Buch von George Soros: Das Ende der Finanzmärkte

Der Spekulant attackiert in seinem neuen Buch die „Chicago Boys“ und ihren Marktfundamentalismus.

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(c) REUTERS (YURI GRIPAS)

Er wolle die „Gültigkeit und Wichtigkeit“ der Reflexivität aufzeigen, erklärt George Soros auf Seite361 des Buchs „Das Ende der Finanzmärkte – und deren Zukunft“ – dazu habe er es geschrieben. Reflexivität? Darunter versteht Soros im Prinzip, dass zwischen unserem Denken und der Realität eine Wechselwirkung besteht: Das Modell, das wir uns von der Wirklichkeit machen, verändert unser Denken über die Wirklichkeit und über unser Handeln dann die Wirklichkeit selbst.

In der Ökonomie: Die voreingenommene Wahrnehmung der Akteure des Marktgeschehens beeinflusst die Preise. Trivial? Soros: „So selbstverständlich ist die Kernaussage der Reflexivitätstheorie jedoch nicht; sie besagt, dass Marktpreise sich fundamental auf die Bedingungen auswirken können. Die Illusion, dass die Märkte letztlich immer recht hätten, entsteht durch deren Fähigkeit, die Fundamentalbedingungen, die sie angeblich nur widerspiegeln, zu beeinflussen.“

 

Markt-Magie: Alle sind zufrieden

Das widerspricht dem Weltbild der Marktfundamentalisten: Die sind überzeugt, dass der Markt stets zum Gleichgewicht tendiert, dass Angebot und Nachfrage zu einem Marktpreis für ein Produkt führen, der den Produzenten Profit bringt, den aber der Konsument für angemessen erachtet – die Magie des Marktes: Alle sind zufrieden.

Auf die Finanzwirtschaft angewandt: Die Hypothese „effizienter Märkte“ besagt, dass die Höhe von Aktien- oder Anleihekursen alle Faktoren, die zur Preisbildung geführt haben, widerspiegelt: Inflation, Unternehmensprofite, Faktorkosten, Exporte etc. Wenn die Aktienkurse eines Unternehmens tiefer fallen, als das anhand der Informationen zu erwarten ist, dann würde ein rational agierender Spekulant (zum Beispiel Soros) die Aktien kaufen – und zwar so lange, bis ihr Preis wieder in einer Relation zum „Wert“ der Firma steht. Milton Friedman, Wirtschaftsnobelpreisträger und Professor an der Chicago University, ist ursprünglich durch die Analyse von Währungskursen zu dieser Hypothese effizienter Märkte gelangt.

Friedmans Kollege Robert Lucas transponierte sie in die Zukunft: Menschen würden in ihre Wetten am Aktienmarkt bereits ihre „rationalen Erwartungen“ über wichtige zukünftige Faktoren wie Zinsentwicklung oder Inflation einbeziehen. Lucas' Theorien funktionieren freilich nur dann, wenn rational handelnde Menschen am Marktgeschehen teilnehmen, die noch dazu perfekt über Zustand und Umfeld der Firmen, deren Papiere sie handeln, informiert sind. Doch die Realität ist weit von diesem Ideal entfernt: Der Markt ist ein unordentlicher Ort; Menschen sind nicht immer rationale, auch keine stur auf Eigennutz bedachten Subjekte, wie sie für das Funktionieren der ökonomischen Theorien notwendig sind.

 

Menschen sind oft irrational

Die wirtschaftswissenschaftliche Richtung der „Behavioralisten“ unterminiert seit einiger Zeit die Fundamente der marktfundamentalistischen Schule. Behavioralisten wie Richard Thaler oder Cass R. Sunstein wollen zeigen, dass der rational denkende Homo oeconomicus, auf dessen Schultern die Theorien von Friedman und Co. ruhen, schlicht Fiktion ist. Sie versuchen auch, das spieltheoretische Fundament, das den Chicago Boys von Mathematikern wie John Forbes Nash oder Ökonomen wie Thomas Schelling, gelegt worden ist, zu falsifizieren.

