Ilse Aichinger: Es gilt das genauere Wort

Einen Roman hat sie geschrieben, dann vor allem Erzählungen, Miniaturen: So konnte sie noch präziser sein. Würdigung einer Autorin, die sich und anderen nie etwas vormacht.

Ilse Aichinger: „Man mag sich nicht vorstellen, wie das Überleben aussieht.“
Ilse Aichinger: „Man mag sich nicht vorstellen, wie das Überleben aussieht.“
Ilse Aichinger: „Man mag sich nicht vorstellen, wie das Überleben aussieht.“ – (c) B. Friedrich/Ullstein Bild/picturedesk.com

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien vor wenigen Tagen anlässlich des 95. Geburtstags von Ilse Aichinger.

 

Das Mädchen schläft. Im Vorzimmer des Konsulats liegt es, dort werde man ihm helfen können, hat ihr der Schuster gesagt. Und dort träumt es, von Haien und vom Ozean, ein selbst gezeichnetes Visum in Händen. Er muss nur mehr unterschreiben, der Konsul, und alles wird gut.
Die Kinder warten. Sie warten darauf, dass ein anderes Kind in den Fluss fällt. Dann werden sie es retten, zum Bürgermeister tragen, und er wird ihnen erlauben, auf den Bänken des Parks zu sitzen, als hätten sie nicht vier falsche Großeltern.

Kinderglauben, Kinderhoffnung, Kindererklärungen in einer Zeit, in der das Hoffen nichts half und kein Erwachsener wirklich erklären konnte, was passiert und warum solches möglich ist. Und sie können es ja immer noch nicht, die Erwachsenen, wir Erwachsenen, bald 80 Jahre später. Ilse Aichinger, 1921 in Wien geboren, hat daraus einen Roman gemacht, märchenhaft bitter und herzzerreißend. Einen Bericht habe sie schreiben wollen, meinte sie. Und das ist es auf eine sehr fantastische Weise auch geworden, ein Bericht von Wünschen und Ängsten, von Demütigung und Mut und von Schuld, auch wenn die Fakten ganz und gar nicht stimmen: Nein, Ilse Aichingers Großmutter hat sich nicht mit Tabletten das Leben genommen. Sie wurde ermordet, und Ilse Aichinger hatte mitansehen müssen, wie sie in einem Viehwagen abtransportiert wurde. Die jüdische Mutter blieb in Wien, bedroht; sie bestieg kein Schiff in Richtung Amerika.

Und kein Kind ist jemals hoffend im Vorzimmer des Konsulats eingeschlafen, ein selbst gemaltes Visum in Händen, das mit Blumen und Vögeln verziert ist.

 

„Die größere Hoffnung“

Ilse Aichinger, in der Diktion der Nazis „jüdischer Mischling 1. Grades“, hat im Gegensatz zu Ellen, der Hauptfigur in „Die größere Hoffnung“ (1948), überlebt. Glücklich wurde sie nicht. „Man mag sich nicht vorstellen, wie das Überleben aussieht“, erklärte sie einmal. „Man befürchtet, dass man sich selbst in Sicherheit gebracht hat, man hat das Gefühl, man könnte sich arrangiert haben. Die Katastrophe war für mich nicht der Zweite Weltkrieg. Die Katastrophe war, was nachher gekommen ist. In einer schweren Krankheit denkt man immer, dass nachher alles gut sein wird. Aber das ist es nicht.“

Und während sich andere fragten, wie man sich Literatur nach und über Auschwitz denn vorstellen soll, schien sie sich eher gewundert zu haben, wie man denn über irgendetwas anderes schreiben könne.

Und so schrieb sie: über einheimische Balkone und fremde (im Sammelband „Schlechte Wörter“). Über Weihnachten 1938, als sie und ihre Mutter bei der Großmutter Unterschlupf fanden und auf dem Klavier neben dem Bett der Christbaum stand: „Wenn man nachts aufwachte und sich aufrichtete, konnte man zuweilen die Silberfäden in dem Ebenholz sich spiegeln sehen“ („Kleist, Moos, Fasane“). Über ihre Zwillingsschwester Helga, die mit einem Kindertransport nach England fliehen konnte. Und über die Sommer auf dem Land in Oberösterreich: „Es sind dann viele Jahre gekommen, in denen es kein Beerensuchen mehr für uns gab, keine guten Stuben und keine Hügel mehr. Aber der Geruch der Beeren, der schon in dieser ersten Nacht durch die Ritzen der Kellertür und die hölzernen Treppen hinaufdrang, in die sich verwirrenden Gedanken hinein, die dem Schlaf vorangehen, hielt auch der Wirrnis und dem Schrecken einer viel längeren Nacht stand.“

 

Plädoyer für das Hinschauen

Aber auch, wenn sie andere Themen fand, die Literatur, die Reisen, Wien und die Wiener, das Kino, das sie so liebte: Ilse Aichinger suchte stets die Genauigkeit. Jedes Wort sollte passen, jede Wolkigkeit, jedes Herumreden, jede Protzerei mit der Sprache ist ihr zuwider. Immer kürzer und immer präziser wurden ihre Texte, immer klarer und einfacher die Sätze, zuletzt veröffentlichte sie unter dem Titel „Unglaubwürdige Reisen“ und „Schattenspiele“ Miniaturen im „Standard“ und in der „Presse“. Über die Schwierigkeit, die richtige Formulierung zu finden, hat sie einen programmatischen Text veröffentlicht: „Schlechte Wörter“ heißt er, und er handelt davon, dass das Schöne nicht immer das Bessere ist. Dass auch das Korrekte manchmal in die Irre führt. Es ist ein Plädoyer für die Präzision, die ihr, wie sie einmal gesagt hat, Trost sei. Und dabei doch auch ein Text, mit dem sie sich selbst Mut zusprach. Die Wörter zu suchen, sie anzunehmen, zu schreiben, allem zum Trotz.

Es gibt Autoren, die entführen uns in Traumgefilde, die bezaubern uns mit fremden Ländern, exotischen Kulissen. Und wir lassen uns gern an der Hand nehmen. Und es gibt Autoren wie Ilse Aichinger, die uns wieder zurückholen. „Hier“, sagt sie, „sieh her! Genauer.“ Es mag sein, was wir dann sehen, ist nicht angenehm. Aber das ist egal. Nein, das ist wichtig. Und wir schauen hin.

Veranstaltungen

Filmmuseum: Unter dem Motto „Nachmittagskino. Nach Ilse Aichinger“ werden in Kooperation mit dem Ilse-Aichinger-Haus u. a. „Sons of the Desert“, „A Hard Day's Night“, „Liebelei“ und „Before Sunrise“ gezeigt (von 12. bis 27. November).

Alte Schmiede: Der Schriftsteller Michael Stavarič begibt sich auf die „Spuren verlorenen Lebens“ in Ilse Aichingers erzählendem Werk (17. November).

ORF: Ö1 sendet „Die größere Hoffnung“ in einer Hörspielfassung von Anne Bennent mit der Musik von Otto Lechner (31. Oktober, 16 Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2016)

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