Swetlana Alexijewitsch, die Erforscherin des Homo sovieticus

Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat in ihrem Werk immer jenen eine Stimme gegeben, denen normalerweise nicht zugehört wird. Dazu hat sie ihre eigene Gattung entwickelt: den „Roman in Stimmen“.

„Keine Historikerin, sondern eine Menschenforscherin“, die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin aus Minsk, Swetlana Alexijewitsch.
„Keine Historikerin, sondern eine Menschenforscherin“, die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin aus Minsk, Swetlana Alexijewitsch.
„Keine Historikerin, sondern eine Menschenforscherin“, die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin aus Minsk, Swetlana Alexijewitsch. – (c) REUTERS (STRINGER/BELARUS)

Viele weitere wichtige Literaturpreise kann Swetlana Alexijewitsch vermutlich nicht mehr einsammeln: Den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung erhielt sie 1998, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2013 – und gestern dann den Nobelpreis für Literatur, für den sie auch schon seit Jahren als heiße Favoritin gehandelt worden war. Oh ja, Swetlana Alexijewitsch hat auch diesen wichtigsten Literaturpreis der Welt verdient – und es gibt wohl kaum jemanden, der der diesjährigen Entscheidung der Schwedischen Akademie nicht applaudieren würde. Wobei: Alexijewitsch schreibt keine Literatur im herkömmlichen Sinn, sie verfasst spezielle und hochpolitische Literatur.

Denn ihr Thema ist das untergegangene kommunistische Riesenreich Sowjetunion – und das, was von ihm an menschlichem Treibsand übriggeblieben ist. Für wen könnte das ein geeigneteres Thema sein als für sie: geboren am 31. Mai 1948 im westukrainischen Iwano-Frankiwsk; das ist das frühere polnische Städtchen Stanisławów (deutsch Stanislau), das im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes von der Sowjetunion einverleibt worden ist, und das all den Horror und Schrecken des Zweiten Weltkriegs durchlebte. In diese nach dem Krieg aus vielen Wunden blutende Stadt wurde Swetlana hineingeboren, ihre Mutter war Ukrainerin, der Vater Weißrusse und ein Leben lang Kommunist.

Alexijewitsch ist eine geradezu archetypische Vertreterin des untergegangenen Vielvölkerstaates Sowjetunion. Und so begann sich ihr journalistisches und literarisches Interesse konsequenterweise dem Homo sovieticus zuzuwenden. Nein, nicht den Parteibonzen und Funktionären, sondern den einfachen Einwohnern dieses Staates – denen da unten, denen am Rande, dem Bodensatz der sowjetischen Gesellschaft. Sie erklärte ihre Vorgangsweise so: „Historiker interessieren sich nur für Fakten, die Gefühle bleiben draußen, sie werden von der Geschichtsschreibung nicht erfasst. Ich aber sehe die Welt mit den Augen der Menschenforscherin, nicht mit denen des Historikers.“ Alexijewitsch spricht mit denen, mit denen normalerweise niemand spricht, sie stellt kurze Fragen, lässt sie erzählen, kondensiert die Gespräche, erklärt kurz Hintergründe zum Gesagten, beschreibt knapp Gefühlsregungen ihres Gegenübers. Solcherart entwickelte sie ihre eigene literarische Gattung, nennt sie „Roman in Stimmen“.

In ihrem Opus magnum „Secondhand-Zeit“ (2013), in dem sie das „Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ beschreibt, hat sie diese ihre Gattung perfektioniert. Im „Spectrum“ der „Presse“ lobten wir dieses Buch als „expressionistisches Monumentalgemälde des osteuropäischen Leidens“.

Stimmen also, denen gewöhnlich niemand zuhört: 1983 waren das zuerst Frauen, die den Zweiten Weltkrieg an der Front oder in den von den Nazis besetzten Gebieten erlebt hatten („Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“). Der Zensur gefiel das Buch zunächst gar nicht, weil es nicht den sowjetischen Heldengeschichten der Breschnjew-Ära entsprach. Dennoch widmete Alexijewitsch auch ihr nächstes Buch vernachlässigten Opfern des Krieges – nämlich den Kindern („Die letzten Zeugen“, 1989).

Als nächstes erschien „Zinkjungen“ (1992) – Porträts von aus Afghanistan als physische oder psychische Wracks heimgekehrten Soldaten der Roten Armee; durch dieses Buch wurde die deutschsprachige Leserschaft erstmals auf die Autorin aus dem weißrussischen Minsk aufmerksam, sodass auch ihre weiteren Bücher über Selbstmörder (1994) und über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl (1997) übersetzt wurden.

Swetlana Alexijewitsch lebt weiter in der weißrussischen Hauptstadt Minsk, mehr oder weniger vom Regime Alexander Lukaschenkos geduldet. In vielerlei Hinsicht gleicht diese Millionenstadt heute einer Art Sowjetmuseum. Dort hat sie eine Zweizimmerwohnung, insofern ist sie wohl auch selbst ein „Sowki“ – ein Sowjetmensch, der sich nie so richtig mit dem postsozialistischen Leben abgefunden hat. Nur hatte und hat sie den Vorteil, immer wieder ein paar Monate aus Minsk abhauen zu können, wenn ihr das Lukaschenko-Regime wieder einmal eine zu schwere Last wurde. Dann nahm sie eine Auszeit – in Deutschland, Frankreich, Italien oder Schweden. Aber sie kehrte immer wieder zurück – und erhob auch wiederholt mutig ihre Stimme gegen diktatorische Auswüchse des Regimes.

Der Literaturnobelpreis ist wie schon die anderen internationalen Preise, mit denen die Autorin geehrt wurde, eine Art Schutzmantel für Alexijewitsch. Ohnehin ist auch davon auszugehen, dass die – in der Geschichte bis herauf in die Gegenwart so geschundenen – Weißrussinnen und Weißrussen mächtig stolz sind auf ihre Nobelpreisträgerin Swetlana, die ihnen und ihren tragischen Schicksalen eine Stimme gegeben hat, die in der Welt auch gehört wird.

Mit Verspätung hat der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko der neuen Literaturnobelpreisträgerin gratuliert. "Ich freue mich aufrichtig über Ihren Erfolg", erklärte der autoritär regierende Staatschef am Donnerstagabend in Minsk. "Ich hoffe sehr, dass Ihre Auszeichnung unserem Staat und unserem weißrussischen Volk dienen wird."

Die 14. Preisträgerin

Swetlana Alexijwetisch (67) ist die 14. Frau, die seit 1901 von der Schwedischen Akademie mit dem Literaturnobelpreis gewürdigt wird. Den Preis (860.000 Euro) erhält die im weißrussischen Minsk lebende Autorin für ihr „vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, wie es in der Begründung heißt. Ihre erste Reaktion: „Fantastisch!“ Entgegennehmen wird Alexijewitsch den Preis am 10. Dezember.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2015)

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