Dabei geben sie dem ökonomischen Akteur wieder ein Gesicht: Sie bringen die Psychologie ins Spiel, zeigen irrationales – ja unvernünftiges – Verhalten der Marktteilnehmer auf. Thaler lässt etwa seine Studenten ihr Können im Vergleich zu ihren Kommilitonen einordnen: Weniger als einer von 20 schätzt sich als unterdurchschnittlich ein. Das nennen die Behavioralisten „übersteigertes Selbstvertrauen“. Ein weiteres Phänomen ist die „Verlustvermeidung“: Was man bereits besitzt, gibt man nur ungern wieder her. Das führt etwa dazu, dass Verkäufer in Online-Auktionen oft unrealistisch hohe Preise für die von ihnen angebotenen Waren verlangen. Diese Faktoren dürfen nach den gängigen Wirtschaftstheorien keine Rolle spielen.

Ein anderes Experiment von Thaler und Sunstein: Man nehme die letzten drei Zahlen seiner Telefonnummer, addiere 200 und schreibe nach Christus dahinter. Dann stelle man sich die Frage: Wann hat Hunnenkönig Attila gelebt? Angenommen, die letzten drei Ziffern lauten 787, macht 987 n.Chr. Dann neigt man dazu, Attilas Geburtsdaten auf 900 n.Chr. zu schätzen. Korrekt wäre 440 n.Chr. Man nennt das „Verankern“: Von einem Punkt, auf dem man (hier durch die Telefonnummer) verankert wurde, kommt man schwer weg, auch wenn einem rational klar ist, dass es keinen Zusammenhang zwischen Telefonnummer und Attilas Leben gibt.

Ökonomische Theorie, das zeigen die beiden Behavioralisten, ist keine Naturwissenschaft, auch wenn Wirtschaftswissenschaftler immer wieder von ökonomischen Kräften sprechen, als ginge es um Newtons Physik.

Soros greift die vom Ökonomen Paul Krugman als „Laisser-faire-Absolutisten“ bezeichneten Marktideologen frontal an: „Nicht nur, dass das herrschende Paradigma – die Gleichgewichtstheorie – und dessen politischer Abkömmling, der Marktfundamentalismus, sich als unfähig erwiesen haben, den aktuellen Stand der Dinge zu erklären; es kann auch dafür verantwortlich gemacht werden, uns in das Schlamassel geführt zu haben, in dem wir uns gerade befinden. Wir brauchen ein neues Paradigma.“

Dieses laute: Nicht nur die Marktteilnehmer sind fehlbar, sondern auch die Regulatoren. Daher sei größere Vorsicht beim Einsatz von Fremdkapital geboten. Nach Soros hat sich die US-„Superblase“ über die letzten 25 Jahre infolge von drei Trends aufgebläht: Globalisierung, Kreditexpansion, Deregulierung. Die Folgen: Ein Land lebt auf Pump. 1980 entsprach die Höhe der ausständigen Kredite ungefähr dem damaligen Bruttosozialprodukt der USA. 2007 war der Schuldenturm auf 350 Prozent des Bruttosozialprodukts gewachsen. Die USA konnten trotz dieses Kapitalhungers die Zinsen niedrig halten, weil der Dollar immer noch die wichtigste Reservewährung der Welt ist.

Aber Soros glaubt, dass die Rezession sowie die Zahlungsunfähigkeit von mehr und mehr US-Banken zur Flucht aus dem Dollar führen werden. Und er ist überzeugt, dass die „symbiotische“ Beziehung zwischen den USA, die gerne mehr konsumierten, als sie produzierten, und China und anderen asiatischen Exportnationen, die mehr produzierten, als sie konsumierten, vor dem Ende steht: „Die USA haben Schulden akkumuliert, China und die anderen haben Währungsreserven angehäuft.“ Soros selbst verdiente 2007 mit seinem Hedgefond „Quantum“ rund 2,9 Mrd. Dollar. Anfang 2008 verkündete er seine Investmentstrategie: europäische und amerikanische Aktien sowie US-Dollar verkaufen, Papiere von chinesischen und indischen Aktiengesellschaften sowie Nicht-US-Dollar-Währungen kaufen.

