Literaturfrühling: Schicksal und Geschick

Manche Geschichten des Lebens erzählen Schriftsteller nach, andere erfinden sie: Neuerscheinungendes Literaturfrühlings.

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Kenneth Bonert: „Der Löwensucher“

Fast drei Viertel aller jüdischen Immigranten in Südafrika haben litauische Vorfahren. Zu dieser Diaspora gehörten auch die Eltern des Schriftstellers Kenneth Bonert, der als Teenager nach Kanada zog. Mit knapp 40 hat er seine Erinnerungen an das Leben in seiner alten Heimat in ein stupendes Familienepos verwandelt. Man wird sie nicht so bald vergessen, die junge Gitelle, die zu ihrem Uhrmacher-Mann Abel nach Johannesburg zieht (er „war noch derselbe wie zuvor, wenn auch rußverschmiert. Ein in Lumpen verpackter Edelstein.“) Unglaublich stark ist diese Frauenfigur, die zäh und wild entschlossen an einer besseren Zukunft arbeitet, vor allem für ihren Sohn Isaac.

(c) Diogenes
Aber die Familie, die Vergangenheit in Litauen lässt sie nicht los - woher hat Gitelle etwa die riesige Narbe im Gesicht, die sie lange mit einem Schleier versteckt und dann mit hart erspartem Geld wegoperieren lässt? „Der Löwensucher“ ist ein selten starkes Romandebüt, es gibt dem Leser das Gefühl, er sei mit dem kleinen Isaac mittendrin im Augenblick des Erzählten; als könnte man das Leben im Ghetto riechen, schmecken, spüren, hören - ja, vor allem hören, in all seinen Sprachvarianten, dem Jiddisch, dem Afrikaans, dem südafrikanischen Englisch ... Man spürt die Sehnsucht nach Land und Landschaft in der sinnlichen Sprache, wenn etwa Gitelle in Kapstadt ankommt: „Überall flackerten Farben wie loderndes Feuer: blutrote Blüten, dornige Eruptionen von Zinnober, limonengelbe Streifen, die wie frisch aufgemalt die Felsen äderten.“ Als Erwachsener trifft Isaac eine schreckliche Entscheidung; das Leben als Schicksal und Wille, so Großes wälzt „Der Löwensucher“, und stellenweise ist er zu nah am Melodram, um sich wahr anzufühlen. Trotzdem: Insgesamt ist es einfach ein fantastisches Buch.

 

Michael Cunningham: „Die Schneekönigin“, Luchterhand

Ein himmlisches Licht erschien Barrett Meeks über dem Central Park, vier Tage nachdem ihm die Liebe wieder einmal übel mitgespielt hatte ...“ Barrett, ein ehemaliger Katholik, glaubt an eine göttliche Vision, sein Bruder Tyler, ein Musiker, auf die Heilung seiner großen Liebe Beth – durch Liebe, durch das vollkommene Liebeslied. Die zwei Brüder „in den besten Jahren“ leben im New Yorker Stadtviertel Bushwick mit Tylers krebskranker Freundin, die sie gemeinsam umsorgen, ihren eigenen gescheiterten Träumen und „einem Gefühl von schäbiger, aber noch nicht ganz toter Hoffnung“. Der amerikanische Autor Michael Cunningham erzählt das fast heiter, mit einem schlafwandlerischen Gefühl für leichte, umso wirksamere Berührung; nicht umsonst bekam er für seinen Roman „The Hours“ (verfilmt mit Nicole Kidman in der Hauptrolle) den Pulitzer-Preis. Seine luftige Erzählung berührt wie zarter

(c) Luchterhand
Schneefall im Winter, und Schnee weht viel in „Die Schneekönigin“, immer erinnernd an die Erzählung von Hans-Christian Andersen. Ständig droht hier metaphysische Kälte – wirklich gefährlich wird es für den Leser allerdings nicht. Denn „Die Schneekönigin“ ist wie eine dieser zahllosen sentimentalen, grundversöhnlichen Kino-Tragikomödien über „das Leben“ (von amerikanischen Mittelstands- und Midlife-Amerikanern), in denen letztlich niemand scheitert, letztlich alle gute Menschen sind und alles letztlich gut ausgeht, irgendwie. Wenn man das mag, aber auf möglichst hohem Niveau, ist man bei Michael Cunningham gut aufgehoben. Elegant rettet er die Romantik und das Gefühl für die Rätselhaftigkeit der Existenz. Bis zum Hades hinunter steigt er dabei nicht. Muss er auch nicht. Und wird von den zwei Brüdern umsorgt.

