Autoren im Alleingang

Nie war es so einfach, ohne Verlag im Rücken ein Buch zu veröffentlichen. Self-Publishing bietet Unabhängigkeit und oft gute Konditionen – der literarische Wert ist aber umstritten.

Larissa Kopeczky hat viele Geschichten im Kopf. Eine davon hat sie aufgeschrieben – und über eine Self-Publishing-Plattform veröffentlicht.
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Larissa Kopeczky hat viele Geschichten im Kopf. Eine davon hat sie aufgeschrieben – und über eine Self-Publishing-Plattform veröffentlicht.
Larissa Kopeczky hat viele Geschichten im Kopf. Eine davon hat sie aufgeschrieben – und über eine Self-Publishing-Plattform veröffentlicht. – Die Presse

Bücher seien eigentlich gar nicht das Ihre, gesteht Larissa Kopeczky. „Ich lese gar nicht so gern. Es macht mehr Spaß, meine eigenen Geschichten zu schreiben. Auch, wenn ich das Ende schon kenne.“ Geschichten hat die 13-Jährige aus Perchtoldsdorf einige im Kopf. Eine davon hat sie aufgeschrieben: Sie handelt von einem Koboldmädchen, das von der Menschenwelt in ein geheimnisvolles Reich voller Einhörner und gefährlicher Trolle reist, um dort gegen das Böse zu kämpfen.

„Ich habe das Buch einfach für mich selbst geschrieben“, erzählt Larissa. Heute hat „Olewarien – Elena und das magische Land“ eine ISBN-Nummer und kann weltweit über den Buchhandel bestellt werden. Einen Verlag im Rücken hat die junge Autorin aber nicht. Sie hat die Sache selbst in die Hand genommen.

Für Autoren, die von Verlagen unabhängig bleiben wollen (oder keinen finden können, der ihr Buch annimmt), gibt es schon lang die Möglichkeit, im Eigenverlag zu veröffentlichen. Die Entwicklung des E-Books machte ein solches Unterfangen für Hobbyautoren leistbar: Der teure Druck und die Kosten für den Vertrieb fielen weg, ebenso das Risiko, auf einer ganzen Auflage sitzen zu bleiben. Der Digitaldruck machte es möglich, auch Kleinstauflagen oder nur einzelne Exemplare auf Bestellung zu produzieren.

Heute gibt es einige Plattformen, auf denen Indie-Autoren ihre Bücher vertreiben können. Der Holtzbrinck-Verlag war der erste im deutschsprachigen Raum, der mit Epubli eine solche Plattform startete. Amazon unterhält mit Kindle Direct Publishing (KDP, für E-Books) und CreateSpace.com (für gedruckte Bücher) seit einigen Jahren zwei Self-Publishing-Portale. In letzter Zeit sprangen auch Buchhandlungen auf den Trend auf: Die Tolino-Allianz – Bertelsmann, Hugendubel, Thalia, Weltbild und Libri vertreiben als Konkurrenz zu Amazon eigene E-Book-Reader – startete vergangenen Frühling Tolino Media. Seit Juni gibt es mit myMorawa auch einen österreichischen Anbieter.

Die Leistungen der verschiedenen Anbieter sind meist ähnlich, die Konditionen unterscheiden sich. Auf myMorawa etwa müssen sich die Autoren online registrieren und ihr Buch hochladen. Für den Inhalt – und dessen Qualität – sind sie selbst verantwortlich. Eine Prüfstelle stellt lediglich sicher, dass das Buch keine pornografischen oder radikalen Inhalte enthält. Sobald es freigeschaltet ist, wird es im Verzeichnis lieferbarer Bücher gelistet und kann somit von jeder Buchhandlung bestellt werden. Gedruckt wird es erst auf Bestellung (on demand). Der Autor zahlt dafür, dass sein Buch gelistet wird (die Kosten variieren bei verschiedenen Anbietern, bei manchen ist es auch gratis), und bekommt eine Provision für jedes verkaufte Exemplar (auch da gehen die Anteile, je nach Anbieter, auseinander).


Bestseller auf Umwegen. Man kauft sich also ins Verlagsgeschäft ein? Kann dann jeder seine literarischen Ergüsse, ungeachtet ihrer Qualität, veröffentlichen? Im Englischen gibt es einen Begriff, Vanity Press, für Verlage, die mehr von der Eitelkeit als von den schreiberischen Fähigkeiten ihrer Autoren leben. Tatsächlich trauen Experten wenigen der 100 beliebtesten E-Books, die über KDP publiziert wurden, eine traditionelle Verlagskarriere zu. Aber es gibt Ausnahmen: Eine deutsche Autorin, die unter dem Pseudonym Poppy J. Anderson in Eigenregie über eine Million E-Books verkauft hat, bietet ihre Romane als Taschenbuch mittlerweile auch über den Rowohlt-Verlag an. Die Erotikromanreihe „Fifty Shades of Grey“, die Bertelsmann 2012 die Bilanz rettete, war ursprünglich auch via Self-Publishing erschienen. Aber auch die großen Autoren der vergangenen Jahrhunderte zahlten mitunter selbst für die Veröffentlichung ihrer Bücher: Lewis Carroll, Mark Twain, Edgar Allan Poe, um nur einige zu nennen.


Innerer Wunsch. „Ich würde mich nie auf eine Stufe mit den großen Literaten stellen“, sagt Gabi Paumgarten. „Ich bin überzeugt, dass mein Buch spannend ist, aber es ist natürlich Trivialliteratur.“ Die Tirolerin arbeitet als Familienbetreuerin für die Jugendhilfe und hat nebenbei einen Krimi geschrieben, in den sie ihre Erfahrungen einfließen ließ: Ein Kommissar hat es mit Morden im Milieu eines Heims zu tun, in dem Mädchen in der Vergangenheit missbraucht wurden. Gleichzeitig bekommt der Ermittler als alleinerziehender Vater einer Tochter Probleme mit der Jugendhilfe.

Ein Geschäft wollte Paumgarten mit „Unter Strom“ nie machen. „Für mich war es nur ein Bedürfnis, diesen Krimi gedruckt zu sehen.“ Inzwischen dürfte er sich über 500-mal verkauft haben. Einen Verlag hat sie erst gar nicht gesucht: „Ich bin eine Do-it-yourself-Frau. Ich kann Boden legen, Kleider nähen, kochen.“ Auch bei ihrem ersten Buch wartete sie nicht darauf, für veröffentlichungswürdig erklärt zu werden.

Die Wienerin Ramona Muik hat zwar einen Verlag gesucht, zu dem die Zeitzeugenberichte ihres „Schwiegergroßvaters“ passen könnten. Den richtigen konnte sie aber nicht finden. Sie tippte die handgeschriebenen Aufzeichnungen des 1913 geborenen Gärtners, die die Familie schon fast vergessen hatte, ab, suchte Fotos dazu und gestaltete mithilfe der Vorlagen von myMorawa den Umschlag. „Der taube Gärtner“ kann jetzt jeder kaufen. Muik schätzt die Erfahrungen, die sie als Self-Publisher gemacht hat: „Zu einem Verlag kann ich immer noch gehen.“

Fakten

Self-Publishing. Die Möglichkeit, im Eigenverlag zu publizieren, gibt es schon lang. E-Books und der Digitaldruck machen solche Unterfangen auch in geringer Auflage attraktiv.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland 75.000 Self-Publisher, die über verschiedene Plattformen ihre Bücher vertreiben. Das österreichische Buchunternehmen Morawa startete 2015 mit myMorawa eine solche Plattform.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2016)

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