Alexia Weiss: Weiblich, jüdisch, wienerisch

Vom Leben jüdischer Frauen im modernen Wien erzählt Alexia Weiss in ihrem Debütroman „Haschems Lasso“. Zwischen Pessachfest und Scheingläubigkeit.

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Desirée Altmann hat einiges zu bewältigen. Die Arbeit in der Redaktion türmt sich, die Tochter, kaum erwachsen, will heiraten und die Mutter kann die Eile und Akribie, die das Kind bei der Hochzeitsplanung an den Tag legt, nicht verstehen. Jekaterina Natanov hat sich nur mühsam in ihrer Wahlheimat Wien eingerichtet. Ihren Mann, den streng orthodoxen Itzhak, hat die Russin als junges Mädchen über einen jüdischen Heiratsvermittler, einen Schadchen, kennengelernt. Aus Langeweile und Überforderung mit der Erziehung ihrer sechs Kinder hat sie sich mehr als nur Kummerspeck angegessen. Die streng katholisch erzogene Claudia Bauer ist mit ihrem Mann Wolfgang vor Jahren zum Judentum übergetreten und geht voll in der Arbeit innerhalb der jüdischen Gemeinde auf. Sogar mehr als so manche gebürtige Jüdin aus der Nachbarschaft.

Die Klammer: der Glaube. Desirée, Claudia, Jekaterina und vier weitere Frauen sind die Protagonistinnen in Alexia Weiss' Debütroman „Haschems Lasso“. Die Klammer, die die sieben Frauen verbindet, ist ihr religiöses Bekenntnis und ihr Wohnort: Wien. Und das sind tatsächlich die einzigen Dinge, die die Frauen teilen. Denn jüdisch zu sein im heutigen Wien, das heißt nicht automatisch einen Scheitel, also eine Perücke, zu tragen, den Wohnungsputz vor dem Pessachfest einzuhalten und seine Kinder in die jüdische Schule zu schicken.

Wer bei Alexia Weiss' Buch automatisch an Lily Brett denkt, der irrt gewaltig. Von der autobiografisch gefärbten Erzählweise der amerikanischen Autorin hebt sich Weiss wohltuend ab. Auch wenn die eine die andere „gern gelesen“ hat, wie sie sagt (auch im Buch gibt es Brett-Fans). In „Haschems Lasso“ spielt die Vergangenheitsbewältigung nur eine kleine Rolle. Im Mittelpunkt steht vielmehr das Leben moderner jüdischer Frauen im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts. Wobei die Vergangenheit, 60 Jahre nach der Shoah, natürlich über der Gegenwart schwebt. Und Haschem, so nennen Juden ihren Gott, bis heute für jeden sein Lasso bereithält.

Leben in der Gemeinde. Die sieben sorgfältig gezeichneten Hauptfiguren, die keine realen Vorbilder haben, wie die Autorin sagt, sollen die Vielfalt an Lebensweisen in der jüdischen Gemeinde darstellen. Und Weiss kann da durchaus aus eigener Erfahrung schöpfen. Die in Wien aufgewachsene und evangelisch getaufte Journalistin erfuhr erst mit 18, kurz nach der Matura, dass ihre Mutter jüdischer Abstammung ist. Ihre Großeltern waren 1938 von Wien zuerst nach Frankreich, später nach Portugal geflüchtet, wo Weiss' Mutter zur Welt kam. Ein Dolmetschjob brachte sie nach Wien, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte. Die Eltern hatten gedacht, es wäre besser, der Tochter nichts von ihren jüdischen Wurzeln zu erzählen.

Mit dem Wissen um ihre Herkunft begann auch das Interesse zu wachsen. Der Austritt aus der evangelischen Kirche fiel nicht schwer, der Eintritt in die Israelitische Kultusgemeinde war nur mehr ein Formalakt. Seitdem engagiert sich Weiss in der Gemeinde.

Auch wenn sie mit den verschiedenen Lebens- und Sichtweisen der sieben Frauen Klischees aufbrechen wollte, bleibt das Buch streckenweise klischeehaft. Ein Beispiel: Natürlich leben die Frauen fast ausschließlich in der Leopoldstadt. Natürlich gibt es die strenge Elterngeneration, die zwar nicht orthodox lebt, es aber trotzdem nicht erlauben kann, dass die eigene Tochter mit einem Goi, einem Nichtjuden, ausgeht. Und natürlich muss dann schließlich auch noch die betagte Mutter einer Protagonistin im fernen Israel bei einem Anschlag sterben. Die einzelnen Frauentypen, egal ob konvertiert, kinderreich, aus reicher Familie oder streng orthodox und arm, bleiben wie brav gezeichnete Abziehbilder aus einem Katalog.

Mutter-Tochter-Gespräche. Am authentischsten ist die Geschichte von Desirée und Eva. Wenn die Mutter ihrer Tochter erklärt, dass sie sie nach der Volksschule aus der jüdischen Schule in eine öffentliche AHS gesteckt hat, um sie „in der Wirklichkeit“ aufwachsen zu lassen. Wenn die Mutter dann versöhnlich sagt: „Du fühlst dich als Jüdin und hast eine jüdische Identität, aber du bewegst dich völlig integriert im Mitteleuropa des Jahres 2007.“ Übrigens: Die Tochter heiratet dann doch nicht. Zumindest vorerst nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2009)

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