 

Ursula Ackrill: „Zeiden, im Januar“

Es ist einer der ungewöhnlichsten Romane dieser Saison, thematisch und vor allem sprachlich: In ihrem Debüt „Zeiden, im Januar“ lässt Ursula Ackrill die Welt der Siebenbürger Sachsen im Zweiten Weltkrieg wiedererstehen, dieser deutschsprachigen Gemeinschaft im heutigen Rumänien. Ursprünglich waren sie Deutsche, die im Mittelalter auswanderten, sie gehörten im Lauf der Zeiten zum Königreich Ungarn, zum Fürstentum Siebenbürgen, zur österreichisch-ungarischen Monarchie und seit Ende des Ersten Weltkriegs zu Rumänien. Immer waren sie Außenseiter, und nun hoffen viele, dem „Mutterland Germania“ einverleibt zu werden, dank Hitler – den diese Minderheit wenig kümmert. Ursula Ackrill, die selbst in Siebenbürgen geboren wurde und heute als Bibliothekarin im britischen Nottingham lebt, erzählt von dieser Zeit in

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Form einer detaillierten Chronik der Kleinstadt Zeiden rund um den 21. Jänner 1941, die immer wieder von Vor- und Rückblenden durchbrochen wird. Es geht um Feigheit, Opportunismus und Schuld, um die Spannungen zwischen den Siebenbürger Sachsen und den Rumänisch sprechenden Rumänen, um ihr Verhältnis zu Hitler-Deutschland. Die Charaktere bleiben ein wenig papieren, dass das Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, erstaunt trotzdem nicht. Die Jury nannte es damals „ein frappierend dichtes und arabeskenreiches Gewebe aus Körpern und Dingen, Sachsenstolz und Heimatdrang, Fortschritt und Rücksichtslosigkeit, Paradies und Sündenfall.“ Kunstvoll gebaut ist das Buch, kunstvoll altertümlich und voller merkwürdiger Metaphern der Stil – man vermeint, die reizenden Eigenarten des Siebenbürgener Deutsch herauszuhören.

 

Jules Barbey d‘Aurevilly: „Der Chevalier des Touches“

Le Chevalier des Touches‘ verdient jede Aufmerksamkeit. Er ist schlechthin ein Meisterwerk“, schrieb Heinrich Mann über dieses Buch. „Eine Welt von Leidenschaft, von Kraft und hohen Empfindungen steht vor uns auf ..., etwas rätselhaft Großes und Reines ...“ Trotzdem konnte man diesen fantasiestrotzenden, feurigen Roman vom Balzac-Zeitgenossen Jules Barbey d‘Aurevilly noch nie auf Deutsch lesen. Der Autor war ein exzentrischer, als reaktionär verschriener Romantiker, ein Unikum wie sein Roman. „Le Chevalier des Touches“ basiert auf einem Ereignis aus der Französischen Revolution, an das sich die Franzosen lange Zeit nicht so gern erinnerten: „die Chouannerie“. So nannte man den Partisanenkampf katholischer Royalisten gegen die Revolutionsregierung. Ein besonders wagemutiger war Jacques Destouches de la Fresnay, der „chevalier des Touches“, der 1799 als schon zum Tode Verurteilter befreit wurde. Drei Jahrzehnte später wird, so der Roman, ein verwirrter alter Mann gesichtet, der tot geglaubte Chevalier?

(c) Matthes & Seitz
Ein paar Landadelige erinnern sich daraufhin in einer Plauderei am Kamin an den Chevalier und die „glorreichen“ alten Zeiten. Warum soll man einen so unzeitgemäßen „Action-Roman“ lesen, voller Edelmut, Minne und romantischem Christentum? Gerade weil er so unzeitgemäß ist, dass er schon wieder faszinierend ist - und weil er großartig geschrieben ist (und wunderbar übersetzt). „Der Chevalier des Touches“ ist alles mögliche - historischer und zugleich fantastischer Roman, Abenteuer- und Liebesgeschichte, kurz: eine wilde und doch ungemein kunstvolle Mischung. Die deutsche Ausgabe ist beispielhaft, nicht zuletzt dank dreier begleitender Essays.

 

Heinrich Detering: „Wundertiere“

Grottenolme, Moorochsen, die kleinen Vögel von Golgatha oder singende Lamas bevölkern Heinrich von Deterings wunderbaren Gedichtband „Wundertiere“. Aber es geht in dieser Lyrik nicht nur um merkwürdiges Getier, sondern auch um Adam, Augustinus oder den Barockdichter Philipp von Zesen. „Es war ein sehr kurzer Moment als Philipp von Zesen den Einfall hatte zum Moment ein deutsches Wort zu sagen (denn er hatte diesen Spleen mit der Eindeutschung des Latein) … ja wirklich es war ein glücklicher Moment als Zesen zum Augenblick Augenblick sagte ...“ Heinrich Detering ist nicht nur Lyriker, sondern auch Literaturwissenschaftler – einer der einflussreichsten in Deutschland, nicht zuletzt als langjähriger Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Gedichte sind alles andere als Avantgarde, aber sie spielen virtuos, geistreich und tiefsinnig auf der Klaviatur der

