Die verlorene Ehre des Ludwig Blum

Daniel Zipfel verhandelt in seinem Debütroman, »Eine Handvoll Rosinen«, Asylpolitik in Österreich. Die fiktive Wirklichkeit darin wird dieser Tage von der Realität eingeholt.

Die titelgebenden Rosinen sind symbolisches Macht- und Zahlungsmittel der Schlepper beim Drehen krummer Geschäfte. Eine Handvoll davon hätte der afghanische Schlepper Nejat Salarzai wohl für seinen Kontakt zu einem westeuropäischen Fremdenpolizisten, verkörpert durch Ludwig Blum, bekommen. Nejat verkauft die Hoffnung, dass es weitergeht, und dabei braucht er wichtige Kontakte beispielsweise in der Exekutive. Denn Nejat verkauft nicht nur Reisepässe und gefährliche Überfahrten, sondern auch die Löschung aus der behördeninternen Datenbank. Der Asylbeamte Blum wird exemplarisch an seine Grenzen geführt. Er ist ein leicht pedantischer, innerlich unsicherer, aber herzlicher Polizist, der es allen recht machen will. Zweifel plagen ihn aber trotzdem oder vielleicht sogar deswegen. Unbeholfen klammert sich der Fremdenpolizist an die Rechtsordnung, die er bald nicht mehr als verlässliches Regelwerk ansieht, um im Sinne der Menschlichkeit zu agieren. Die Ordnung sei ein guter Wert an sich und schütze die Menschen, davon ist er anfangs noch überzeugt. Diese Einsicht beginnt, nach und nach zu bröckeln.

Ludwig Blum macht eine Entwicklung durch. Er ist im Zwiespalt und weiß nicht, wie er helfen kann. „Jedes Verfahren war irgendwann abgeschlossen. Das war der Vorteil der Rechtsordnung gegenüber dem Leben.“ Doch es gibt keine einfachen Antworten mehr. Es gibt mehrere Begriffe von Ordnung, und so schlittert der beflissene Beamte in einen Strudel der Mittäterschaft. „Ich kehre die Menschen auf, die ihr Rechtsstaat fallen gelassen hat, Herr Amtsdirektor“, sagt der Schlepper zu Ludwig Blum. Bescheide, Gutachten, Stellungnahmen, Berufungen, Kopien und Protokolle. Die kafkaeske Schwierigkeit im trägen Staatsbetrieb, der die Lage der menschlichen Not nicht fassen kann und will, wird aufgezeigt.


Heldenhafte Tagträume. Nicht nur Rosinen, auch Vertrauen ist eine Währung in diesem heiklen, schmutzigen Geschäft. Wer ist ein guter Mensch, und was macht ihn dazu? Das ist die Grundfrage, die als Basslinie im Hintergrund wummert. Verhandelt werden die großen Themen Verantwortung, Vorschriften und Hilflosigkeit gegenüber dem Gewissen, der inneren Stimme und dem Gesetz. Der Konflikt spitzt sich durch die Gegensätzlichkeit der Figuren zu. Unkonventionell im Flüchtlingsthema ist die doppelte ambivalente (Täter-)Perspektive, die dem Leser ein klares Urteil unmöglich macht.

Gezielt, aber unterschwellig lenkt Daniel Zipfel den Roman mit Zeit- und Perspektivenwechsel und hält so den Spannungsbogen. Die heldenhaften Tagträume Blums, die alles zum Guten kehren, bleiben natürlich im Konjunktiv. Zu den zwei Hauptfiguren gesellt sich eine nicht unwesentliche Nebenrolle: Jakob Kampl. Als Leiter einer Notschlafstelle ist er längst desillusioniert am schmutzigen Boden der Tatsachen angekommen. Auf den Gängen im Flüchtlingslager trifft man rund um die Uhr immer auf dieselben zerbrechlichen Blicke: einen imaginären Punkt fixierend, der ins Nichts führt, dem Betrachter sofort ausweicht, als wäre es eine kompromittierende, peinliche Situation. Für Kampl gibt es keine Ordnung mehr, nur noch Willkür und Chaos. „Was Ordnung ist, bleibt dir selbst überlassen. Wir sind mitten auf dem Meer.“

Daniel Zipfel ist einer der Debütanten in der frisch geschaffenen Belletristikschiene des Verlags Kremayr & Scheriau. Der Autor ist als Jurist seit sieben Jahren im Flüchtlingsbereich tätig. Als Rechtsberater ist er mit vielen Schicksalen konfrontiert und versucht, den Geschichten der Menschen mit juristischen Schriftsätzen ein Happy End zu erschreiben. „Bei Einvernahmen vor den Behörden und bei Verhandlungen vor den Asylgerichten operiert man quasi an der offenen Erinnerung“, beschreibt Daniel Zipfel. Die große Materialmenge verdichtete er in den vergangenen zwei Jahren zum Roman. Dementsprechend realistisch und aufwühlend, durch die aktuelle Flüchtlingskrise zugleich erdrückend, liest sich diese Erzählung. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Dieses Buch musste dringend geschrieben werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2015)

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