„Poetisches Pidgin“ und ein allzu perfekter Text

Bachmann-Preis 2016. Der zweite Tag des Wettlesens im Klagenfurter ORF-Theater war wie aus dem Musterbuch: Es war literarisch alles dabei.

BACHMANN-PREIS: 1. TAG DES WETTLESENS
BACHMANN-PREIS: 1. TAG DES WETTLESENS
BACHMANN-PREIS – APA/GERT EGGENBERGER

Der zweite Tag des diesjährigen Bachmann-Wettbewerbs könnte als Blaupause für einen typischen Bachmann-Preis-Tag herhalten. Es war alles drin, was das Wettlesen und das Wettstreiten auszeichnet: Es gab perfekte, konventionelle, avantgardistische, durchschnittliche Texte und einen, gegen den sich nichts sagen lässt – allerdings auch kaum etwas für ihn. Es gab die obligate Ästhetik- und Kriterien-Debatte sowie die üblichen verbalen Rempeleien unter den Jurymitgliedern.

Endete der Vortag mit einem der spielerisch-humorvollen Texte, die es im Lei-Lei-Land stets schwer hatten, so begann der neue Tag mit einer durchgestylten Arbeit. Würde der Bachmann-Preis für den perfektesten Text vergeben, Julia Wolf könnte ihn gleich zu ihrem Bikini packen. Die 1980 in Groß-Gerau geborene Autorin legte mit „Walter Nowak bleibt liegen“ eine Erzählung wie aus dem Musterkatalog des Literaturinstituts Leipzig vor. Überzeugend der alternde Macho, der jeden Morgen tausend Meter schwimmt, um fit zu bleiben. Überzeugend die sprachliche Finesse, überzeugend die wellenartige Struktur. Juror Kastberger attestierte dem Text denn auch zeitlose Gültigkeit – wenn auch nicht in lobender Absicht. Tatsächlich stimmt alles an dem Text – er hat nur einen einzigen Fehler: Die Geschichte interessiert einen eigentlich nicht.

Näher an die Jetztzeit kam Jan Snelas „Araber und Schakale“, wenn auch nur indirekt: Juryvorsitzender Hubert Winkels warf der Erzählung vor, in seiner orientalischen Schwülstigkeit, die Bedrohungsfantasien erzeuge, ein Text für Pegida-Demonstranten zu sein. Das war vielleicht übertrieben, aber eine Art Karl May des 21. Jahrhunderts zu sein, wie Kastberger ihm vorwarf, muss sich der Autor wohl gefallen lassen. Kein Wunder, dass sich die Jury anhand dieses Textes aneinander rieb. Einiger war sie sich bei Isabelle Lehn. „Binde zwei Vögel zusammen“ führte in die Gegenwart. Um Geld zu verdienen, lässt sich ein Arbeitsloser als Statist für ein Soldaten-Trainingscamp anheuern und spielt „Aladin“ in Afghanistan. Stefan Gmünder in der Jury meinte zwar, dass er schon vor der Lektüre wusste, dass ein Krieg kein Frieden ist, aber die Geschichte der Selbstentfremdung war doch so gut erzählt, dass man ihr gern folgte.

Den aufregendsten Text des Tages hatte Klaus Kastberger nach Klagenfurt geholt. Tomer Gardi, 1974 in Israel geboren, irritierte bereits durch ein tonloses Video, das ausschließlich ihn zeigte, mehr aber noch durch seinen titellosen Text, der bewusst in gebrochenem Deutsch gehalten war. Diese „Broken-German-Geschichte“ war nötig, weil er das Schicksal eines Flüchtlings und seiner Mutter erzählen wollte und wie es ist, eine neue Sprache lernen zu müssen. Damit brachte er die Jury gehörig ins Schwitzen, musste sie doch die „Einwanderungsbedingungen in die Sprache“ (Jurorin Fessmann) neu festlegen.

 

Ist eine Hybridsprache zulässig?

Ist Gardis „Hybridsprache“ „normal“ zu beurteilen? Jurorin Keller betrachtete das „poetische Pidgin“ des Textes als eine Art „Tellermine“, weil es die Bedingung, dass ein Bachmann-Preis-Beitrag in deutscher Sprache verfasst sein muss, unterlief. Und dass Tomer Gardi noch dazu Israeli ist, verschärfte die Irritation, weil er als Person ja für ein gebrochenes Verhältnis zum Deutschen steht.

Mit Sylvie Schenk ging der Tag ruhig zu Ende. Die 1944 in Frankreich geborene Autorin legte einen autobiografischen Text vor. „Schnell, dein Leben“ heißt der an stimmigen Metaphern reiche Text, dessen Größe in seiner Schlichtheit liegt. Man merkte ihm an, dass „die Dramen der Gegenwart“ in die Autorin eingedrungen sind. Literarisch bunter hätte der Tag nicht verlaufen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2016)

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