Essayistik: Der neue Bocksgesang

Botho Strauß beklagt im „Spiegel“ die „Selbstaufgabe“ der deutschen Nation – und stilisiert sich selbst zum „letzten Deutschen“.

(c) Bloomberg (Krisztian Bocsi)

„Deutschland wird jeden Tag weniger. Das finde ich gut so." Diesen Satz schreibt Botho Strauß im „Spiegel“ anonymen Pazifisten zu, und er kommentiert: „Das Niedrigste an diesem Schurkenwort ist die politische Schmerzlosigkeit, mit der man die Selbstaufgabe befürwortet, zum Programm erhebt. Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur. Der sie liebt und ohne sie leben kann, wird folglich seine Hoffnung allein auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes ,Geheimes Deutschland‘ richten.“

Strauß, heute 70 Jahre alt, beginnt seinen Essay mit einer Passage aus seiner „Bewusstseinsnovelle“ namens „Die Unbeholfenen“ (2007): „Ich glaube, ich bin der letzte Deutsche“, heißt es darin, dieses Selbstzitat, so Strauß, „verhehlt nicht, dass sich der Autor als dieser Letzte sah.“

Dann sinniert er, unter heftigem Einsatz von Auslassungspunkten ( . . . ), über sein Verhältnis zum Roman, bevor unvermittelt eine starke Aussage kommt: „Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“ Die meisten ansässigen Deutschen seien, schreibt Strauß, „nicht weniger entwurzelt als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen“. Diese „Sozial-Deutschen“ wüssten nicht, „was kultureller Schmerz sein kann“, weil sie nicht verwurzelt seien „in der geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger, von Jakob Böhme bis Nietzsche, von Klopstock bis Celan“.

Im kulturpessimistisch raunenden Tonfall erinnert „Der letzte Deutsche“ (so der Titel) an Straußens vor 22 Jahren, ebenfalls im „Spiegel“, veröffentlichten „Anschwellenden Bocksgesang“. Daran hieß es etwa: „Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört.“

Diesmal bedauert Strauß explizit das Schwinden der „linkskritischen Intellektualität, die sich gegen die Hegemonie des Ökonomischen über unsere Lebenswelt auflehnte“. Und er findet einen paradoxen Trost: „Nun, was kann den Deutschen Besseres passieren, als in ihrem Land eine kräftige Minderheit zu werden? Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft ein Volk zur Selbstbesinnung. Dann erst wird Identität wirklich gebraucht.“ (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2015)

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