Necla Kelek in Wien: Und wer zahlt die Moschee?

Die deutsche Soziologin und „Islam-Kritikerin“ hat ein neues Buch geschrieben: Ein Gespräch über die Kölner Moschee, Islamverbände und Koranschulen.

Necla Kelek
Necla Kelek
(c) Michaela Bruckberger

Sie gehört zu den prominentesten deutschsprachigen Vertreterinnen dessen, was man gern – und oft wenig passend – „Islam-Kritiker“ nennt: die in Istanbul geborene, in Deutschland aufgewachsene Soziologin Necla Kelek. Nicht zuletzt durch Bücher wie „Die fremde Braut. Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland“ und „Die verlorenen Söhne. Plädoyer zur Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes“ wurde Kelek in Deutschland eine der wichtigsten Akteurinnen in der Islam- und Integrationsdebatte. Zuletzt engagierte sie sich etwa gegen den Bau der Kölner Großmoschee, die nun, mit leicht verändertem Bauplan (etwa kleineren Minaretten), definitiv errichtet wird.

„Die Presse“ traf Necla Kelek in Wien, wo sie ihr neues Buch vorstellte – „Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei“. Wie sie mit dem Ergebnis in Köln zufrieden sei? Überhaupt nicht, entgegnet Kelek – die entscheidenden Fragen würden nicht gestellt, etwa, woher das Geld komme, die 15, 20 Millionen Euro für die Moschee: „Jeder zweite Türke in Deutschland ist arbeitslos, die meisten leben von Hartz IV, für Integration gibt es kein Geld, für Bücher gibt es kein Geld, aber hier werden Millionen gespendet! Keine Frage, Deutschland braucht eine repräsentative Moschee, aber ich möchte dennoch wissen, von wem sie gebaut wird – und wer sie leitet.“

 

Innenpolitik unter türkischem Einfluss

Für sie sei jedenfalls klar, dass die türkische Regierung diese Moschee baue. „Warum beeinflusst türkische Regierungspolitik das Leben der Türken in Deutschland so stark?“Kelek denkt dabei an die DITIB, auf dessen Gelände die „Zentralmoschee“ entstehen soll. Die DITIB ist der Dachverband türkisch-islamischer Moscheegemeinden, zugleich mitgliederstärkste Migrantenorganisation in Deutschland und Erbauer von hunderten deutschen Moscheen. Die DITIB untersteht dem staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten der Türkei (dessen Präsident übrigens, wie man in Keleks Buch erfährt, unmissverständlich erklärt, dass „der Islam ... keine Reform (erlaubt)“ – und damit indirekt dem türkischen Ministerpräsidenten.

Die DITIB ist auch in der von Innenminister Wolfgang Schäuble initiierten Islamkonferenz vertreten – sie soll eine Grundlage für einen „modernen deutschen Islam“ schaffen, der mit der deutschen Verfassungs- und Rechtsordnung vereinbar ist. Auch Necla Kelek ist dort Mitglied – und kritisiert den DITIB-Vertreter scharf: „Wir haben hier einen türkischen Botschafter sitzen, der die deutsche Innenpolitik mitbestimmt – und auf die Frage, ob er nicht vorhat, eine deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, sagt er: Nein, denn dann könne er ja nicht mehr für die Türkei sprechen!“

Die Islamkonferenz steckt derzeit in der Krise – gibt es, angesichts des bisherigen Scheiterns des Dialogs mit den Islamverbänden, überhaupt Anlass für Zuversicht? „Ja“, meint Kelek. „Die öffentliche Diskussion der letzten drei Jahre fruchtet. Vielleicht nicht bei den Islamverbänden selbst, aber bei den Menschen, auf die bisher nur die Islamverbände Einfluss hatten; deren soziale Kontrolle ist in den kleinen Stadtteilen sehr stark. Wir kritischen Muslime sind mittlerweile eine Alternative, wir haben die Deutungsmacht der Verbände gebrochen.“ Diese könnten nun nicht mehr in der Öffentlichkeit verkünden: „So ist der Islam, und wir sprechen für 3,2 Millionen Muslime“, sondern müssten eingestehen, dass sie nur für ihren Verband sprechen. Auch die deutsche Öffentlichkeit, inklusive der Medien, hätte die Islamverbände zu unkritisch als Vertreter „der Muslime“ wahrgenommen, meint Kelek. „Wir müssen die Islamverbände behandeln, als wären sie Parteien, wir müssen fragen, woher kommt das Geld, wer unterstützt sie, welche Inhalte vermitteln sie, was machen sie?“

 

Junge Muslime lernen, sich abzugrenzen

Dieselben Fragen, kritisiert Kelek, würden auch in Bezug auf die boomenden muslimischen Privat- und Koranschulen fehlen. „Islamische Internate wachsen in Deutschland sehr stark, finanziell gestützt – ich behaupte das – von arabischen Ländern. Milli Görus (neben der DITIB der wichtigste muslimische Verband in Deutschland, Anm. d. Red.) hat 30.000 Jugendliche im Jahr in den Koranschulen, der Verband organisiert Internate mit Sechs-Wochen-Kursen. Zeitungen tun das ab, die würden dort Jugendarbeit machen – aber dass die dort gleichzeitig lernen, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, dass streng zwischen Buben und Mädchen getrennt wird, davon erfährt man nichts. In den öffentlichen Schulen kommt es dann so weit, dass diese jungen Menschen Christen als Ungläubige und Menschen zweiter Klasse sehen – woher kommt das? Zwischen Koranschulen und diesen Auffassungen gibt es einen Zusammenhang.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2008)

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