Buch über die "Beichtväter" von Rudolf Heß

Nur Geistliche durften im Gefängnis regelmäßig unbeobachtet mit den Nazi-Verbrechern Heß und Albert Speer reden. Eine französische Journalistin hat nun ihre Zeugnisse zusammengetragen.

Rudolf Heß
Rudolf Heß
(c) EPA

Die Militärgeistlichen der französischen Gemeinde in Berlin waren die einzigen Menschen, mit denen die NS-Kriegsverbrecher im Alliierten-Gefängnis Spandau regelmäßig reden durften. Die Journalistin Laure Joanin-Llobet hat in ihrem Buch "Les 7 de Spandau" ("Die Sieben von Spandau") erstmals die Zeugnisse der "Beichtväter" von Nazi-Größen wie dem Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und Rüstungsminister Albert Speer zusammengetragen.

In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen waren 1946 sieben der 24 Angeklagten zu Haftstrafen verurteilt worden. Ein Jahr später wurden sie in das Gefängnis Spandau in Berlin verlegt, das unter gemeinsamer Verwaltung der vier Siegermächte stand. Die Haftanstalt, in der früher bis zu 600 Gefangene untergebracht waren, wurde komplett geräumt. Die Verurteilten sollten in vollkommener Isolation gehalten werden.

Die Reue des Albert Speer

Die Zeit um den wöchentlichen Gottesdienst war der Autorin zufolge die einzige Zeit, sich unbeobachtet mit einem Menschen von außerhalb zu unterhalten. Als erster Geistlicher kam 1947 der französische Pastor Georges Casalis in das Gefängnis. Dass ein Franzose ausgewählt wurde, ist dem Buch zufolge ein historischer Zufall. Die anderen Alliierten hätten für die Funktion niemanden mit ausreichenden Deutschkenntnissen zur Verfügung, erklärt die Autorin. Und obwohl es niemals offiziell vereinbart wurde, waren danach alle Militärgeistlichen in Spandau Franzosen.

Der erste, der die Seelsorge wirklich wahrnahm, war Albert Speer, der in Nürnberg zu 20 Jahren verurteilt worden. "Wollen Sie mir helfen, ein anderer Mensch zu werden?", fragte der Nazi-Architekt laut Casalis' Frau schon beim ersten Treffen. Der Pastor war von dem hochgebildeten Speer beeindruckt, der sich offenbar mit seiner Schuld auseinandersetzen wollte. Vom Holocaust sprach Speer trotz seiner herausgehobenen Funktion als Rüstungsminister selten. Mehrere Geistliche sagten später, sie seien sich nicht sicher, ob Speers Reue echt war. "Ihm war es ernst mit seinem Vorhaben, ein anderer Mensch zu werden", urteilte Pastor Bertrand de Luze, der 1965 bis 1972 in Spandau war, "und er war gleichzeitig noch grundlegend der Theorie des Hitlerismus verhaftet."

Rudolf Heß alleine, streng bewacht

Nachdem 1967 auch die letzten Mitgefangenen entlassen wurden, blieb Rudolf Heß der einzige Häftling in Spandau. Er wurde weiterhin "von einer kleinen Armee" von 80 Menschen bewacht und wäre wohl der "einsamste" und "teuerste Gefangene der Welt", schreibt Joanin-Llobet. Nachdem Heß in den ersten 20 Jahren den Kontakt mit den Pastoren abgelehnt hatte, machte er in dieser Zeit eine "Wandlung" durch, so die den Geistlichen. Obwohl er Hitler weiter verehrte, war er nach und nach bereit, über den Mord an den Juden zu reden.

Die letzten Pastoren in Spandau glauben fest, dass Heß seine Vergangenheit bereute. "Zu der Zeit, als ich ihn getroffen habe, hatte er nichts mehr von einem Nazi oder einem Antisemiten", sagte Charles Gabel, der Heß von 1977 bis 1986 begleitete. Neonazis habe er als "Dummköpfe" bezeichnet, wenn sie für ihn demonstrierten. Und über die Judenvernichtung sei er "schockiert" gewesen, er habe aber wegen seiner frühen Kriegsgefangenschaft in Großbritannien eine Verantwortung dafür abgelehnt.

Selbstmord mit 93 Jahren

Über die Frage, aus welchen Motiven Heß 1941 nach Großbritannien flog, um offenbar mit der britischen Regierung Friedensverhandlungen aufzunehmen, gibt auch dieses Buch keine Antwort. "Er begnügte sich damit, mit dem Kopf zu nicken, als wäre er amüsiert über meine Neugier", sagte Pastor Gabel zu Versuchen, Heß darauf anzusprechen.

Breit thematisiert Joanin-Llobet den Tod von Heß im Alter von 93 Jahren. Während Gabel nicht an die offizielle Selbstmord-Version glauben kann, zweifelt der letzte Pastor von Heß nicht daran: Dieser sei in seinen letzten Monaten "sehr deprimiert" gewesen und habe die Hoffnung auf eine Begnadigung aufgegeben, sagte Michel Roehrig. "Er hat es vorgezogen zu sterben, weil er seinen körperlichen Verfall nicht mehr ertrug."

(Ag.)

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