Glattauers Gespür für das Gute

In seinem neuen Roman "Geschenkt" schildert Daniel Glattauer den Wandel eines einsiedlerischen Versagers zum Alltagshelden. Das ist eine Spur zu einfach und vorhersehbar.

Daniel Glattauer ließ sich von einer anonymen Geldspenderserie in Braunschweig inspirieren.
Daniel Glattauer ließ sich von einer anonymen Geldspenderserie in Braunschweig inspirieren.
Daniel Glattauer ließ sich von einer anonymen Geldspenderserie in Braunschweig inspirieren. – Ingo Pertramer

Zur Abwechslung würde man vielleicht gern wieder einmal lesen, wie aus einem Glückspilz ein Unglücksrabe wird, nur damit es nicht so vorhersehbar ist. Aber solch tragische Geschichten schreibt ohnehin das Leben – oder es gibt dazu schon einen Klassiker der Weltliteratur. In modernen Romanen geht es meist eher andersrum: Aus dem Underdog wird im Nu der Superheld. Happy End hoch zwei garantiert.

So ist das auch im neuen Roman von Bestsellerautor Daniel Glattauer. Wobei er seinem Protagonisten Gerold Plassek zu Beginn ein wirklich trostloses Dasein verpasst: Der nicht gerade arbeitseifrige Journalist schreibt Kurzmeldungen in der Gratiszeitung „Tag für Tag“. Er ist geschieden, antriebslos und faul, hat keinen Draht zu seiner fast erwachsenen Tochter, lebt in einer kargen Wohnung und trinkt Tag für Tag das ein oder andere Bier zu viel. Irgendwie sympathisch ist er ja, dieser Gerold, aber doch ein echter Verlierer.

Plötzlich kommt im wahrsten Sinn des Wortes Leben in Gerolds blassen Alltag, nämlich in Person des 14-jährigen Manuel. Dieser ist, wie der verdutzte Gerold von seiner sehr lang Verflossenen Alice erfährt, sein Sohn. Gezeugt vor 15 Jahren während einer Wochenendaffäre, doch für die Mutter gab es bisher keinen Grund, ihn von der Existenz seines Kindes zu informieren. Jetzt aber geht sie für ein halbes Jahr als Ärztin nach Afrika und bittet Gerold, sich um Manuel zu kümmern. Gleichzeitig weckt Gerold eine anonyme Spendenserie aus seiner Lethargie: Nachdem er eine Kurzmeldung über eine überfüllte Obdachlosenschlafstätte verfasst hat, trifft dort ein Kuvert mit 10.000 Euro ein. Und das ist nicht die letzte Spende an Einrichtungen, über die Gerold einen Siebenzeiler verfasst.


Abschiebung. Auch die Familie Pajew bekommt ein Kuvert mit 10.000 Euro, nachdem Gerold über ihre drohende Abschiebung nach Tschetschenien berichtet hat. Dies schreibt er schon nicht mehr in der (natürlich) ausländerfeindlichen Gratiszeitung, sondern im angesehenen, eher linken Qualitätsblatt „Neuzeit“, das durch die Geschichte einen Auflagenanstieg erlebt. Bei seinen Sozialreportagen, die er nun für die „Neuzeit“ schreibt, hilft ihm Manuel, was ihr Verhältnis immer enger werden lässt, obwohl der junge Mann nicht weiß, dass Gerold nicht bloß ein entfernter Onkel ist. Und dann gibt es da noch die Zahnärztin Rebecca, in die sich Gerold verknallt. Aber Glattauer wollte sich nach seinen romantischen E-Mail-Bestsellern und der Stalker-Story „Ewig Dein“ diesmal nicht so sehr auf die Liebe konzentrieren. Sie bleibt hier eindeutig nur Nebensache.

So dreht sich „Geschenkt“ vor allem um die (verdeckte) Vater-Sohn-Beziehung und die Frage, wieso jemand unerkannt Gutes tut. Eine solche anonyme Spendenserie gab es 2012 in Braunschweig wirklich. Glattauer erfuhr bei einer Deutschlandreise davon und war von dem Thema fasziniert. In „Geschenkt“ verknüpft er die Suche nach dem Anonymspender mit ein bisschen Asylthematik hier – die Geschichte der Familie Pajew erinnert an die der Familie Zogaj – und ein bisschen Medienkritik da. Als langjähriger „Standard“-Redakteur kennt er das Mediengeschäft. Etwas eindimensional wirkt daher die Einteilung in die bösen, kapitalistischen Boulevardmedien und die hehren Tageszeitungen. Da hätte man sich mehr Zwischentöne gewünscht.

Womit wir beim Grundproblem dieses Romans sind: Er ist zu glatt gestrickt. Dass sich Sohn Manuel und Vater Gerold irgendwann mögen werden, ahnen wir schon nach ihren ersten Gesprächen. Dass die kühle Zahnärztin Rebecca sich irgendwann auch für Gerold interessieren wird, ebenso. Und von Gerolds leichtfüßigem Wandel vom phlegmatischen Morgenmuffel zum verantwortungsvollen Frühaufsteher, bei dem nach und nach alles gut wird, ist nicht nur er selbst überrascht. Spannend bis zuletzt bleibt eigentlich nur, wer der anonyme Spender wirklich ist.

Dabei muss man Glattauer zugestehen: Amüsante Dialoge schreiben, vor allem die zwischen Kindern und Erwachsenen, kann er. Und die wenigen E-Mails, die es dann doch auch in diesen Roman geschafft haben, gehören zu den leichtfüßigsten Passagen der Lektüre. Ob das insgesamt ein unterhaltsames Buch hergibt? Geschenkt.

Neu Erschienen

Daniel Glattauer
„Geschenkt“
Deuticke Verlag
334 Seiten
20,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2014)

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