Furcht und Glückseligkeit in Stalins Russland

Interview. Der britische Russland-Historiker Orlando Figes hat eine herausragende Studie über das private Leben in Russland unter Josef Stalin geschrieben. Manche Folgen der damaligen Diktatur sind noch heute zu spüren.

Orlando Figes
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Orlando Figes
(Michaela Bruckberger)

Die Presse: Für ihr neues Buch „Die Flüsterer" über das Privatleben in Russland unter der Stalin-Diktatur haben sie rund 1000 Zeugnisse zusammengetragen, davon sind fast die Hälfte Interviews mit Zeitzeugen. Die aber werden immer älter. Sie haben also möglicherweise die letzte Chance genützt, um ein solches Thema auf der Grundlage persönlicher Berichte abzuhandeln?

Orlando Figes: Möglicherweise Ja. Wir haben mit etwa 1000 Familien angefangen, 454 davon gaben Interviews und fast alle haben dem Forschungsprojekt schriftliche Zeugnisse zur Verfügung gestellt. Das Durchschnittsalter der Interviewten war 78. Seit wir die Gespräche geführt haben, sind etwa ein Drittel der 454 Gesprächspartner gestorben. Also heute könnte man das Buch gar nicht mehr so machen, weil viele der Zeugen inzwischen tot oder einfach schon zu alt sind.

Hätte man ein solches Projekt also schon früher in Angriff nehmen sollen?

Figes: Das wäre wahrscheinlich auch nicht gegangen. Im letzten August bin ich mit einem BBC-Team nach Russland gereist, um eine Sendung über das Projekt zu machen. Meine Partner von der Menschenrechtsorganisation „Memorial" haben uns erklärt, dass man die Interviews in den 1990er Jahren nicht hätte durchführen können. Damals interessierten vor allem die externen Faktoren der Unterdrückung. Wir aber baten die Leute, aus sich herauszugehen, ihre Gefühle und ihre politische Einstellung zu beschreiben, wie sie auf die Verhaftung von Angehörigen reagiert haben, wie es war, wenn Verwandte aus dem Straflager zurückkehrten: Alles sehr intime Fragen, über die die Leute in den 1990er Jahren nicht zu sprechen bereit waren.

Also haben Sie ein Fenster, das sich in Russland geöffnet hatte, ausnützen können?

Figes: Ja, es war ein nur sehr kurzzeitig geöffnetes Fenster, das wir nützen konnten.

Wenn sich also wieder ein Historiker mit dem Alltagsleben unter Stalin beschäftigen will, bleiben ihm wohl nur noch Tagebücher und andere schriftliche Zeugnisse?

Figes: Möglicherweise. Aber es gibt nur sehr wenige Tagebücher aus dieser Zeit. Und die wenigen, die es gibt, stammen zumeist von Intellektuellen. Nur sehr wenige Leute haben Tagebücher geschrieben. Wenn sie sie aufbewahrt haben, wurden viele zu irgendeinem Zeitpunkt aus Angst, dass sie entdeckt werden könnten, vernichtet. Obwohl wir hunderte Familienarchive sammeln konnten, gab es nur sehr wenige Tagebücher in diesen Beständen. Geblieben sind hingegen viele Briefe, und einige Zeugen haben später auch Memoiren geschrieben.

Ihr Buch vermittelt Stalins Russland als eine kalte Welt, eine eiskalte Gesellschaft. Gab es da denn überhaupt keine Wärme?

Figes: Oh doch, natürlich. Bei den Leuten, mit denen wir über das Leben in den „Kommunalkas", den Gemeinschaftswohnungen sprachen, gab es sehr gemischte Erinnerungen. Vor allem Leute, die damals Kinder waren, erinnern sich an die „Kommunalkas" durchaus positiv: dass alles miteinander geteilt wurde, dass es dauernd Feiern gab, dass sie draußen in den Gängen und auf Plätzen spielen konnten. Die Erwachsenen haben da ihre ganz anderen Erinnerungen: dass in den „Kommunalkas" oft mehrere Familien lebten, dass sie hoffnungslos überfüllt waren, dass es überhaupt keine Privatsphäre gab. Und die Leute haben auch eine gute Erinnerung an den Weltkrieg.

Warum?

Figes: Sie erinnern sich an den Weltkrieg als eine Periode der menschlichen Wärme, an Kameradschaft, auch an eine Periode relativer Freiheit, weil der Staatsterror der Dreißigerjahre nachgelassen hatte. Es war mehr Eigeninitiative möglich, ohne gleich fürchten zu müssen, verhaftet zu werden. Und sie erinnern sich an die Freundschaft während der Kriegsjahre. Aber das ist natürlich eine ganze andere Kriegserinnerung, als die, die das Sowjetregime den Menschen dann aufgezwungen hat. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew hat mir vorgeschlagen, das Buch „Furcht und Glückseligkeit" zu betiteln. Dieses Konzept wäre nicht so schlecht gewesen. Denn einerseits war da die Propaganda, wonach das Leben immer besser, immer unbeschwerter werde, anderseits war es ein Leben in ständiger Angst.

