Otar Tschiladse: „Das Volk vergisst, der Mensch nicht“

Ein Gespräch mit Georgiens bekanntestem Schriftsteller – über die genetische Aggressivität russischer Politik, Europas „riesigen Fehler“ und den Autor als „Bombe mit verzögerter Wirkung“.

(c) Die Presse (Eduard Steiner)

Dass sich ein Schriftsteller von der Größe eines Otar Tschiladse für ein Interview bedanken muss, gehört wohl zu den Ungereimtheiten der modernen Welt. In all den Jahren seit Georgiens Unabhängigkeitserklärung 1991 habe sich so gut wie kein ausländischer Kulturattaché für Georgiens Literatur interessiert, bedauert Tschiladse. Auch stimme ihn nachdenklich, dass im derzeitigen Krieg kein russischer Autor die Stimme erhebe. Mit der „Presse“ sprach er über die Psychologie der russischen Staatsführung, europäische Werte, kaukasische Traditionen und die Macht des Wortes.

Die Presse: Es gibt ja Beispiele, dass Schriftsteller in die Politik gingen. Haben Sie nie daran gedacht?

Otar Tschiladse: Der Schriftsteller an sich ist schon ein Politiker. Von Victor Hugo heißt es, er habe das Denken von Millionen Leuten verändert, während ein ganzes Bataillon auf der Barrikade vielleicht 200 bis 300 Leute vernichten kann. Sowohl georgische als auch russische Kritiker schrieben, dass ich den Boden für Georgiens Unabhängigkeit bereitet habe. Gewaltlos – wiewohl ich sonst ja Waffen mag; in der Jugend war ich ein guter Schütze. Schriftsteller und Kunst sind immer in Opposition. Jede Regierung sucht entweder ein gutes Verhältnis zur Kunst oder versucht, sie zu unterdrücken, zu beseitigen oder zu kaufen. Das ist uralt.

 

Was in Ihren Werken war das Wichtigste für die revolutionäre Wirkung?

Tschiladse: Das Wichtigste ist, dass mein Volk die Wahrheit erfährt und endlich versteht, dass es nicht frei ist. Die letzten zwei Jahrhunderte befinden wir uns unter Russlands Diktat. Wenn Politiker von der „Freundschaft“ zwischen Georgien und Russland reden, ist das absolute Lüge. Keine Minute gab es diese „Freundschaft“. Ich habe großen Respekt vor dem russischen Volk, der russischen Kultur. Aber der russische Staat ist eine völlig andere Maschinerie. Ich war mit russischen Schriftstellern befreundet, habe aber die Freundschaft aufgekündigt, weil sie zu den aktuellen Ereignissen schweigen. Keiner hat den Mut und die Würde zu sagen, dass die Georgier nicht der Aggressor sind.

 

Alle Schuld auf der Seite der Russen?

Tschiladse: Die Osseten und die sogenannten Abchasier sind keine indigene Bevölkerung Georgiens. Die Russen haben diese Völker hier angesiedelt. Südossetien ist Zentralgeorgien. In Abchasien begann der georgische Staat. Selbst Sotschi ist eine georgische Stadt. Erst durch die Russifizierung begann man Abchasien als eigene Einheit zu definieren. Und so begann dort das russische Denken das georgische abzulösen. Die russische Politik machte alles, damit Abchasien ein eigenes Land wird. Viele waren gezwungen, sich russifizieren zu lassen, weil ihnen die Russen sonst etwa kein Recht zum Handel mit Russland gegeben hätten.

 

Wenn man Ihnen zuhört, gewinnt man den Eindruck, dass die Russen die Aggression in den Genen haben.

Tschiladse: Ja, das ist beinahe so.

 

Die Welt freilich ändert sich, etwa durch die Globalisierung. Erwarten Sie nicht, dass auch in Russland eine neue Generation kommt?

Tschiladse: Einstweilen sehe ich keine Anzeichen. Zwei, drei Leute versuchen, objektiv zu sein, kritisieren die Vorgangsweise. Das ist wenig, und weiß der Teufel, ob das nicht nur zur Täuschung geschieht.


