Literaturpapst und Begeisterungsprediger

Wendelin Schmidt-Dengler im Porträt: Der Inbegriff des österreichischen Literaturlebens füllte eine einzigartige Bandbreite von Funktionen mit einzigartigem Engagement.

(c) APA (Georg Hochmuth)

Er war der Inbegriff österreichischer Literaturwissenschaft: Wendelin Schmidt-Dengler, Literaturpapst mit ansteckenden Begeisterungspredigten, Kritiker mit spitzer Zunge, Wissenschafter mit ebenso großen Verdiensten in Spezialistenkreisen wie in der breiten Öffentlichkeit, ist gestern, Sonntag, völlig überraschend an einer Lungenembolie gestorben. Die Bandbreite seiner Funktionen im Literaturleben des Landes und die Begeisterung und Kompetenz, mit der er sie ausübte, war einzigartig groß. Ebenso wie die Lücke, die er hinterlässt.

Seine Heimat war die Universität. Der Vorstand des Wiener Instituts für Germanistik war nicht nur ein Garant für volle Hörsäle, sondern auch für launige Bemerkungen und engagiertes Handeln in der Uni-Politik. Tausende Germanistik-Studenten hat er mit profunder Sachkenntnis, sichtbarer Begeisterung und kurzatmigem Vortrags-Stakkato mit der Vielfältigkeit der österreichischen Literaturlandschaft vertraut gemacht. Was ihn bei Studenten und in der Öffentlichkeit gleichermaßen beliebt machte: Seine Fähigkeit, die aktuelle Relevanz der Literatur - der Gegenwart ebenso wie der Antike - für jeden sichtbar zu machen. Nicht zuletzt für diese Fähigkeit wurde er im Jänner als "Wissenschafter des Jahres" ausgezeichnet und hätte bei der heurigen Frankfurter Buchmesse den "Preis der Kritik" erhalten sollen.

Dabei hatte der Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek seine Liebe zur Literatur eigentlich "unter der Kuppe der Altphilologie verstecken" wollen. Am 20. Mai 1942 in Zagreb geboren, wusste Schmidt-Dengler während seiner Schulzeit in Wien genau, dass er nicht Germanistik studieren wollte. "Ich habe Literatur geliebt, aber gerade deshalb wollte ich es nicht studieren. Ich dachte, das ist ein Bereich, den ich für mich behalte." Sein Hauptfach, in dem er schließlich über Aurelius Augustinus' "Confessiones" promovierte, war die Klassische Philologie. Seine Liebe zu Griechen und Lateinern ist ihm geblieben, von der Habilitation 1974 über die Wirkungsgeschichte antiker Mythologeme in der Goethezeit bis zu aktuellen Vorlesungen über den Vergleich von antiken und modernen Dramen wusste er stets Bezüge zu ihnen herzustellen.

Seit 1980 war er als außerordentlicher, seit 1989 als ordentlicher Professor am Institut. Ausgezeichnet wurde Schmidt-Dengler schon 1968 mit dem Theodor-Körner-Preis, 1978 mit dem Förderungspreis der Gemeinde Wien, 1994 mit dem Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik und 1997 mit dem Preis für Sozial- und Geisteswissenschaften der Stadt Wien. Das Literaturarchiv, dem er seit 1996 vorsteht, baute er zu einer der bedeutendsten Literaturinstitutionen im deutschen Sprachraum aus, sein jüngstes Projekt - die Einrichtung eines Literaturmuseums in der Österreichischen Nationalbibliothek - konnte er nicht mehr zu Ende führen.

Er liebte Homer und Thomas Bernhard und er liebte Rapid. Mit allen drei Themen schaffte er es, vor der Fachwelt, vor Studenten, in Medien und Öffentlichkeit höchstes Ansehen zu erringen. "Ich habe mich einfach hingestellt und gesagt, was ich sagen wollte", erklärte er seinen Erfolg im Jänner der APA. Wir hätten gern noch viel mehr davon gehört.

(APA)

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