„Es gab keine klare Zugehörigkeit – na und?“

Der Schriftsteller Aris Fioretos über Identität, Sprache als tragbare Heimat, das Aufwachsen zwischen unterschiedlichen Kulturen – und darüber, was die Marillenmarmelade seiner Großmutter mit all dem zu tun hat.

 Aris Fioretos ist als Sohn eines Griechen und einer Österreicherin in Schweden aufgewachsen. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass er sich nicht für ein Land oder eine Sprache entscheiden muss.
 Aris Fioretos ist als Sohn eines Griechen und einer Österreicherin in Schweden aufgewachsen. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass er sich nicht für ein Land oder eine Sprache entscheiden muss.
Aris Fioretos ist als Sohn eines Griechen und einer Österreicherin in Schweden aufgewachsen. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass er sich nicht für ein Land oder eine Sprache entscheiden muss. – (c) Sara McKey/Hanser Verlag

Die Presse: Ihr Vater ist als politischer Flüchtling nach Wien gekommen und dann mit Ihrer österreichischen Mutter nach Schweden ausgewandert. Was denken Sie über die Integrationsdebatten dieser Tage?

Aris Fioretos: Politiker sprechen von „Integrationsvereinbarungen“, wohl auch um der Angst vor Fremden zu entgegnen. Mir kommt vor, dem Bürger wird zugeflüstert: „Keine Angst, sie stecken nicht an. Und bald werden sie so sein wie du und ich.“ Diese Reaktion ist verständlich und nicht weiter schlimm, solange Integration nicht gleich Identitätsverlust durch Assimilation heißt.


Wie kann das verhindert werden?

Mit Gesellschaftsmodellen, die nicht auf dem Prinzip der Einverleibung beruhen. Zwar soll der Gegenentwurf nicht in tausenden Parallelgesellschaften münden, in denen angeblich jeder tut, was er will. Aber wir müssen aufpassen, dass Integration nicht falsch verstanden wird und auch künftig das Maß wahrt. Ankommende dürfen nicht gezwungen werden, sich restlos den hiesigen kulturellen Umgangsformen zu unterwerfen. Wenn Herr und Frau Seidl aus dem siebten Bezirk morgen nach – sagen wir – Jakarta fliehen müssten, hätten sie wohl kein Verständnis, wenn man ihnen verbietet, Marillenknödel zu essen und Wanda zu hören, um Asyl zu bekommen.


In Ihrem biografischen Roman „Die halbe Sonne“ sind Marillen das, was für Proust die Madeleines waren – und mit der Erinnerung an Österreich verbunden.

Beim Wort Marille werde ich wohl ewig die Nähmaschine meiner Großmutter hören, die Meisternäherin war. In der Wiener Burggasse, wo sie wohnte und arbeitete, kochte sie die hinreißendste Marmelade, die der Junge, der ich einmal war, kannte. Ma-rille, Ma-rille, Ma-rille . . . So klang, fand ich, ihre Nähmaschine. Es war der Soundtrack meiner sechsjährigen Sehnsüchte.


Ein bestimmter Geschmack, Geruch oder eine Melodie stehen stellvertretend für einen Ort.

Jeder von uns, der eine halbwegs heile Kindheit hatte, weiß vom melancholischen Glück, an frühe Erfahrungen erinnert zu werden. Die ersten Schlittschuhe, die man im Keller wiederentdeckt, der Geruch aus Vaters verstaubtem Fläschchen Rasierwasser, die mittlerweile haarlose Puppe in der Umzugskiste . . . Plötzlich begegnet man diesen Boten aus der Vergangenheit – und ruck, zuck ist sie wieder da, die halbgute, halbalte Welt namens Heimat.


Kann für einen Schriftsteller auch Sprache Heimat oder Fluchtort sein?

Bestimmt bietet Sprache so etwas wie das „portative Vaterland“ an, wie Heinrich Heine es genannt hat. So flächendeckend sie auch sein mag, man kann sie überallhin mitnehmen. In der Sprache gibt es aber auch Räumlichkeiten, von denen ich nichts weiß. Neben den tollen Aussichten oder kuscheligen Ecken, die sie einem zu bieten vermag, gibt es Verstecke und gar nicht so angenehme Keller. Kurzum: In der Sprache finde ich mich nicht nur, ich komme mir immer auch etwas fremd vor.


Gilt das nur für die Muttersprache?