(c) Wallstein
Tradition und humanistischen Bildung. „Alles machte die Pechmarie diesmal richtig/schüttelte die Betten auf schüttelte den Baum/zog das Brot aus dem Ofen/dann, mit Pech überschüttet/kehrte sie wieder heim/warum? fragte sie im Tor/weil, gab das Märchen zur Antwort/weil du die Pechmarie bist. Auch merkwürdige Menschen kommen vor, wie der Konstrukteur einer Sprechmaschine im England des 18. Jahrhunderts und der Erfinder des Blitzableiters, der selbst vom Blitz erschlagen wurde. Oder auch der Papst, der frühere zweifellos, der eine Audienz am Petersplatz gibt - „über die Schrift gebeugt vergisst er leicht die Menge und spricht ins Mikrophon halblaut und in klaren Sätzen mit dem Herrn mit sich selbst der Schrift allein er schriebe/ lieber als zu sprechen er liebt die Zahl/Pi für ihre Unendlichkeit auch das/Wohltemperierte Klavier vor allem/Mozarts Sonaten weil sie nicht polyphon/sind (er fürchtet die Polyphonie/weil es jederzeit geschehen könnte/dass die Rechnung nicht mehr aufgeht)/“ …

 

Lotta Lundberg: „Zur Stunde Null“

Gut, dass man Lotta Lundberg nicht mehr nur auf Schwedisch lesen kann. Die Schriftstellerin lebt zwar in Berlin, aber erst ihr sechster Roman ist jetzt unter dem Titel „Zur Stunde null“ auch auf Deutsch erschienen. Er verschränkt die Geschichten dreier Frauen, die jede für sich an einer persönlichen „Nullstunde“ angelangt sind – einem Punkt, wo alles zerstört scheint und sie ganz neu anfangen müssen. Wie ihnen das gelingt, schildert Lundberg stilsicher, gelassen und mit enorm ermutigender Lebensweisheit. Da ist Hedwig, die 1945 in den Trümmern Berlins auch vor den Trümmern ihres Lebens steht. Sie hat ein Kind von einem verheirateten jüdischen Mann zur Welt gebracht und das geliebte Mädchen in ein Heim gegeben, um ihrer Berufung, dem Schreiben, zu folgen. Im Krieg

(c) Hoffmann und Campe
verschwindet das Mädchen, Hedwig gibt sich die Schuld dafür – fragt aber auch: „Kann man Schuld auf sich laden für etwas, das man nicht verstanden hat?“ Dann ist da ein junges Mädchen in Uppsala, das als „verrückt“ gilt und im Lauf des Romans dank der Sitzungen mit ihrem „Psychodoc“ ins Leben zurückfindet. Die dritte ist Ingrid, die erfährt, dass ihr Mann, ein Pfarrer, sterbenskrank ist und sich in eine andere Frau verliebt hat. Daraufhin wagt sie den Aus- und Aufbruch. Drei Entwicklungsromane finden sich da in einem zusammen, drei Frauen, die gemeinsam haben, dass sie in einer Lebenskrise sind und zum Besseren verwandelt daraus hervorgehen; und dass sie alle drei ein Gefühl für das ganz Besondere haben, das sie ausmacht, und dem sie – früher oder später – folgen. Auch „Zur Stunde null“ ist keine Dutzendware zum Thema weibliche Selbstverwirklichung, wie der Klappentext befürchten lassen kann, sondern ein besonderes Buch.

 

Julian Barnes: „Lebensstufen“

Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert“: Dieser erste Satz von Julian Barnes’ Buch „Lebensstufen“ scheint sich zunächst auf die Pionierzeit der Luftfahrt zu beziehen – der brillante Brite, berühmt für Bücher wie „Flauberts Papagei“ oder „Vom Ende der Geschichte“, schreibt über den Ballonfahrer Nadar und zwei weitere Enthusiasten der Luftfahrt, Colonel Fred Burnaby und Schauspielerin Sarah Bernhardt; den beiden dichtet er eine leidenschaftliche Affäre an. Dann aber erkennt man – das war nur Vorbereitung auf den dritten Teil, in dem Barnes über sein extremes jahrelanges Leid nach dem Tod seiner Frau schreibt, mit der er 30 Jahre lang verheiratet war. Alles davor dient ihm nun als Metaphernreservoir für die Beschreibung seiner Seelenzustände, seiner Beziehung

(c) Kiepenheuer & Witsch
zu seiner Frau, für seine Versuche, die Liebe zu verstehen („Wir schlüpfen zwischen den Kugeln hindurch, wie Sarah Bernhardt angeblich zwischen den Regentropfen hindurchschlüpfte“), und das Leid. Wenn Barnes über seinen Schmerz schreibt, seine Wut, das Gefühl der Fremdheit unter den nichtleidenden Menschen, werden sich viele Leser wiedererkennen. Es habe einen Moment gegeben, schreibt er, „mit dem es weniger wahrscheinlich wurde, dass ich mich umbringen würde“ - als er realisierte, dass seine Frau, wenn überhaupt, nur noch in seiner Erinnerung lebendig war, also durch seinen Selbstmord noch einmal sterben würde. Immerhin bleibt Barnes das Schreiben: „Schriftsteller glauben an die Muster, die ihre Worte bilden, und hoffen und vertrauen darauf, dass diese Muster sich zu Gedanken, zu Geschichten, zu Wahrheiten fügen. Das ist immer ihre Erlösung.“ Ein bisschen kann er damit wohl manchen Leser miterlösen.

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