 

Hayek und Friedman vs. Keynes

Doch der Konflikt zwischen den nur allzu menschlichen Marktakteuren der Behavioralisten und dem Homo oeconomicus ist nur ein Nebenschauplatz. Ebenso wie die Frage, ob Soros‘ Reflexivitätstheorie Eingang in die gängige ökonomische Theorie finden wird. Dahinter steht der alte Konflikt zwischen den Schulen des österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek und Milton Friedmans einerseits und den Adepten des britischen Professors für politische Ökonomie, John Meynard Keynes, andererseits.

Für Hayek & Friedman ist der Staat ein lästiger Mühlstein, der die Freiheit des Einzelnen und das Funktionieren des Marktes gefährdet. Keynes sieht die Wirtschaft als Subsystem der Gesellschaft: Der Staat muss manchmal den Markt vor sich selbst retten. Der Staat müsse die Exzesse des Marktes durch Regulierung einbremsen und bei Marktversagen in die Wirtschaft eingreifen.

Bis in die 70er-Jahre dominierte Keynes' Theorie: Sie zeigte Lösungen für die Probleme infolge der Wirtschaftskrise in den 30er-Jahren auf; aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg fand Keynes viele Anhänger. US-Präsident John F. Kennedy war Keynesianer, sogar der Republikaner Richard Nixon erklärte sich zum Entsetzen seiner Wirtschaftsberater zum keynesianischen Konvertiten.

Den Wendepunkt markiert das Jahr 1974, als Hayek den Nobelpreis bekam. Die US-Wirtschaft ging nach dem Öl-Embargo durch eine tiefe Krise. Die Ökonomen der Chicago School of Economics hatten eine Erklärung für die Malaise: Regulierung halte die Preise hoch, treibe die Inflation an. Friedman trat an, um Keynes zu widerlegen, die Thesen Hayeks und Friedmans fanden bei den politischen Eliten immer mehr Anhänger.

Schon US-Präsident Carter begann mit Deregulierung, das transatlantische Duo Reagan-Thatcher verhalf den Marktliberalen zum Triumph. Keynes, so schien es, war Geschichte. Nun, nach fast acht Jahren Bush und dem Platzen der Immobilienblase – fast fünf Millionen Häuser stehen in den USA zum Verkauf –, schwingt das Pendel zurück: Das Ansehen der Marktfundamentalisten leidet schwer. Banken werden verstaatlicht, Finanzminister pumpen Hunderte Milliarden Dollar, Euro und Yen in die Märkte. Der Staat ist zurück, um zu retten, was zu retten ist. Keynes steht wohl vor einem Comeback.

SOROS UND THALER: 2 NEUE BÜCHER ZUR FINANZWIRTSCHAFT

1930 in Budapest geboren, flüchtete Soros 1946 vor der sowjetischen Okkupation in den Westen, studierte in London u. a. bei Karl Popper und zog schließlich in die USA, wo er zu einem der berühmtesten Investoren wurde. Sein Vermögen wird vom Forbes Magazine auf neun Milliarden Dollar geschätzt. Seine Spekulationsstrategien veröffentlicht er in Büchern und Vorträgen, bekannt ist er auch für sein soziales und politisches Engagement.

Soros' neues Buch: „Das Ende der Finanzmärkte – und deren Zukunft. Die heutige Finanzkrise und was sie bedeutet“, 174 Seiten, FinanzBuch Verlag GmbH, München, € 25,60.

Obamas Berater, Richard Thaler, Professor an der Chicago Business School, hat gemeinsam mit Cass R. Sunstein (Professor an der Harvard Law School) „Nudge: Improving Decisions about Health, Wealth, and Happiness“ (Yale University Press) geschrieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2008)

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