Ich bin als Sohn eines Griechen und einer Österreicherin in Schweden aufgewachsen, habe aber die letzten dreißig Jahre auch in Frankreich, in den USA und in Deutschland gelebt. Ich habe nie ein zuverlässiges Gespür für das entwickeln, was unter Heimat oder Muttersprache verstanden wird. Bisher war eigentlich nur auf den Schreibtisch Verlass. Auch wenn er immer anderswo aufgestellt werden kann, an ihm ist nicht zu rütteln.


Was macht das gemischtkulturelle Leben schwierig?

Kinder aus mehreren Kulturen lernen meistens schnell, jede Geste, jeden Gegenstand und jeden Streitapfel aus verschiedenen Seiten zu betrachten. Das heißt, der Blick ist doppelt, aber gebrochen. Zwar sieht man differenzierter als die monokulturellen Kyklopen, aber was an Vielstelligkeit gewonnen wird, geht an Eindeutigkeit verloren.


Mit Eindeutigkeit meinen Sie den Halt in einer einzigen Kultur?

Jeder, der in mehr als einer Kultur aufwächst, muss seine Balance finden. Entweder solidarisiert er sich mit der Heimatkultur der Eltern, was auf Kosten der Integration geht, oder er erklärt sich mit der neuen Kultur loyal, was auf Kosten des Verständnisses der Erfahrungen der Eltern geht. Unter schlechten Bedingungen radikalisiert sich der Wunsch nach Zugehörigkeit, im schlimmsten Fall wird er von fundamentalistischen Menschenfängern ausgebeutet.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich hatte Glück. In meiner Familie wurden die unterschiedlichen Kulturen immer als Bereicherung gesehen. Dennoch dauerte es eine Weile, bis mir klar wurde, ich müsste mich nicht für ein Land oder eine Sprache entscheiden. Es gab keine eindeutige kulturelle Zugehörigkeit – na und? Für mich besteht Identität in der Differenzerfahrung.


Man könnte meinen, dass gerade Menschen mit Migrationshintergrund Flüchtlingen mit Empathie gegenübertreten.

Empathie hängt nicht von persönlichen Erfahrungen allein ab. Manche Menschen sind einfach hilfsbereit, andere weniger, egal ob sie aus Graz oder Aleppo kommen. Ich habe von Neu-Schweden gehört, die sich über den zuletzt Angekommenen alles andere als freundlich geäußert haben.


Woran könnte das liegen?

Wahrscheinlich ist der eigene Status noch immer zu prekär, um sich sicher zu fühlen. Sie fühlen sich durch die Ähnlichkeit im Ausgesetztsein von anderen bedroht.


Sie haben sich intensiv mit der griechischen Kultur beschäftigt, in der man sich immer wieder auf die Antike und auf Werte, die mit dem Griechischsein verbunden sind, beruft. Verstärkt das die Gefahr des Nationalismus?

Eine Nationalität zu haben, sollte für einen Mensch selbstverständlich sein. Nationalismus zu pflegen ist jedoch etwas anderes. In Griechenland gibt es eine kritische Auseinandersetzung mit dem kollektiven Hochmut, der das Land oft in Katastrophen geführt hat. Auf der anderen Seite sieht man aber – wie auch andernorts – immer häufiger Versuche einer Renationalisierung. Es ist ein Armutszeugnis, wenn die Erhabenheit der griechischen Seele gefeiert wird. Der Umgang mit einer 3000 Jahre alten Vergangenheit verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, dass es kaum eine griechische Familie gibt, die im 20. Jahrhundert nicht in irgendeiner Form Diaspora und Emigration erfahren hat.


Ganz anders als in Schweden, anfänglich einem Musterland der Willkommenskultur. Wie ist dort die aktuelle Stimmung?

Sie war wohl schon einmal besser. Schweden hat EU-weit die meisten Flüchtlinge per capita aufgenommen. Aber auch bei uns stehen inzwischen Asylheime in Flammen. Die neuen Grenzkontrollen haben bereits für einen Dominoeffekt gesorgt. Jetzt hat das flinke Dänemark ähnliche Kontrollen eingeführt. Solche Maßnahmen verdeutlichen die Notwendigkeit einer gesamteuropäischen Lösung. Es ist wie bei einer vernünftigen Ehe: Wenn ein Land es mit seiner Mitgliedschaft in der Union ernst meint, muss es zu seinen Prinzipien in guten wie in schlechten Zeiten stehen.

Zur Person

Aris Fioretos ist Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Er ist heute, am 13. Jänner, um 20 Uhr zur Gesprächsreihe Carte Blanche im Burgtheater/Kasino geladen. Unter dem Titel „Was ist zu tun?“ wird er mit dem Historiker Philipp Blom über Identität, Heimat und Herkunft diskutieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2016)

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