Bachmann-Preis: Ein Tyrann als komischer Held

Tilman Rammstedt gewinnt mit seinem schwarzhumorigen „Der Kaiser von China“ in Klagenfurt. Er setzte sich bei Jury und Publikum durch.

(c) AP (Gert Eggenberger)

Turbulente Tage auf dem weiten Meer, bevor es am Ende unterging oder zerfiel und davontrieb in alle Richtungen.“ Mit diesen Worten von Anette Selg endeten die Lesungen des diesjährigen Bachmann-Wettbewerbs. Besser hätte man den Ausgang dieser „32. Tage der deutschsprachigen Literatur“ kaum beschreiben können. Nach 14 Stunden Lektüre und Diskussion zeichnete sich in diesem Jahr kein eindeutiger Favorit für den Hauptpreis ab. Das Publikum trieb davon, die Jury versammelte sich zu einer kurzen Beratung, um zeitgerecht zur „Prime Time“ um 20.15 Uhr auf 3-sat einen Sieger küren zu können. „Lieber Großvater, du bist tot. Viele Grüße. Dein Enkel Keith“, heißt es am Ende des Textes „Der Kaiser von China“ von Tilman Rammstedt. Zehn Worte, die eine Postkarte nicht füllen. Weshalb Keith sie kurzerhand knapp unter seinem Namen abschneidet und anschließend in den Briefkasten wirft. Dass ein kriegsversehrter Haustyrann, der sein Lebtag aus Deutschland nicht hinausgekommen ist und zeitlebens von China träumt, zum Helden einer Bachmann-Preis-gekrönten Geschichte wird, war nicht zu erwarten. Viel weniger überraschte da schon, dass dieser schwarzhumorige Text auch den Publikumspreis abräumte. „Das überlebte Über-Ich“ nannte André Vladimir Heiz in der Diskussion dann diesen Großvater, der penibel auflistet, wen aller er bereits überlebt hat, und der nach jedem Todesfall die Glückwünsche seiner Verwandten mit den Worten kommentiert: „Danke, aber noch ist nichts erreicht.“


Komische Texte verdächtig gemacht

Dass Rammstedts hochkomischer Text nicht nur beim Publikum punktet, sondern auch die Hürde der Jury-Abstimmung überspringt, hat sich keineswegs zwingend abgezeichnet. Hat doch Ursula März von Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen die Gelbe Karte gezeigt bekommen, als sie in der Diskussion über den ebenfalls witzigen Text Ulf Erdmann Zieglers auf die langjährige Differenz zwischen der ästhetischen Wahrnehmung des Publikums und jener der Jury beim Bachmann-Preis verwies. Insbesondere Texte, bei denen es etwas zu lachen gäbe, so März, würden von der Jury verdächtig gemacht. Die Kompetenz eines solchen Gremiums verlange, die Evidenz der eigenen Reaktionen zu hinterfragen, replizierte professoral der Vorsitzende.

Umso erstaunlicher, dass der von Daniela Strigl vorgeschlagene Text „Das Zimmermädchen“ von Markus Orths den Telekom-Preis erringen konnte. Auch die Putzfanatikerin, die sich unter die Betten der Hotelgäste legt, um sich in deren Leben zu schleichen, ist eine tragikomische Figur. „Man schnüffelt immer“, outete sich dabei Ursula März als ehemaliges Zimmermädchen, das einst die zahllosen leeren Flaschen der Mannschaft von Ajax Amsterdam aus den Zimmern zu beseitigen hatte. Dass man den Text doch „höher jazzen“ müsse, als Klaus Nüchtern das bei der Diskussion getan hatte, merkte Ijoma Mangold an. Orths' Sauberkeitsfanatikerin setzte sich dann überraschend gegen den Altbauern „Späth“ aus dem am höchsten gehandelten Text von Patrick Findeis durch. „Kein schöner Land“ sei „meisterhaft, musikalisch und hochkarätig“, fand André Vladimir Heiz, und Strigl fand die wiederbelebte Tradition des Bauernromans hier gebrochen durch „Drogen, Homosexualität und Satelittenschüssel“. Überzeugt hat dabei vor allem der elegische Ton der Geschichte, der an keiner Stelle manieriert ist (Spinnen).

