Literatur-Nobelpreis geht an Herta Müller

Überraschende Entscheidung: Herta Müller bekommt den Nobelpreis für Literatur. Die Deutsche war heuer zum ersten Mal im Kreis der Favoriten. Ihre Werke setzen sich mit dem autoritären System der Ceausescu-Diktatur auseinander.

Herta Müller wird mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet
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Herta Müller wird mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet
(c) EPA (BERND WEISSBROD)

Die deutsche Autorin Herta Müller wird mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Die 56-Jährige, die in Rumänien geboren wurde und in Berlin lebt, sei eine Autorin, die "mit der Verdichtung der Poesie und der Sachlichkeit von Prosa die Landschaft der Heimatlosigkeit beschreibt", begründete die Schwedische Akademie die Wahl. Die mit zehn Millionen Kronen (965.158 Euro) dotierte Auszeichnung wird am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. "Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen", so die Autorin in einer ersten Reaktion.

Die Schriftstellerin tauchte 2001 das erste Mal in den Nobelpreis-Spekulationen auf - als Außenseiterin. Heuer ist sie zum ersten Mal in den Kreis der Favoriten aufgerückt. In den vergangenen Tagen war sie in den Buchmacher-Rankings immer höher hinaufgerückt und lag beim Online-Wettbüro Ladbrokes zuletzt gemeinsam mit dem Israeli Amos Oz an der Spitze. Ähnlich auffällige Quoten-Bewegungen zugunsten der späteren Sieger waren schon in den beiden vergangenen Jahren registriert worden.

"Sie schreibt völlig ehrlich"

"Bei unserem Anruf war Herta Müller überglücklich", sagte Peter Englund, Chef der schwedischen Nobelpreis-Akademie. "Sie ist ein Flüchtling aus ihrem eigenen Land. Das Vergangene ist für sie immer lebendig. Als ich ihre Bücher gelesen habe, hat mich das innerlich erschüttert. Sie schreibt völlig ehrlich, mit einer unglaublichen Intensität. Sie schreibt auch als jemand aus einer Minderheit, völlig ohne Rücksicht auf sich selbst. Sie hat wirklich eine Geschichte zu erzählen. Und sie hat die sprachlichen Möglichkeiten dazu."

Der ständige Sekretär der Akademie, Peter Englund, gibt Herta Müller als Gewinnerin des Literatur-Nobelpreis bekannt
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Der ständige Sekretär der Akademie, Peter Englund, gibt Herta Müller als Gewinnerin des Literatur-Nobelpreis bekannt
(c) REUTERS/Bob Strong

Im Vorjahr ging der Nobelpreis an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio. Müller ist die zwölfte Frau, die mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wird.

Weigerte sich, für Geheimdienst zu arbeiten

In ihren Büchern zeichnet Herta Müller die Gewalt- und Unterdrückungs-Mechanismen totalitärer Systeme nach. Die Schriftstellerin wurde am 17. August 1953 im Banat in Westrumänien geboren und lebt heute in Berlin. Als Rumänien-Deutsche musste sie die Gewalt- und Unterdrückungs-Mechanismen der Ceausescu-Diktatur am eigenen Leib erfahren und schrieb seither in ihren Büchern mal lakonisch-knapp, mal lyrisch-surreal an einer Chronik von Leid, Ausgrenzung und Bedrohung des Menschen durch totalitäre Systeme.

Herta Müller studierte Germanistik und rumänische Literatur an der Universität Temeswar in Rumänien. Sie arbeitete als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Als sie sich weigerte, für den rumänischen Geheimdienst Securitate tätig zu werden, wurde sie entlassen und arbeitete als Deutschlehrerin. Ihr erstes Buch "Niederungen" wurde zensuriert veröffentlicht. Nach einer Folge von Repressionen, Verhören und Hausdurchsuchungen konnte sie 1987 nach Berlin übersiedeln.

Herta Müller: Von der Außenseiterin zur Favoritin
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Herta Müller: Von der Außenseiterin zur Favoritin
(c) EPA (JACK MIKRUT)

Minderheiten in Europa

Müller beschäftigte sich nicht nur mit der Diktatur, sondern auch mit den nationalen Minderheiten in Osteuropa. Bekannt wurden vor allem ihre Bücher "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992) und "Herztier" (1994), aber auch "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" (1999), "Der König verneigt sich und tötet" (2003) und "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005).

