Islamische Gemeinschaft Milli Görüş klagt gegen deutsches Islam-Buch

„Emanzipation im Islam“ von Sineb El Masrar wurde zurückgezogen. „Die Presse“ recherchierte, warum.

Autorin Sineb El Masrar.
Autorin Sineb El Masrar.
Autorin Sineb El Masrar. – (c) Michaela Bruckberger

„Leider derzeit nicht erhältlich“, hieß es am Mittwoch in Wiener Buchhandlungen wie Morawa oder Herder. Dabei hatte das Buch „Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden“ schon einige Wochen lang auf den Büchertischen gelegen. Nun aber musste es der deutsche Verlag wieder zurückrufen. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) in Deutschland hat eine einstweilige Verfügung beantragt – und das Landgericht München dem Antrag stattgegeben.

Skandal, Zensur? Am 28. April wird eine neue Version ausgeliefert, in der die beeinspruchte Passage geschwärzt ist. Was darin steht, wollten zwar mit Verweis auf das Verfahren weder Verlag noch Autorin verraten (Sineb El Masrar sagte am Mittwoch zur „Presse“ nur: „Die von mir darin angegebenen wurden monatelang in den Medien besprochen und sind für jeden Interessierten nachzulesen“); ein Vergleich der neuen, geschwärzten Ausgabe, die der „Presse“ vorliegt, mit der ursprünglichen Ausgabe gibt aber Aufschluss, um welchen Vorwurf es sich handelt: jener, dass Milli Görüş „2010 [. . .] über drei Millionen Euro“ an Spendengeldern für die Terrorbewegung Hamas gesammelt habe.

Ermittlungen dazu gab es, sie wurden allerdings im Jahr 2010 eingestellt. Milli Görüş wird freilich im Buch auch sonst ausgiebig kritisiert. Das ist der deutsche Ableger der türkischen Milli-Görüş-Bewegung gewohnt: Seit Jahren wird die (auch von der Türkei) finanziell gut ausgestattete und innenpolitisch einflussreiche Organisation wegen ihrer islamistischen, antidemokratischen und, wie viele meinen, antisemitischen Tendenzen vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet.

 

El Masrar: Bekannt seit „Muslim Girls“

Sineb El Masrar wiederum, eine von marokkanischen Eltern abstammende deutsche Journalistin, gehört zu ihren schlagfertigsten Kritikerinnen. Bekannt wurde sie 2010 durch ihr Buch „Muslim Girls“ über die Lebensweisen muslimisch sozialisierter Mädchen und Frauen in Deutschland, wobei Religion darin nur teilweise eine Rolle spielt. El Masrar kritisiert patriarchale Strukturen und ruft Frauen auf, selbstbestimmt zu leben, eine Botschaft, die sie auch als Herausgeberin des Monatsmagazins „Gazelle“ verbreitet. Der gerichtlich umstrittene Satz in ihrem Buch steht in Zusammenhang mit Antisemitismusvorwürfen gegen Milli Görüş. Unmittelbar davor schreibt El Masrar, die IGMG teile „heute noch die Meinung von Gründervater Necmettin Erbakan, demzufolge der Zionismus Glaube und Ideologie sei und die Menschen versklave“. Der Begriff Zionismus gelte in islamistischen Kreisen als Synonym für „die Juden“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2016)

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