Diesen Schlägen entkommen

Die Wiener Autorin Ela Angerer schreibt in ihrem zweiten Roman über Gewalt in Beziehungen und wie man ihr entkommt. Wien spielt dabei die eigentliche Hauptrolle.

(c) Christian Werner

An diesem Tag ist es also ein dunkelhäutiger Mann, der durch das Blickfeld von Valerie gewandert ist. Ein für sie völlig bedeutungsloser Vorgang. Doch dieser Unbekannte auf dem Gehsteig ist Grund genug für den Mann, der neben ihr am Steuer einer dunkelroten Chevrolet Corvette C3 sitzt, seiner Wut mit ungestümen Worten und gewaltvollen Handbewegungen freien Lauf zu lassen. Der Mann heißt Bojan und ist Valeries 13 Jahre älterer Lebensgefährte. Er kam als Bub mit seinen Eltern aus Belgrad nach Wien und schlug sich mit dubiosen Geschäften durch das Leben, bis sich eines Tages seine und Valeries Wege kreuzten.

Schon bei der ersten Begegnung flüstert eine Stimme im Inneren von Valerie: „Von diesem Mann wirst du ein Kind bekommen.“ Und so kommt es auch. Mit 22 Jahren wird die junge Frau schwanger. Sie ist schon vor der Begegnung mit Bojan aus dem eng-strengen, aber üppig ausgestatteten Nest ihrer Eltern und deren Döblinger Villa geflohen. „Alles, hatte sie damals zu sich selbst gesagt, nur nicht als Döblinger Hausfrau enden.“ Doch schon bald bemerkt Valerie, dass sie sich bei dem großen, groben Mann nicht sicher fühlen kann, dass er zu unkontrollierten und unangekündigten Gewaltausbrüchen neigt. Trotzdem kommt sie nicht los von ihm. Mit ihm konnte sie „einfach so ins Blaue gehen“. Etwas, das es in ihrer Familie nicht gab, dort ging man immer nur auf etwas zu.


Bekannte Wiener Typen. Die Wiener Autorin Ela Angerer legt dieser Tage mit „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ ihren zweiten Roman vor. Es ist ihr wichtig zu betonen, dass diese Geschichte – anders als ihr 2014 erschienenes Debüt „Bis ich 21 war“ – keine autobiografischen Elemente enthält. Was Angerer aber nicht verbergen kann, ist ihre Zuneigung zu ihrer Heimatstadt. Wir begegnen Valerie und Bojan zunächst im Wien Mitte der Achtzigerjahre. Eine Zeit, die Angerer selbst gut kennt, damals kam sie als junge Frau aus Vorarlberg in die Großstadt. Es tauchen bekannte Wiener Typen auf, wie der U4-Türsteher Conny de Beauclair, der Kaffeehausbesitzer Hawelka, der Musiker Hansi Lang – die Autorin streut sie in kleinen Dosen in den Roman ein, hält sich aber nicht lang mit diesen realen Figuren auf. Aber Wien und seine Grätzel, etwa rund um den Naschmarkt, spielen eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle in diesem Roman. Und die Jahreszeiten und Himmelsstimmungen.

Auf einer zweiten Zeitebene begegnen wir Valerie im Heute, mehr als 30 Jahre, nachdem sie Bojan zum ersten Mal begegnet ist. Was man auch daran erkennt, dass Facebook, die Apple Watch und Amazon-Serien zum Alltag gehören. Valerie lebt allein als Marketingleiterin eines Unternehmens, ihre mittlerweile erwachsene Tochter studiert in den USA und hat vor einigen Wochen den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen. Ein Ereignis, das Valerie nicht besonders zu belasten scheint. Rund um die Weihnachtsfeiertage igelt sich Valerie in ihrer kleinen Wohnung ein und will mit nichts und niemandem etwas zu tun haben. Als sie ausgerechnet am 24. Dezember eine Facebook-Anfrage von einem gewissen „Boj“ bekommt. Der Name kommt nicht nur ihr bekannt vor. 

Stück für Stück erfahren wir, wie die (Liebes-)Geschichte mit Bojan damals, in den Achtzigern, weiter gegangen ist. Das Leben mit ihm wird für Valerie Schritt für Schritt zur Qual. Er erniedrigt sie, beschwert sich über ihren „dicken Vollkornpopsch“, ist dagegen, dass sie den Führerschein macht, und überschreitet am laufenden Band Grenzen. Es ist nicht so, dass Valerie nicht schon sehr früh gemerkt hätte, dass dieser Mann nicht gut für sie ist. Als er sich zum Beispiel lautstark beschwert, dass sie die Pille nimmt, und sie als Hure beschimpft. Oder als er eines Tages mit einem 16-jährigen Mädel vor ihrer Tür steht und am Ende des gemeinsam verbrachten Tages in einer leer stehenden Wohnung mit Valerie und dem Mädchen schläft. Gewehrt hat sich keine der beiden.

Valerie nimmt die Pille schließlich wirklich nicht, wird schwanger, treibt daraufhin ab. Doch das Paar kommt nicht voneinander los, obwohl Valerie und Bojan kaum etwas verbindet; sie wird wieder schwanger und bekommt schließlich dieses Kind. Allerdings wird seine Aggressivität immer ausgeprägter, die Gewaltepisoden häufen sich. Ela Angerer schildert sie kurz und hart, aber ohne sehr ins Detail zu gehen. Sie zeichnet nicht das Psychogramm des gewaltbereiten Mannes, sondern das der Frau. Die begreift erst spät, dass sie sich aus dem Dilemma, in das sie geraten ist, nur allein befreien kann. Lange denkt sie noch, wie vollkommen dieser Mann ist, wie schön seine Füße. Wenn er sie schlägt oder anschreit, dann sagt sie sich: „So viel Ärger, nur wegen mir.“

Auch wenn sich auf der zweiten Zeitebene im Heute wenig bis gar nichts tut, ergibt sich insgesamt ein stimmiges Bild von Hauptfigur Valerie und der Wandlung, die sie im Lauf ihres Lebens durchgemacht hat. Hier begegnen wir einer Frühfünfzigerin, die sich sagt, trotz einiger Fehler und mühsamer Abzweigungen, schlussendlich den richtigen Weg gegangen zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2016)

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