Die Großmama, die nicht auspackte

Boris Fishman hat mit "Der Biograf von Brooklyn" einen berührenden Schelmenroman über russische Einwanderer in New York geschrieben.

(c) REUTERS (LUCAS JACKSON)

Slava Gelman hat's nicht leicht. Und selbst wenn er es manchmal leicht hätte, macht er sich das Leben schwer. Der 25-Jährige lebt in Manhattan, rackert rund um die Uhr als Nachwuchsjournalist bei der renommierten Zeitschrift „Century“, streitet mit der betörenden Arianna und hält sich so weit wie möglich von seiner russisch-jüdischen Familie fern. Diese lebt in Brooklyn, in einer eng abgesteckten Welt aus Heimweh, Wodka und alten Feindschaften. Doch dann stirbt Slavas Großmutter – und dieser Tod reißt einen Graben auf, der auch Slavas schöne neue sterile Welt verschluckt.

„Der Biograf von Brooklyn“ ist der erste Roman des Journalisten Boris Fishman. Autobiografische Züge lassen sich wohl nicht verleugnen. Denn so wissend und einfühlsam kann nur einer schreiben, der genau weiß, wie es ist, als Grenzgänger zu leben, als Nachfahre von Einwanderern, die das Unmögliche von ihren Kindeskindern verlangen. Die Enkel sollen erfolgreiche Amerikaner werden, gemessen an materiellen Dingen, mit einem Haus und, wenn möglich, mindestens zwei Autos.

Gleichzeitig aber dürfen sie sich ja nicht zu weit von der Welt ihrer Eltern und Großeltern entfernen. Sie sollen in der Nachbarschaft bleiben, die alten Traditionen aufrechterhalten und nur untereinander heiraten. „Wir sind nur noch wenige, wir müssen zusammenhalten“, beschwören die Alten die Jungen. Natürlich auf Russisch, denn im Haushalt von Slavas Großeltern fällt oft tagelang kein englisches Wort. Russisch ist ein Überbleibsel aus der verhassten Sowjetunion, die einzige Möglichkeit, einander in der neuen Heimat zu verstehen. Und die brauchen sie, „weil der Hass eines Ukrainers auf die Russen immer noch wärmer ist als seine Liebe zu den Amerikanern“.


Unbekannte Großmutter. Dieser Sprachbarriere ist es auch geschuldet, dass Slava zurück in Richtung Brighton Beach und Little Odessa gesogen wird. Sein mit allen Wassern gewaschener Großvater erhält einen Brief von der „Konferenz für jüdische Schadenersatzansprüche gegen Deutschland“ und wittert ein Geschäft. Hätte nicht seine verstorbene Frau, Sofia, Anspruch auf Entschädigung gehabt? Die Fakten sind vielleicht etwas löchrig, aber wozu hat man schließlich einen Enkel, der sein Geld mit Schreiben verdient und besser Englisch als Russisch kann? Slava lässt sich überreden, schreibt den Brief und tritt eine Lawine los. Bald stehen Familien vor seiner Tür Schlange, um ihre Vergangenheit entsprechend frisieren zu lassen.

Aber auch für Slava bleibt nach dem ersten Brief kein Stein auf dem anderen. War er anfangs voller Widerwillen gegen das kriminelle Unterfangen, überwiegt bald der Reiz, sich so mit der Vergangenheit seiner Familie auseinanderzusetzen. Vor allem Sofia, Slavas vergötterte Großmutter, wird zur Besessenheit. Denn im Gegensatz zu der „Großmama“, die in Irene Disches wunderbarem Roman auspackt („Großmama packt aus“), hieß „Liebe“ für Sofia Gelman, dass ihre Familie sie nicht mit Fragen behelligte. Posthum holt Slava sich auf diesem Weg seine Großmutter zurück. In jeden Brief, den er schreibt, baut er ein Stück ihrer Geschichte ein. So kann er endlich in einen Dialog eintreten, der ihm zu Sofias Lebzeiten versagt geblieben ist. Bis Slavas Albtraum eintritt und die ganze Geschichte aufzufliegen droht.


Die Welt hinter der Brücke. „Der Biograf von Brooklyn“ ist berührend, messerscharf beobachtet und stellenweise witzig. Es ist ein Entwicklungs- und gleichzeitig ein Schelmenroman, eine Geschichte über New York, über Einwanderer und über Juden, über Wurzeln und Gerechtigkeit, über die Verlorenheit der Jungen und die Einsamkeit der Alten.

Slavas widerstrebende Reise in die Vergangenheit, erinnert an Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“. Auch wenn Slava Gelman nicht so weit reisen muss wie Safran Foers Helden: Er überquert nur die Brooklyn Bridge und ist schon in dem unbekannten und gefährlichen Territorium, das sich Familie nennt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2015)

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