Große Freude herrschte beim Residenz Verlag über den Ernst-Willner-Preis an ihren Autor Clemens J. Setz. Seine Geschichte über „Die Waage“, die in einem Hinterhof ein Eigenleben beginnt und die Bewohner des Hauses in ihren Bann schlägt, ist noch ein sehr unterhaltsamer Text, der diesmal in Klagenfurt reüssierte. „Bei jedem Bewerb ist ein Verrückter dabei“, natürlich als literarische Figur, eröffnete Klaus Nüchtern die Diskussion. Doch viel gab es nicht zu debattieren, weil weitgehend Einigkeit über die Qualitäten des Textes herrschte. Man erfährt darin auch, welche Auswirkungen es haben kann, wenn Männer zu viel Fleisch essen: Sie „erzählten sich entsprechend obszöne Witze“.


Autorinnen gingen wieder leer aus

Auffallend ist, dass zum zweiten Mal kein einziger von den fünf Preisen des Bewerbs an eine Kandidatin ging. Alina Bronsky, Heike Geißler, Dagrun Hintze, Sudabeh Mohafez, Angelika Reitzer, Anette Selg haben nach ihren Lesungen ebenso Zustimmung und Widerspruch gefunden wie viele ihrer männlichen Kollegen. Trotzdem hat keine einen Preis ergattert. Ist es möglich, dass sich inzwischen mit Männern wieder eher „Stars generieren“ lassen, wie der Neo-Moderator Dieter Moor in seiner Eröffnungsansprache formulierte? Er hat ja Recht: Das Fernsehen ist inzwischen zum wichtigsten Element des Bachmann-Preises geworden. Deshalb wurde nicht nur der zurückhaltende Ernst A. Grandits vom sonor polternden Dieter Moor ersetzt, sondern auch sonst einiges verändert. So wurde etwa das ORF-Theater „umgedreht“. Dort, wo früher das Publikum auf Bänken hin und her rutschte, gruppieren sich nun die fernsehgerecht gestylten, aber engen Stühle für die Juroren. Ein wenig abseits davon steht der Büßerstuhl für die Kandidaten, damit ein Kameraschwenk Dieter Moor begleiten kann, wenn er nach dem Ende der Lesungen die Autoren in die Diskutantenrunde holt. Das Publikum muss sich auf schmalen und dichten Stuhlreihen drängen, die noch dazu von einem Gitter umzäunt sind.

Schon früher war es nicht leicht, live dabei zu sein. Jetzt gelingt das nur noch jenen Frühaufstehern, die eine knappe Stunde vor Beginn die wenigen Plätze reservieren. Das ist aber nur ein Teil des groß angelegten Publikumsvertreibungsprogramms. Ergänzt wird es unter anderem dadurch, dass nicht mehr pünktlich begonnen wird, sondern das Bachmann-Preis-Publikum darauf warten muss, bis die vorherige Sendungen auf 3-sat beendet sind. Vielleicht hat Heike Geißler die Absicht der Veranstalter am besten auf den Punkt gebracht, als sie in ihrem Kurzporträt sagte: „Das ist schön, wenn man sich nicht sieht. Das Störendste beim Schreiben bin ja ich.“ Kommentar S. 31

Die Preisträger

Tilman Rammstedt: *1975 in Bielefeld. Mitbegründer der Lesebühne Visch & Vers, Texter/Musiker von „Fön“. Zuletzt erschienen: „Wir bleiben in der Nähe“ (DuMont, 2005).
Markus Orths: *1969 in Viersen. Zuletzt: „Fluchtversuche“ (Schöffling, 2006).
Patrick Findeis: *1975 in Heidenheim. Zuletzt in der Zeitschrift „Edit 42“: „Kein schöner Land“ (1. Teil, 2007).
Clemens J. Setz: *1982 in Graz. Zuletzt: „Söhne und Planeten“ (Residenz).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2008)

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