Deutscher Buchpreis: Die neue Lust am sprachlich Alten

Zwei Österreicher sind auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises – warum bloß? Reinhard Kaiser-Mühlecker und Eva Schmidt sind eines am allerwenigsten: mutig.

Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker.
Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker.
Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker. – (c) Teresa Zötl

Ach, was war das doch vor einem Jahr für ein erfrischender Sieger-Titel! „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“! Zumal Frank Witzels aberwitzig gemixter 800-Seiten-Text über die Sechziger- und Siebzigerjahre der BRD auch hielt, was der Titel versprach: Ein eigenwilliges und erstaunliches, buntes und berauschendes Buch gewann 2015 den Deutschen Buchpreis – eines, das man noch dazu keineswegs zu den Favoriten gezählt hatte.

Die sechs nominierten Romane für den Deutschen Buchpreis

Auch heuer gibt es Mutiges auf der Shortlist – Thomas Melles „Die Welt im Rücken“, einen autobiografischen Bericht über seine manisch-depressiven Zustände. Ebenso souverän Gereiftes – Bodo Kirchhoffs Roman „Widerfahrnis“ über die Italien-Reise eines Verlegers mit einer weiblichen Zufallsbekanntschaft. Dazu kommen aus Deutschland noch Philipp Winklers Roman „Hool“ über eine Hooligan-Gruppe und André Kubiczeks in der späten DDR spielender, gekonnt schwereloser Jugendroman „Skizze eines Sommers“.

Die österreichischen Beiträge, die heuer auf die Shortlist gelangt sind, sind merkwürdige Favoriten – sie verhalten sich wie reaktionäre Antithesen zum Sieger des Vorjahrs. Aber eines haben sie gemeinsam mit ihm, auch hier halten die Bücher, was die Titel verheißen. „Fremde Seele, dunkler Wald“ – der renommierte S. Fischer Verlag hat dem neuen Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker diesen auf den ersten Blick erstaunlichen Titel verpasst, den wohl schon ein Arthur Schnitzler nicht mehr über die Feder gebracht hätte („Der einsame Weg“ oder „Das weite Land“ klingen dagegen geradezu modern). Diese wie unzählige andere Anleihen an das vorvorige Jahrhundert – im Fall des Titels an Turgenjews Satz „Du weißt ja, eine fremde Seele ist wie ein dunkler Wald“ – kommen im Roman des 33-Jährigen freilich völlig ohne Ironie oder auch nur einen Hauch Verspieltheit daher.

 

Ein Bauernhof und Leben am See

Der auf einem oberösterreichischen Bauernhof aufgewachsene Autor erzählt von zwei jungen Männern, den Brüdern Jakob und Alexander, die mit der drei Generationen umfassenden Großfamilie auf einem zunehmend um die Existenz kämpfenden Bauernhof leben.

Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt von schwer lastenden existenziellen Zuständen, Gefühlen der Enge und Ausweglosigkeit, der Müdigkeit, „als wäre irgendwann eine Tür zugefallen“. Der altertümlich klingende Stil und die verträumten Sprachbilder kennt man von früheren Romanen des Autors – da gibt es „leichtes Wogen“, das „über den Haufen hinging“, ein Mädchengesicht „wie geformt aus Nachtluft und Flusswasser“ und einen „innehaltenden“ Helden, der „sich im Anblick der Wände verlor“ . . .

„Eine starke Bodenhaftung, der unmittelbare Bezug zur beobachteten Realität“ – auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner hat der Jury-Sprecher, Christoph Schröder, heuer die Bücher der diesjährigen Shortlist gebracht. Als genaue und geduldige Beobachterin erweist sich die 1952 geborene Vorarlbergerin Eva Schmidt tatsächlich in ihrem zweiten, lesenswerten Roman „Ein langes Jahr“ (nach dem fast 20 Jahre zurückliegenden Roman „Zwischen den Zeiten“). Es geht darin um das Leben vieler Menschen an einem See, deren unterschiedlichen Perspektiven jeweils eine Episode gewidmet ist.

Schmidts Sprache ist ganz anders als die Kaiser-Mühleckers, schlank, präzise, unprätentiös. Und doch verwundert hier wie dort, welche formal nicht nur nicht innovative, sondern zum Teil geradezu kurios rückwärtsgewandte, brave Prosa der Deutsche Buchpreis favorisiert. „Über Nacht hatte es etwas abgekühlt. Die Luft war klar, keine Wolke am Himmel über dem See. Nur über dem Berg ein paar weiße Wolken, wie Rauch“, beginnt Schmidts Buch. Fast 80 Jahre nach dem ersten Satz aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ („Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen“) verwundert eine solche Wahl sogar bei einem sich in Maßen populär gebenden Preis wie diesem. Vom Booker-Preis, nach dessen Vorbild er 2005 gegründet wurde, trennen ihn hier literarische Welten . . .

Der Deutsche Buchpreis

Den „besten deutschsprachigen Roman des Jahres“ zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 2005 zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis aus.

Die sechs Favoriten sind heuer vier deutsche und zwei österreichische Romane: Thomas Melles „Die Welt im Rücken“, Philipp Winklers „Hool“, Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“, André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“, Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“, Eva Schmidts: „Ein langes Jahr“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2016)

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