Zwei Dinge sind es, die bei der Entwicklung hin zu Stalins Russland besonders auffallen: einmal die Vernichtung des russischen Dorfes durch die Zwangskollektivierung; sodann die Forcierung der Gemeinschaftswohnungen. War das Ziel dieser Maßnahmen die Zerstörung der Familie?

Figes: Die erste Generation utopischer Bolschewiki hatte tatsächlich die Zerstörung der Familie zum Ziel: Sie sollte durch eine höhere Form der kollektiven Loyalität ersetzt werden. Was unter Stalin dann passiert ist, machte die Erreichung des Ziels unmöglich und es gab einen Rückzieher. Die neue Elite der Dreißigerjahre, die vor allem Bauernsöhne und -töchter waren, waren keine Anhänger utopischer Konzepte mehr. Sie wollten in privaten und nicht in kommunalen Wohnungen leben; sie wollten materielle Gegenleistungen für ihre politische Dienerschaft. Unter Stalin war es dann wieder erlaubt, eine private Wohnung zu haben und die Tür zu schließen. Dennoch lief das private Leben nicht isoliert vom öffentlichen Leben ab. Die öffentliche Durchleuchtung blieb aufrecht, man war weiterhin gegenüber dem Kollektiv verantwortlich. Während der Säuberungen wurden den Verhafteten weiter Fragen gestellt wie: „Wie behandeln Sie Ihre Ehefrau?" Während es in den Zwanzigerjahren Ideologie war, dass die Partei über dem Familienvater stand, wurde das Regime in seiner Ideologie patriarchalischer, die Autorität der Eltern wurde wieder hergestellt.

In Ihrem Buch geht es um Stalins Russland. Verlief die Entwicklung in anderen Sowjetrepubliken denn anders als in Russland?

Figes: Ich habe mich bei dem Projekt von vornherein auf die Russische Föderation beschränkt. Aber nehmen Sie eine Hunderschaft russischer Familien und Sie werden auf ukrainische, estnische, armenische und sonst noch alle möglichen Wurzeln stoßen. Aber all die verschiedenen Ethnien zu berücksichtigen, hätte das Projekt viel komplizierter gemacht. Aber vielleicht sollte einmal jemand mögliche ethnische Unterschiede untersuchen. In den baltischen Republiken zum Beispiel ist die Erinnerung sicher eine ganz andere, weil hier das Erinnern an die koloniale Knechtschaft unter Russland dominiert.

Manche Rezensenten Ihres Buches haben auf die Passivität der russischen Bevölkerung gegenüber der Stalin-Diktatur hingewiesen: Waren die Russen schlichtweg zu passiv?

Figes: Ich bin sehr skeptisch gegenüber kulturalistische Erklärungen für das russische politische Verhalten. Faktum ist: Gegen die Zwangskollektivierung gab es massiven Widerstand der bäuerlichen Bevölkerung. Die Bauern wurden unterdrückt, in Straflager gesperrt, zur Zwangsarbeit verpflichtet - und sie sind abgehauen. Da gab es keine Passivität. Eine andere Frage ist, warum die Intelligencija nicht wie die Bauern weggerannt ist. Sie haben auf ihre Verhaftung gewartet. Aber das hat meiner Meinung nach nichts mit der Passivität der Russen, sondern mit der Ideologie der Kommunisten und dem Glaubenssystem der Partei zu tun.

Wo sehen Sie Erbschaften der Gesellschaft, wie Sie sie in Ihrem neuen Buch beschrieben haben, im heutige Russland?

Figes: Da gibt es nach wie vor starke Auswirkungen. Meine russischen Partner von „Memorial" gehen so weit, zu sagen, das heutige Russland lebe noch immer im Schatten des Jahres 1937, dem Höhepunkt der Säuberungen unter Stalin. Da bin ich nicht sicher. Aber die vielleicht wichtigste Erkenntnis unseres Projekts war, dass die Konsequenzen der Unterdrückungspolitik über mehrere Generationen virulent sind.

Können Sie Beispiele anführen?

Figes: Zum Beispiel Leute, die in den Sechzigerjahren, der Zeit der Dissidenten, aufwuchsen. Millionen haben mit den Dissidenten sympathisiert, aber es waren dann nur ganz wenige, die sich auch offen auf die Seite Bürgerrechtler geschlagen haben. Da gab es eine Art Selbstzensur, was die Leute denken und was sie tun dürfen. Das hat sehr viel damit zu tun, wie die Menschen aufgrund der Erfahrungen ihrer Eltern in der Stalin-Zeit erzogen wurden. Den jungen Leuten wurde und wird möglicherweise noch immer eingebläut, Autoritäten nicht in Frage zu stellen, nicht aus der Reihe zu tanzen. Der Kollektivismus ist immer noch sehr stark. Wenn man sich heute Staat und Gesellschaft unter Putin anschaut, wirken die Russen passiv. Aber das hat nicht damit zu tun, dass sie kulturell anders sind, das hat schlicht mit ihren Erinnerungen zu tun.

