"Mythos Redemacht": Goldmund Obama und Cicero Fischer

Große Redner der Gegenwart ähneln den „großen Alten“ verblüffend, zeigt Karl-Heinz Göttert in seinem neuen Buch „Mythos Redemacht“. Trotzdem gehört ein Barack Obama wohl zu den Letzten in dieser Tradition.

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Ein sehr „männliches“ Konzept aus Europa: die Unterwerfung des Publikums durch Redekunst. Von Perikles bis Barack Obama (im Bild bei einer Rede vor Studenten an der University of Colorado in Boulder) hat sich daran kaum etwas geändert. Doch nun scheint das Ende nah. – (c) REUTERS (LARRY DOWNING)

Was vor 21 Monaten im tiefsten Winter begann, kann nicht in dieser Herbstnacht enden“, „Ich habe heute vielleicht nicht eure Stimme erhalten, aber ich höre euren Ruf“ oder „Ein Mann landete auf dem Mond, eine Mauer fiel in Berlin, eine Welt rückte zusammen durch unsere eigene Wissenschaft und Vorstellungskraft“: Fast jeder Satz der Siegesrede Barack Obamas nach seiner Wahl zum US-Präsidenten war rhetorisch perfekt durchstilisiert. Und die Stilmittel, deren sich Obama bediente, sind weitgehend die gleichen, die schon vor über zwei Jahrtausenden ein Perikles oder ein Cicero verwendeten.

Er habe nicht damit gerechnet, heutzutage mit einer Gestalt konfrontiert zu werden, die so an die klassischen Redner erinnert, erzählt Karl-Heinz Göttert – an Cicero, Bernhard von Clairvaux, Martin Luther, Bismarck . . . Und das brachte den stets originellen deutschen Sprachwissenschaftler auf eine faszinierende Idee: In seinem Buch „Mythos Redemacht“ lässt er Redner zum Paarlauf antreten, die man nicht von vornherein nebeneinander sehen würde: Cicero und Joschka Fischer etwa; Demosthenes und Charles de Gaulle; den Heiligen Johannes Chrysostomus, der „Goldmund“ genannt wurde, und Barack Obama; Augustinus und den „Nicht-Redner“ Bismarck; oder auch den griechischen Philosophen Gorgias und die reich geschmückten Reden des Martin Luther King.

 

Joschkas „catilinarische“ Rede

Das bringt Aha-Erlebnisse und das Ergebnis: Obwohl Jahrtausende die jeweiligen Redner voneinander trennen, sind die Verwandtschaften geradezu irritierend. Nebenbei sind sie auch schmeichelhaft für einige Protagonisten der jüngeren Politik. Dem ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer etwa bescheinigt Göttert „ciceronianische Sprachkunst“, Fischers Rede für den Krieg gegen Milošević sieht er als catilinarische Rede. „Unsere Gegenwart verträgt keine Ciceronianischen Tiraden“, schreibt Göttert, immerhin gehöre Fischer zu denen, „die in der Gegenwart am meisten in dieser Hinsicht wagten bzw. konnten“. Cicero nahe sei Fischer etwa im frechen Sprachwitz, in den klaren Antithesen, in der augenblicklichen Wortschöpfung, im meist ironisch angewendeten Pathos.

Ein alter 68er setzt so auf die alte Macht der Rede? Das klingt kurios. Denn diese Macht, zeigt Göttert überzeugend, hat nichts Natürliches. Sie ist ein Konstrukt, das einer fixen, im alten Griechenland geborenen Idee folgte: der Idee des „Überwältigens“, des „Unterwerfens“ der Zuhörer durch Kunst, Redekunst; um das Ausspielen von Macht, die dann vom Publikum genossen werden kann. Wobei das Sichunterwerfen theoretisch freiwillig erfolgt: Redner und Zuhörer sind sich einig, dass Meinungen mit Gründen vertreten werden und der Redner dabei zusätzliche „unsachliche“ Mittel einsetzen darf, diesen Gründen Gewicht zu verleihen. Trotzdem: Man konnte und teils kann sich einfach nicht vorstellen, „dass Überredung auch anders zustande kommen kann als nach dem Konzept von Überwältigen und Sichunterwerfen“.

Ein sehr „männliches“ Konzept sei das, meint Göttert – und sieht in dieser Hinsicht bei Barack Obama einen gewissen Fortschritt. Der habe immerhin auf die gegenwärtige Krise der „männlichen“ Rede reagiert und verwende viele „weibliche“ Elemente, wie empathiefördernde Geschichten. Rosa Luxemburg hingegen, für Göttert ein „denkwürdiger Höhepunkt“ in der Geschichte der neueren Redekunst, blieb sprachlich noch ganz im Rahmen männlicher Tradition: Durch ihre brillante Kunst darin wurde die „rote Rosa“ zu einer Führungsfigur der Sozialisten, obwohl die polnische Jüdin Deutsch erst als Fremdsprache lernte. Ihr letzter großer Auftritt auf dem Gründungsparteitag der KPD im Jahr 1918 sei von einer „unerhörten Brillanz, zu der es kaum Vergleichbares gab“, so Göttert.

 

Häuptling Seattle will nicht überreden

Dass man auch ganz anders reden konnte, zeigt das Buch „Mythos Redemacht“ am Beispiel anderer Kulturen, etwa an der Ablehnung jeder Art von kunstfertiger Rede im alten China. Das vielleicht eindrucksvollste Gegenbeispiel aber ist die berühmte Rede des Indianerhäuptlings Seattle 1855 an den „großen Häuptling der Weißen“. Seattle reagierte damit auf das Angebot des amerikanischen Präsidenten, das Land zu kaufen und die Duwamish in einem Reservat unter Schutz zu stellen. Diese Rede ist bis heute legendär und wird gern zitiert, wenn es um Ökologie geht. Ihr fundamentaler Unterschied zur europäischen Redetradition: Sie ist geradezu provozierend nicht auf Überredung angelegt, nicht darauf, dem Gegenüber etwas zu vermitteln. Bei Sätzen wie „Wir wissen, dass der weiße Mann unsere Art nicht versteht [. . .] er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht“ geht es, glaubt Göttert, um ganz anderes – vor allem um Würde.

Vielleicht gehört Obama ja zu den letzten großen Vertretern der „europäischen“ Redekunst. Die globalisierten Medien verschieben nicht nur die Grenzen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, sie könnten die kollektive Hörerschaft abschaffen – und damit den Redner an sich. Damit wäre eine lange Geschichte der Macht zu Ende. Man muss wohl betonen: eine.

„Mythos Redemacht“ (S. Fischer) ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, er wird im März vergeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2015)

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