Abdel-Samad: "Mohamed war ein gekränkter Visionär"

Eine "Abrechnung" mit Mohammed unternimmt der deutsche Publizist Hamed Abdel-Samad in seinem neuen Buch. Im Interview warnt er vor einer "Islamisierung" des Flüchtlingsproblems, für Moscheen fordert er strenge Lizenzen,

(c) INGA KJER / EPA

Ihr neues Buch heißt „Mohamed. Eine Abrechnung“. Welche Rechnung haben Sie mit Mohammed zu begleichen?

Ich mache ihn für viele Probleme in der islamischen Welt verantwortlich. Narzissmus und Größenwahn, Paranoia, Kritikunfähigkeit, Umgang mit dem Westen, Gewalt von Terroristen, die sich auf Mohammed berufen, Beziehung von Männern zu Frauen, von Muslimen zu Nichtmuslimen. Mohammed war ein gekränkter Visionär. Er führte Kriege, ließ die Juden aus Medina vertreiben, versklaven oder töten. Er sollte als Mensch betrachtet werden, mit guten und schlechten Seiten. Im Buch beleuchte ich die schlechten.

 

Warum fordern Sie Mohammed-Satire?

Es ist gut, Mohammed nackt zu zeichnen, viel Satire über ihn zu veröffentlichen. Dann müssen Muslime erkennen, dass sie nicht von sechs Milliarden Nichtmuslimen verlangen können, Mohammed als unantastbar zu sehen. Die Zeichnungen von „Charlie Hebdo“ sind ein Geschenk an die Muslime, damit sie lernen können, mit Kritik umzugehen.

 

Sie glauben, dass Bücher wie Ihres oder die Karikaturen in „Charlie Hebdo“ gläubige Muslime nachdenklich machen?

Ich habe den Inhalt des Buches vorab auf Arabisch auf YouTube gestellt und bekam eine Million Klicks – das ist eine Sensation. Viele junge Menschen in der arabischen Welt begreifen, dass etwas schiefläuft mit ihrer Religion, dass dieser Terror historische, ideologische und religiöse Gründe hat. Sie begnügen sich nicht mehr mit der Wunderformel, das habe mit dem Islam nichts zu tun. Sie wollen verstehen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat. Ich sage: Es ist Mohammed.

 

In der Öffentlichkeit hört man aber wenig von Muslimen, die Sie unterstützen.

Es gibt in der islamischen Welt schon viele Islamkritiker und Atheisten, nur konnten sie sich noch nicht in einer Bewegung bündeln, die man Aufklärung nennen kann. Derzeit gehöre ich zu einer Minderheit und lebe deshalb in ständiger Lebensgefahr. Wenn wir mehr werden, müssen wir uns nicht mehr verstecken. Wir sind auf einem guten Weg, aber noch ist die konservative Seite stärker. Es ist ein Kulturkampf innerhalb des Islam.

 

Was bliebe vom Islam, würden sich die Muslime so von Mohammed distanzieren, wie Sie es fordern? Er ist der Religionsgründer und gilt als Allahs Prophet.

Klar, dass kein Islam im klassischen Sinn herauskommt, wenn man Mohammed als Menschen betrachtet, der viele Fehler gemacht hat, und sich von der Idee verabschiedet, dass der Koran das direkte Wort Gottes ist. Da wackeln die wichtigsten Säulen des Islam. Aber ich sehe meine Aufgabe darin, diese Misere des Islam aufzuzeigen. Dann müssen sich die Muslime selbst damit auseinandersetzen.

 

In Europa leben schon viele Muslime, mit den Flüchtlingsströmen kommen hunderttausende dazu, am Ende wohl Millionen. Wie soll Europa reagieren?

Mich enttäuscht, dass die moderaten Muslime völlig im Stich gelassen werden. Die Politiker nutzen die konservativen Islamverbände als Hauptansprechpartner, auch jetzt, in der Flüchtlingskrise. Diese Verbände bieten an, sich um die Flüchtlinge zu kümmern, und verknüpfen das mit Geldforderungen. So islamisiert man das Flüchtlingsproblem, wie man bereits das Integrationsproblem islamisiert hat. Problematisch ist auch, wie man in Europa mit Islamkritik umgeht. Es ist völlig inakzeptabel, dass jede Kritik als Rassismus und Islamophobie bezeichnet wird. Diese Begriffe sind gefährlich. Ich diffamiere keinen Muslim, wenn ich sage, Mohammed war narzisstisch, paranoid, kritikunfähig. Oder wenn ich sage, der Islam hat ein Problem mit Gewalt, mit Frauen, mit Nichtmuslimen. Das sind Tatsachen.

 

Wie sollen Politiker denn mit dem Bau von Moscheen umgehen?

Der Bau einer Moschee ist kein Akt der Integration, zumindest sicher nicht, wenn er von Saudiarabien finanziert wird. Politiker feiern solche Dinge, sie lieben Muslimas mit Kopftuch, die sagen, Islam und Demokratie sind vereinbar, und merken nicht, dass hier das Spiel des Trojanischen Pferdes gespielt wird: Man reitet auf dem Rücken der Demokratie, bis man am Ziel ist. Moscheen sollten auf Basis von Lizenzen betrieben werden – man bekommt eine Lizenz, wenn man bestimmte Auflagen erfüllt. Dazu gehört: auf Deutsch predigen, keine Verletzung der Menschenrechte, kein Aufruf zur Gewalt, Gleichberechtigung von Mann und Frau. Eine Moschee, die gegen diese Auflagen verstößt, verliert ihre Lizenz. Das hätte von Anfang an so sein sollen, aber man entschied sich aufgrund der Religionsfreiheit dagegen.

 

Sie waren selbst strenggläubiger Muslim, auch Mitglied der Muslimbrüder – und heute? Wie definieren Sie sich?

Ich definiere mich gar nicht mehr über diese Religion. Viele Menschen verlassen den Islam, sehr wenige trauen sich, das auch zu sagen, sie fürchten um ihr Leben. Ich sage ihnen: Steh dazu, dann sind wir mehr! Dann ist das eine neue Realität, die akzeptiert werden muss, genau wie die Satire. Als der Titel meines Buches bekannt wurde, kam von vielen, auch vielen Deutschen, die Frage: Muss das sein? Das ist unglaublich! Ich sage: Ja, es muss sein. Weil irgendjemand der Erste sein muss.

ZUR PERSON

Hamed Abdel-Samad, geb. in Ägypten, zog mit 23 nach Deutschland. Der Politologe und Autor wurde 2013 mit einer Todesfatwa belegt, weil er gesagt hatte, „religiöser Faschismus“ sei im Wesen des Islam begründet. Er hat seitdem keinen festen Wohnsitz, steht unter Polizeischutz. „Mohamed. Eine Abrechnung“ (Droemer) ist ein Psychogramm des Propheten – als von der Mutter verlassenen Kindes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2015)

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