügner, diesen Schurken.“

Wenn das Glück sich als Vogerl erweist, dann vor allem, weil die Protagonisten einem gefährlichen Irrtum erliegen: In der Heiterkeit am Ufer der Seen und auf Almwiesen, auf den Veranden mit ihren Korbsesseln scheinen die Zwänge der Stadt und des Gesellschaftslebens weit – sind aber nur einen Brief, ein Telegramm entfernt. Schnitzlers Fräulein Else hat sich eben Gedanken gemacht, ob sie einem Sommerflirt nachgeben soll, im nächsten Moment ist die Zukunft ihrer Familie bedroht. Sie soll sich für Geld entblößen.

Aus Liebe in den Abgrund. Ein großes Feld der Sommerfrische thematisiert Schnitzler in der Tragödie „Das weite Land“: die Untreue. Der Glühbirnenfabrikant Friedrich Hofreiter beginnt in den Dolomiten eine Affäre mit der jungen Erna. Vom Hotel am Völser Weiher aus machen sie eine Bergtour. Seine Gefühlslage offenbart Hofreiter so: „Erna, Erna! Ich wär' imstande, eine rasende Dummheit zu begehn. Plötzlich versteh' ich allen Unsinn, über den ich mich früher lustig gemacht habe. Ich verstehe Fensterpromenaden, Serenaden. Geste. Ich versteh', dass  man mit gezücktem Messer auf einen Rivalen losgehn, aus unglücklicher Liebe in einen Abgrund springen kann.“

Ambrosische Nacht. Solche Dramen gibt es auch in Romanen. Heimito von Doderer hat Prein an der Rax in seinen Werken verewigt, in der Familienvilla schrieb er auch an seinen Texten. In „Die Strudlhofstiege“ wird dieser Riegelhof die Stangeler'sche Villa genannt. Über dem verwinkelten Haus erhob sich ein Hügel, wie es auch im Buch heißt: „Solcher Ausblick und Draufblick machte den Punkt geeignet, von den jeweils unter jenem Dach herrschenden Verhältnissen und Umständen Abstand zu nehmen und sie zu erörtern; besonders Asta und René zogen sich zu solchem Zwecke gern auf diese Warte der Objektivität zurück. Man lag hier stundenlang in der Sonne.“ Ein Ort, ideal für erotische Verwirrungen: „Des Sommers, im Hochgebirge, da kann man's begreifen, was eine ambrosische Nacht eigentlich ist.“

Dass die Sommerfrische der Ehe schade, war übrigens eine häufig geäußerte Kritik. Schließlich war es üblich, dass das Familienoberhaupt Frau und Kinder vorausschickte. Auch während des Sommers mussten die Väter immer wieder nach Wien zurück. So viel Freiraum – für beide – macht leichtsinnig. Doch nicht nur die lockereren Sitten erregten Unmut: Dass man acht Monate spare, um vier Monate lang das ganze Ersparte zu verprassen, erschien dem Wiener Feuilletonisten Friedrich Schlögl schlicht verwerflich. Hanns Haas zitiert in seinem Aufsatz „Die Sommerfrische – Ort der Bürgerlichkeit“ einen Wiener Hausherrn, der freimütig zugibt, er fahre unter anderem auf Sommerfrische, „da man sonst den Glauben erwecken könnte, man habe nicht mehr die Mittel dazu“. Schnitzler war in Ischl nur so produktiv, weil er sich, wie er meinte, nicht unter die „herumsitzenden und quatschenden Sommerteppen und -teppinnen“ mischte.

Noch jemand schüttelte ob der Marotten und Ansprüche der Gäste immer wieder den Kopf: die Landbevölkerung selbst. Allein diese Mode! Diese Exaltiertheit! Adalbert Stifter lässt in „Der Waldsteig“ eine Ischlerin über den städtischen Verehrer  sagen: „ . . . auch trägt er nicht die närrischen Gewänder, wie die anderen in dem Badeorte, sondern ist so einfach und gerade hin gekleidet wie wir selber“.

Ja, was halten denn die Gastgeber von all den Fremden? Schnitzler hat folgenden Dialog in „Das weite Land“ eingearbeitet. Ein Gast, dem das Sortieren der Post zu langsam geht, beklagt sich beim Portier: „Schlamperei. Da klagt ihr dann über den schlechten Fremdenverkehr.“ Portier:  „Wir klagen nicht, Herr von Serknitz. Wir sind überfüllt.“ Gast: „Ihr verdient die Gegend nicht, sag' ich.“ Das letzte Wort hat freilich der Portier: „Aber wir haben sie, Herr von Serknitz.“ 

Historie

Bad Ischl und Co.

Das Wort Sommerfrische kam in Österreich im 19. Jahrhundert auf. Vor allem die reichen Wiener machten es dem Kaiser nach und zogen im Sommer von der Stadt aufs Land, so wie es der Adel seit der Antike gewohnt war. Neben dem nahen Baden und dem Semmering wurde das Salzkammergut zum begehrten Ziel. Der Kaiser residierte in Ischl – Johann Nestroy und Karl Kraus waren von diesem Ort entzückt. Und Leo Perutz liegt dort sogar begraben. Er starb 1957 im Urlaub.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2014)

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