Kronprinz Rudolf: „Mary Vetsera war nur eine Ersatzlösung“

Die Historikerin Brigitte Hamann, Verfasserin einer umfassenden Biografie des Kronprinzen Rudolf, erzählt über diesen sensiblen, intelligenten, schwer kranken Menschen.

Drew Sarich (Kronprinz Rudolf), Lisa Antoni (Mary Vetsera) und Uwe Kröger
Drew Sarich (Kronprinz Rudolf), Lisa Antoni (Mary Vetsera) und Uwe Kröger
(c) VBW (J IFKOVITS)

Die Presse: Sie haben einen Ausschnitt aus dem neuen „Rudolf“-Musical gesehen. Wie fanden Sie das als Rudolf-Biografin?

Brigitte Hamann: Ich habe eine Riesen-Bordellszene gesehen. Da habe ich gefragt: Gibt es da nichts anderes? Aber sie sind noch nicht fertig. Als Musical ist es wahrscheinlich gut gemacht. Aber ich bin fehl am Platz bei so was. Ich bin Historikerin. Ich kann mir nicht Sachen anschauen, die eigentlich ganz anders waren. Die Vereinigten Bühnen sind happy. Sie haben viele Kartenbestellungen. Ich muss es mir ja nicht anschauen.

Auf das enorm erfolgreiche „Elisabeth“-Musical folgt „Rudolf“ – nicht sehr originell.

Hamann: Der historische Stoff bietet jede Menge Gefühle, Konflikte und ein sehr dramatisches Ende. Der Einstieg in die Geschichte dürfte für die Zuschauer nicht schwierig sein. Elisabeth müsste auch vorkommen, aber das ist nicht der Fall.

Bei allen Rudolf-Geschichten ist Mary Vetsera die Hauptfigur. Auch im Musical heißt der Untertitel „Affaire Mayerling“. In Wahrheit war Mary eine Randfigur.

Hamann: Absolut.

Hat Rudolf sie gerngehabt?

Hamann: Mit Gernhaben war da nicht so viel. Sie war nur eine Ersatzlösung. Rudolf hatte Syphilis wie ungefähr ein Fünftel der Armee der damaligen Monarchie. Er konnte den schlimmen Krankheitsverlauf bei seinen Kameraden beobachten. Auch Erzherzog Otto, Vater von Kaiser Karl, ging furchtbar an Syphilis zu Grunde. Die Nase ist abgefault. Rudolf hat gewusst, dass er nie wieder gesund werden wird und ihm ein entsetzliches Ende droht. Sein Vater Franz Joseph war kerngesund. Rudolf sah, dass der immer weiter regierte, während für ihn selbst das Ende absehbar war. Er suchte nach einem Weg, aus dem ganzen Schlamassel rauszukommen.

Rudolfs Ehe mit Stephanie war unglücklich.

Hamann: Sie war schon lange gescheitert. Stephanie hatte einen Liebhaber. Rudolf ging ebenfalls fremd, aber mit seiner großen Liebe, der sehr schönen, gescheiten Mizzi Kaspar. Er bat sie, mit ihm in den Tod zu gehen. Mizzi war darüber sehr erschrocken und wollte Rudolfs Leben retten. Diese junge, einfache Frau aus dem Volk schaffte es, bis zum Ministerpräsidenten Taaffe vorzudringen. Sie flehte ihn an, den Kaiser über Rudolfs Plan zu informieren, um sein Leben zu retten. Taaffe aber, der den allzu fortschrittlichen, tüchtigen Rudolf hasste, tat nichts.

Er wusste von der Krankheit Rudolfs und dachte wohl, das Problem löse sich so oder so von selbst?

Hamann: Richtig. Taaffe hat sich ins Fäustchen gelacht. Er wusste, er braucht nur zu warten. Rudolf hatte auch große Zeichen der Schwäche. So ging bei einer dieser prachtvollen Militärparaden sein Pferd vor den Augen von zigtausend Soldaten mit ihm durch. Das war eine große Demütigung für einen jungen General wie ihn.

Mary war verliebt in Rudolf?

Hamann: Sie war 17 und ganz verrückt nach ihm – wie viele junge Mädchen, die sich in einen Kronprinzen oder Kaiser verlieben. Sie bot sich ihm an. So ließ er das Mädchen insgeheim in das entlegene Jagdschlösschen Mayerling bringen. Nach einer Liebesnacht wollte er sie am nächsten Morgen mit dem Fiaker nach Wien zurückschicken. Aber sie weigerte sich. Sie wollte mit ihm sterben. Dieses Mädchen wollte in ihrer Romantik als Todesgefährtin des Kronprinzen in die Geschichte eingehen. Sie blieb hartnäckig. Und er hatte Angst, es allein zu tun. So schoss Rudolf seiner Geliebten in den Kopf, wobei ihr linkes Auge ausfiel. Einige Stunden verbrachte er noch neben der Leiche, immer noch zögernd. Im Morgengrauen tötete er sich mit Hilfe eines Spiegels: Der Kopfschuss sprengte die Hirnschale.

Sie haben also Sympathie für diesen Kronprinzen?

Hamann: Ja, weil er so viel mitgemacht hat mit seiner Familie, dem völlig verständnislosen Vater und der Mutter, die immer fort war und die er so heiß verehrt hat. Er war ein unglücklicher, aber sehr guter und intelligenter Mensch, wobei die Intelligenz ja nicht von den Habsburgern, sondern von den Wittelsbachern kam. Dieses Kind war vom Vater bereits als Säugling in die Armee aufgenommen und zum Offizier ernannt – und in der Folge einem erbarmungslosen Drill unterworfen worden. Der Kaiser wollte aus diesem sensiblen und ängstlichen Sohn unbedingt einen Soldaten machen, einen Helden. Diese grausame Erziehung in den jüngsten Jahren hat den sehr begabten Kronprinzen früh gebrochen.

BIOGRAFIEN: Von Kronprinz Rudolf bis Adolf Hitler

Brigitte Hamann (68) schrieb die Bücher „Rudolf, Kronprinz und Rebell“ (1978) und „Elisabeth, Kaiserin wider Willen“ (1981). Das Rudolf-Buch beruhte auf ihrer Dissertation.

Großen Erfolg hatte die in Essen geborene Historikerin außerdem mit „Hitlers Wien“ und „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“. 2008 erschien „Hitlers Edeljude. Das Leben des Armenarztes Eduard Bloch“ (Piper).

Das Musical „Rudolf“ hat am 26.2. im Wiener Raimundtheater Premiere. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2009)

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