Ist es also eine Erbschaft der Furcht?

Figes: Ja, das ist es. Aber nicht notwendigerweise eine Furcht, derer man sich voll bewusst ist. Da geht es nicht um explizite, sondern um implizite Andeutungen. Zum Beispiel: Russen hören auch heute immer noch, man soll mit Ausländern nicht über Politik reden. Oder: Sie sollen Leute, die sie kennen, nicht gegenüber Fremden erwähnen. Oder: Sie sollen nicht über die eigene Familiengeschichte reden, außer mit ganz engen Freunden. Das ist die Erbschaft - nicht allein der Stalin-Periode, sondern der gesamten Sowjetzeit. Da gibt gewissermaßen eine eingebaute Konformität, eine Art moralische Amnesie.
Denn so haben die Leute gelernt, im sowjetischen System zu überleben: den Alltag über sich ergehen lassen, ohne zu reflektieren, was man tut. Wenn man ihnen gesagt, etwas zu tun, das ihnen moralisches Unbehagen bereitet hat, haben sie es getan, ohne viel darüber nachzudenken. Dieses Denkmuster ist wohl bis heute immer noch da.

Warum gibt es so etwas wie eine Rehabilitierung Stalins und der Stalinzeit, seit Wladimir Putin der starke Mann in Russland ist?

Figes: Weil das zentral für Putins autoritäres Regime und für den russischen Nationalismus ist. Vielleicht hat das gegenwärtige Regime keine Ideologie, aber wenn es eine hat, dann ist es der russische Nationalismus. Russland soll mit guten Gefühlen in die Vergangenheit blicken.

Wozu ist das gut?

Figes: Putin ist in vielerlei Hinsicht eine Reaktion auf die 1990er Jahre. Diese Zeit wird von den Russen, die Putin unterstützen - und das ist die große Mehrheit - als nationale Schmach empfunden. Aus vielerlei Gründen: Verlust des Sicherheitsgefühls, ausufernde Inflation, ausufernde Korruption, ein Präsident mit Alkoholeskapaden. Vor allem aber gab es da westliche und westlich orientierte russische Historiker, die den Russen erklärten, dass ihre Geschichte furchtbar gewesen sei, dass sie sich schämen sollten.
Dann kam Putin und sagte ihnen: „Ihr müsst Euch nicht schämen. Ihr sollt die Sowjetgeschichte positiv sehen. Stalin hat ein großes Land aufgebaut und wir haben den Krieg gewonnen. Ihr müsst keine peinlichen Fragen mehr stellen, ihr sollt stolz auf Eure Geschichte sein." Diese Manipulation der Geschichte hat es den Russen erlaubt, sich wieder gut zu führen. Sie können in den Westen reisen und brauchen sich dort nicht mehr moralisch belehren zu lassen.

Der Antireflex gegen Moralpredigen trägt wohl auch dazu bei, dass es bis jetzt keine innerrussische Aufarbeitung der schwarzen Seiten der Geschichte gegeben hat, wie dies etwa in Deutschland der Fall war.

Figes: Nein, eine Aufarbeitung der Geschichte gibt es bis jetzt nicht. Aber die hat es ja auch in Deutschland oder Österreich nicht sofort nach dem Krieg gegeben. Die Konfrontation mit der nationalsozialistischen Diktatur war dann schmerzlich, aber sie hat letztlich die Demokratie in Deutschland gestärkt. In Russland kann das auch noch kommen, aber im Moment sind die Anzeichen dafür nicht sehr gut. Es genügt den meisten Leuten dort, dass sie ihr „normales Leben" führen können und sie nicht über Tragödien der Vergangenheit nachdenken müssen. Aber es mag eine Generation kommen, die das anders sieht, die wissen will, was passiert ist. Das Pendel wird dann wieder in die andere Richtung schwingen.

Besteht das russische Problem nicht auch darin, dass es praktisch in jeder Familie sowohl Opfer als auch Täter gibt und die Erinnerung umso schmerzvoller ist?

Figes: Es ist in Russland tatsächlich viel komplizierter, das macht den ganzen Aufarbeitungsprozess viel mühsamer. Denn wie gehe ich damit um, dass es Menschen in der Familie gab, die böse Dinge getan haben, die aber auch selbst im Gulag landeten, also auch Opfer waren.

 

(Die Presse)

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