Sara Shilo: Im Katjuscha-Regen

Die israelische Autorin beschreibt in ihrem preisgekrönten Debütroman das Leben einer jüdischen Familie in der wirtschaftlich unterentwickelten Peripherie Israels.

(c) dtv

Tel Aviv feiert dieser Tage Geburtstag, den 100. Da werden freudig Feuerwerke gezündet, echte (vor Ort) und feuilletonistische (im deutschsprachigen Kulturfernsehen). Im ORF-Kulturmontag, auf 3sat und auf Arte werden aufwendig gedrehte Dokumentationen gezeigt, die ein pulsierendes, friedliches und kreatives Tel Aviv zeigen. Nur selten sagt einer der Interviewten, dass die Menschen in der 1909 auf Sandhügeln erbauten Stadt in einer „Blase“ leben, den Konflikt im eigenen Land nicht wahrhaben, ja sogar regelrecht verdrängen würden.

Nichtsdestotrotz stand vor einiger Zeit ein Buch wochenlang auf Platz eins der Bestsellerlisten Israels, das mit Feiern und Freude nicht viel zu tun hat. Sara Shilos Buch „Zwerge kommen hier keine“ ist soeben auf Deutsch erschienen. Die Hauptfigur Simona Dadon ist Mutter von sechs Kindern und Witwe. Ihr Ehemann Mass'ud, der Falafelkönig, ist in seinem Geschäft einem Herzanfall erlegen, da trug Simona von ihm noch die Zwillinge Chaim und Oschri im Bauch. Seit dem Tod ihres Mannes ist das Leben eine Qual, Simona wird von den Nachbarn geächtet, die kleinsten Kinder denken, dass ihr Vater der große Bruder Kobi sei, der folglich auch mit der eigenen Mutter das Ehebett teilt, um das Bild der klassischen Familie zu erzeugen. Simona muss Geld verdienen und tut das in einem Hort für Kinder von Fabriksarbeiterinnen mit der strengen Leiterin Dvora. Dvora, die eine Nummer am Arm trägt, „die ihr die Deutschen gemacht haben“. Eine KZ-Überlebende also, die die furchtbaren Erlebnisse verbittert gemacht haben.

Auch Simona und ihr Mann Mass'ud sind nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs emigriert. Sie kamen mit den Eltern per Schiff von Marseille nach Haifa, während der Fahrt sprachen die beiden zwar noch kein einziges Wort zueinander, „aber mein Lachen und sein Lachen hatten sich schon fürs ganze Leben verheiratet“. Nach dem Tod ihres Mannes wünscht sich Simona nur mehr, von einer Katjuscha getroffen zu werden, einer jener Raketen, die ohnehin täglich auf ihren Heimatort niedergehen. Während die Kinder im Luftschutzraum sitzen, liegt Simona im Gras eines Fußballfeldes und wartet, dass eine Rakete sie trifft, denn: „Dann wär ich endlich hin.“


Im Mittelpunkt: die Sprache. Sara Shilos Figuren sind jene Juden, die vorwiegend aus arabischen Ländern nach Israel eingewandert und in wirtschaftlich unterentwickelten Städtchen an der Peripherie des Landes angesiedelt sind. Es ist eine Bevölkerungsschicht, der in der israelischen Literatur bisher kaum eine Stimme geschenkt wurde. Auch Shilo entstammt einer irakisch-syrischen Einwandererfamilie. Ihre frühere Arbeit als Sozialarbeiterin spiegelt sich im Hortalltag ihrer Hauptfigur Simona wider.

Die zentrale Rolle in Sara Shilos Debütroman spielt eigentlich die Sprache. Die Figuren – neben Mutter Simona kommen auch die Brüder Kobi, Dido und der an Armen und Beinen verkrüppelte Itzik sowie die intelligente Tochter Etti in Monologform zu Wort – sprechen ein fehlerhaftes Hebräisch, gemischt mit marokkanischen und arabischen Wörtern. Diese Sprache literarisch umzusetzen war vermutlich die schwierigste Aufgabe, für die Shilo mit mehreren Literaturpreisen ihres Landes geehrt wurde.

Die Sprache ist gleichzeitig auch das Manko der deutschen Ausgabe. Übersetzerin Anne Birkenhauer hat sich bemüht, keinen konkreten deutschen Dialekt zu verwenden, sondern versucht anhand von grammatischen Besonderheiten und dem Auslassen von Kommas, der Sprache im Original nahezukommen. Das gelingt ihr nur bedingt.

Über Strecken kann man dem Kauderwelsch der naiven Hauptfigur Simona, die noch dazu oft in dritter Person von sich selbst spricht, nur schwer folgen. Erst mit der Zeit steigt man in den wenig melodischen Sprachrhythmus ein. Eines versteht man relativ rasch: dass der Alltag in Israel nicht überall so friedlich ist wie – zurzeit – im prosperierenden Tel Aviv.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2009)

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