50 Jahre "Blechtrommel": Die Wiedergeburt des Romans

Der Roman über den kleinwüchsigen Oskar Matzerath katapultierte Günter Grass in die erste Reihe der Weltliteratur und setzte neue Maßstäbe für die Literatur.

Günter Grass
Günter Grass
(c) REUTERS (© Christian Charisius / Reuters)

Der erste Satz aus der "Blechtrommel" ist (beinah) unübertroffen: "Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann." Mit diesem doppelbödigen Satz beginnt die Erzählung aus der Perspektive des kleinwüchsigen Oskar Matzerath. Der Roman katapultierten den bis dahin unbekannten Autor Günter Grass aus Danzig in die erste Reihe der Weltliteratur.

Als die "Blechtrommel" im Herbst 1959 auf der Frankfurter Buchmesse erschien, wurde der Entwicklungsroman von manchen Kritikern als "Geniestreich" gefeiert: "Ein Glückstreffer! Eine hinreißende Zeitsatire, neben der die bisherigen Wunderkinderromane in Deutschland wie Schablonenprodukte unterernährter Normalverbraucher erscheinen", so einen Kritik.

Deutschlands erster Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gab sich nicht so euphorisch - was er später als Irrtum einräumte.

Der wilde Bildhauer

Der Lyriker und Bildhauer Grass hatte das Anfangskapitel aus der "Blechtrommel" bereits ein Jahr zuvor auf einer Tagung der Autoren-"Gruppe 47" im Gasthof "Adler" in Großholzleute im Allgäu vorgelesen.

"Er sah verwegen aus, etwas heruntergekommen, wie mir schien, desperat wie ein bettelnder Zigeuner", erinnerte sich später der "Vater" der Gruppe 47, Hans Werner Richter, an diesen legendären Auftritt des späteren Literaturnobelpreisträgers. Es war ein Auftritt mit Folgen. Der damals neuartige, vitale, saftig-bildhafte Erzählstil riss die Zuhörer sofort mit - es war wohl eine der eindrucksvollsten Lesungen in der Geschichte der "Gruppe 47".

Der noch junge Grass konnte mit 5000 Mark (heute etwa 2500 Euro) Preisgeld nach Paris zurückreisen, wo er damals lebte, und seinen Roman fertigstellen.

"Böser Bann der Geschichte"

Für diesen Maßstab in der deutschen Gegenwartsliteratur sei Grass schließlich 1999 auch der Literaturnobelpreis verliehen worden. Akademie-Sekretär Horace Engdahl meinte in seiner Laudatio, Grass habe mit seiner literarischen Arbeit den "bösen Bann gebrochen, der über Deutschlands Vergangenheit lastete". Dass der Autor selbst der Waffen-SS zugehörig war, wurde allerdings erst 2006 bekannt.

Der Roman "Die Blechtrommel" habe "die Wiedergeburt des deutschen Romans im 20. Jahrhundert" bedeutet, meinte Engdahl. Volker Schlöndorff hat den ersten Teil des Buches auch erfolgreich verfilm. 

(Ag./Red.)

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