Ihr aktueller Roman "Atemschaukel" über die Deportation deutschstämmiger Rumänen nach dem Zweiten Weltkrieg in die damalige Sowjetunion wurde von der Kritik positiv aufgenommen. Er hat zwei Hauptfiguren: Den am Anfang 17-jährigen Ich-Erzähler Leo, der von fünf Höllenjahren in einem sowjetischen Arbeitslager berichtet, und den "Hungerengel", Leos allgegenwärtigen Begleiter.

In das eindringliche Buch sind Erfahrungen von Herta Müllers Mutter, die 1945 wie Zehntausende andere als Siebenbürger Sachsen zu Zwangsarbeit in die Ukraine verschleppt worden war, ebenso eingeflossen wie jene des Schriftstellers Oskar Pastior, der mit Müller bis zu seinem Tod 2006 an dem Buch gearbeitet hat. "Atemschaukel" ist auch für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Überblick über die wichtigsten Werke Herta Müllers:

  • "Niederungen" (1984), Erzählungen
  • "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" (1986), Erzählungen
  • "Barfüßiger Februar" (1987), Erzählungen
  • "Reisende auf einem Bein" (1989), Prosa
  • "Der Teufel sitzt im Spiegel" (1991), Essays
  • "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992), Roman
  • "Herztier" (1994), Roman
  • "Hunger und Seide" (1995), Essays
  • "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" (1997), Roman
  • "Der Fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne" (1999), Essays
  • "Im Haarknoten wohnt eine Dame" (2000), Collagen
  • "Der König verneigt sich und tötet" (2003), Essays
  • "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005), Text-Bild-Collagen
  • "Atemschaukel" (2009), Roman

 

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Literatur-Nobelpreis: Dylan, Jelinek, Grass: Literatur-Nobelpreisträger seit 1990

Der Nobelpreis für Literatur

Der wohl berühmteste Preis für Schriftsteller wird von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften verliehen. Er ist mit zehn Millionen Kronen, umgerechnet 1,035 Millionen Euro, dotiert. Die Nobelpreise werden am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht.

Das Auswahlverfahren:

Bereits im September des Vorjahres bittet das Nobelkomitee sechs- bis siebenhundert ausgewählte Personen und Institutionen weltweit um Kandidatenvorschläge. Dazu gehören Literatur- und Linguistikprofessoren, frühere Preisträger, Mitglieder der Schwedischen Akademie und Vertreter von Schriftstellerverbänden.

Aus diesen Vorschlägen wird eine Shortlist von 15 bis 20 Autoren erstellt, anschließend fünf Autoren nominiert. Wer nominiert wurde, das hält das Nobelkomitee geheim. Im Oktober stimmt die Jury ab. Der Preisträger wird mit mehr als der Hälfte der Stimme gewählt.

Die den Nobelpreis vergeben:

Die Jury, die Schwedische Akademie, besteht aus 18 Mitgliedern, ein Sitz ist momentan aber noch frei. Die schwedische Schriftstellerin Lotta Lotass darf erst ab nächstem Jahr mitwählen. Weiters sind Knut Ahnl und Kerstin Ekman inaktiv. Ekman zerstritt sich mit dem damaligen Ständigen Sekretär Horace Engdahl. Er wurde als Jury-Vorsitzender heuer von Peter Englund abgelöst. Zur Schwedischen Akademie gehören weiters: Bo Ralph , Sture Allén , Anders Olsson , Göran Malmqvist, Birgitta Trotzig, Jesper Svenbro, Torgny Lindgren, Ulf Linde, Per Wästberg , Gunnel Vallquist, Kristina Lugn, Kjell Espmark und Katarina Frostenson.

Geschichte:

Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 vergeben. Nach dem testamentarischen Willen des schwedischen Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) erhält derjenige den Preis, "der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat".

In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Vier Mal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen.

Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin zurückweisen. Der Franzose Jean-Paul Sartre weigerte sich 1964 die Auszeichnung anzunehmen und erklärte: "Jeder Preis macht abhängig."

(Ag./her)

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