Meinen Sie, dass in Georgien selbst die Kritik an der eigenen Staatsmacht ausreichend ist? Der Angriff der Georgier auf die südossetische Hauptstadt lässt doch Zweifel aufkommen.

Tschiladse: Das ist ein ganz anderes Thema. Ob mir das Volk und meine Regierung gefällt, ist allein unsere Angelegenheit. Derzeit stellen die Georgier diese Frage nicht. Denn wir haben jetzt eine Regierung, die unsere Unabhängigkeit und Staatlichkeit verkörpert. Georgien ist kein Aggressor. Wenn Sie das nicht glauben, dann ist es zwar schön, dass Sie hier sind, aber unser Gespräch über dieses Thema hat keinen Sinn. Der russische Dichter Alexander Puschkin hat schon 1821 die russische Politik brillant definiert: „Es ist eine wichtige Frage, was Russland machen wird: Nehmen wir Moldawien und die Walachei unter dem Vorwand der friedliebenden Vermittler ein?“ Aktuell, oder?

 

Trotzdem: Was missfällt Ihnen an Ihrem eigenen Land?

Tschiladse: Mir gefällt nicht, dass sich Okkupanten darin befinden. Wenn die Unabhängigkeit wieder hergestellt ist, erzähle ich Ihnen, was mir an meinem Staat nicht gefällt. Der Schriftsteller ist eine Bombe mit verzögerter Wirkung, das Wort des Journalisten wirkt sofort. Der Journalist muss die Wahrheit sagen. Was jetzt vor sich geht, ist nicht die Folge unserer Bomben auf Zchinwali, sondern Folge dessen, dass die Südosseten eineinhalb Monate lang georgische Dörfer bombardiert haben. Irgendwann reagierten wir auf die Provokation. Damit eines klar ist: Ich bedaure jeden einzelnen Toten in Südossetien. Die Südosseten reden von der Verteidigung ihrer Landsleute; aber das Leben der Georgier wollen sie nicht verteidigen? Warum? Warum wurden russische Pässe an die Südosseten verteilt?

 

Nach allem, was passiert ist: Sehen Sie eine Möglichkeit, dass Südossetien noch Bestandteil von Georgien sein kann?

Tschiladse: Es war immer Teil Georgiens. Und ohne Südossetien ist Georgien nicht Georgien. Wenn die Südosseten zu Russland übertreten, wird es sie in weniger als zehn Jahren als eigenes Volk nicht mehr geben. Ich kann sie nicht zur Rückkehr zwingen. Aber ich halte es für einen riesigen Fehler Russlands. Einen besseren Freund und Partner als die Georgier hätte es auf der ganzen Welt nicht finden können. Das Volk hat ein kurzes Gedächtnis, und das ist gut so. Denn so verzeiht es und bleibt am Leben. Im Unterschied dazu hat der Mensch ein langes Gedächtnis, vergisst nicht und stirbt.


Wenn Russland tatsächlich so aggressiv ist: Wie muss man dann mit ihm umgehen?

Tschiladse: Sich zu keilen rate ich niemandem. Bleibt nur, Achtung zu haben und sich selbst nicht erniedrigen zu lassen. Keine Konzessionen zu machen, die bei Russland nur den Glauben stärken, dass es alles darf. Man muss härter mit den Russen umgehen – und würdevoller.

 

Was halten Sie vom Umgang Europas mit Russland in den letzten Jahren?

Tschiladse: Ich halte ihn für einen riesigen Fehler. Europa hat immer Konzessionen gemacht. Man hat Russland an nichts gehindert. Dabei haben die Ereignisse in Georgien leider große Bedeutung für die ganze Welt. Je mehr auch der Westen Würde zeigt, umso mehr wird er von den Russen geachtet. Wenn Sie zeigen, dass Sie etwas darstellen, weicht Russland etwas zurück. Das ist die einzige Sprache, die es versteht. Und wenn man die eigene Macht und Stärke zeigt, dann versteht Russland erst recht gut und wird sofort wohlgesinnt.

 

Sie sagten, dass Ihre Bücher starke Veränderungen nach sich zogen. Wie sieht's heute, knapp 20 Jahre später, mit der Wirkung der Literatur aus?

Tschiladse: Leider hat sich auf der ganzen Welt das Verhältnis zu Büchern geändert. Aber ich denke, das ist eine temporäre Erscheinung. Der Computer ist ja nicht zur Zerstörung der Bücher erfunden worden. Bücher sind die einzige Welt, in der der Mensch sich mit sich selbst trifft und er sich selbst erkennt. Wo er versteht, was mit ihm vor sich gegangen ist, und was vor sich gehen kann.

 

Wenn Sie sich die europäischen Werte ansehen und sehen, wie sich die westliche Lebensart – unter anderem in Georgien – ausbreitet, wie stehen Sie zu diesen Werten, und wie wirken sie sich aus, wenn sie mit den georgischen bzw. kaukasischen Werten und Traditionen kollidieren? Werden diese verdrängt?

Tschiladse: Diese Frage betrifft die ganze Welt. Ich persönlich bin nicht begeistert von der Amerikanisierung der Welt. Das betrifft Amerika selbst ja auch. Wenn wir wollen, dass es interessant bleibt, auf der Erde zu leben, müssen wir unsere eigene Kultur und Tradition bewahren. Je weniger wir einander ähneln, umso näher sind wir einander.

 

Aber es gibt ja auch gemeinsame Werte.

Tschiladse: Ich ziehe wahrscheinlich bis zum Tod die europäischen Werte vor. Sie sind mir näher und akzeptabler. Anders kann ich nicht leben. Die europäischen Werte decken sich ja mit den georgischen – sie haben eine gemeinsame Grundlage. Es besteht eine geistige und seelische Nähe.


Sie sind auf dem Weg, sich in europäische Strukturen zu integrieren. Europa besteht aus sehr unterschiedlichen Traditionen. Womit kann Georgien Europa bereichern?

Tschiladse: Genau weiß ich es nicht. Sicher aber mit der Achtung vor anderen Menschen, der Achtung vor dem Schwachen, Hilfe für den Bedürftigen. Sich nicht überlegen und höher im Verhältnis zu anderen zu fühlen. Schon im 10. bis 12.Jahrhundert standen in einer georgischen Stadt eine christliche Kirche, eine islamische Moschee und eine jüdische Synagoge nebeneinander.

Lassen wir einmal Russland als Einflussfaktor außer Acht. Sehen Sie auch so Konfliktgefahren auf dem Kaukasus, der ja von zahlreichen unterschiedlichen Völkern mit einer Vielzahl unterschiedlicher Sprachen bevölkert ist?

Tschiladse: Gäbe es keine russische Politik und keinen russischen Wunsch, den Kaukasus zu erobern und einen Zugang zum Mittelmeer zu erhalten, gäbe es keine Konflikte. Russland will immer Konfliktherde schaffen, um so seinen Einfluss zu bewahren. Deshalb ist das hier eine gefährliche Zone.

Zur Person

Otar Tschiladse gilt nicht nur als Georgiens bekanntester Schriftsteller, sondern auch als intellektuelle Autorität im Land. 1933 geboren, studierte er Publizistik, arbeitete aber nie als Journalist. 1959 erschien sein 1.Lyrikband „Züge und Reisende“, danach „Tontafeln“. Romane: „Ein Mann ging des Weges“, „Jeder, der mich findet“, „Das Eiserne Theater“, „Der Märzenhahn“, „Awelum“.

In seinem letztenmythischen Roman „Godori“ entwirft er die Geschichte Georgiens und dessen Verhältnis zu Russland retrospektiv neu und zerstreut die idyllischen Vorstellungen über das Kaukasusvolk. 1991 und 1999 wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert. Seine Werke sind in viele Sprachen, auch ins Deutsche übersetzt. Tschiladse lebt in Georgiens Hauptstadt Tiflis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2008)

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