David Schalk: Mit der Silberrakete in die Sonne

Einen Heimatroman mit vielen Parallelen zur Realität hat David Schalko mit seinem dritten Buch "Weiße Nacht" geschrieben. Ein satirisches Experiment, das ihm weitgehend gelungen ist.

(c) Czernin Verlag

Die Orte Kärnten oder Bärental, die Namen Jörg Haider oder Stefan Petzner werden mit keiner Silbe erwähnt. Und doch fühlt man sich als Leser in David Schalkos neuem Buch ständig an sie erinnert – gerade in diesen Tagen, an denen sich der Unfalltod des ehemaligen Kärntner Landeshauptmanns zum ersten Mal jährt (siehe auch Seiten 10 und 11).

Schalko, der Kreativgeist spätabendlicher ORF-Satiren, hat mit Thomas eine ziemlich erbärmliche Erzählfigur kreiert. Gleich zu Beginn beschert er dem komplexbeladenen, einfältigen jungen Mann mit kurz geschorenem Kopf und Solariumbräune aber eine Begegnung mit seinem zukünftigen Mentor. Ab sofort wird Thomas nicht mehr von dessen Seite weichen: „Ich erinnere mich genau. Der bewölkte Himmel, die Gulaschkanone, sein blauer Regenschirm, der Trachtenjanker, die Joop-Jeans, das rosa Hemd und dass er noch immer meinen Namen wusste. ,Thomas, schön, dass du da bist.‘ Als er mir die Hand reichte, hielt ich sie fest. Er zog sie nicht zurück. Er spürte sofort, dass ich ab jetzt einer der Seinen war.“

Thomas folgt seinem väterlichen Vorbild, der die Sprache der Tiere versteht, gern ins Fitnessstudio geht („Als er daran arbeitete, dass sein Körper mit seinem Charisma mitkam, fiel es mir auf. Trotz härtester Ertüchtigung schwitzte er nicht“) und von seinen Anhängern heilende Kräfte nachgesagt bekommt. Im Tal der Wölfe (!), dort wo „er“ wohnt, begegnet Thomas zum ersten Mal der Landesmutter, einer Übermutter und begeisterten Jägerin, die von allen respektiert wird. Mit der „Silberrakete“, dem schnellen Auto des Messias, das stets der Chauffeur lenkt, fahren die beiden über Land.


Schlüsselroman? Fehlanzeige. Vieles erscheint einem bekannt, trotzdem räumte Schalko in Interviews bereits mit der Mär auf, er hätte einen Schlüsselroman über die Beziehung zwischen Stefan Petzner und Jörg Haider geschrieben. Hat er tatsächlich nicht. Auch Haiders Unfalltod streift er nur am Rande und mit einem Satz: „Offiziell war es ein Unfall gewesen. Aber die Ursache spielte die geringste Rolle.“ Schalko hat sich hingegen die Mühe gemacht, verschiedene Elemente der Trashliteratur zu vermischen. Da spielen der Abenteuerkitsch eines Karl May, die weltfremden Theorien der Esoterik, beängstigende Sekten und die vaterlandverklärenden Hymnen aus den Heimatromanen der Dreißigerjahre zusammen.

Die „Weiße Nacht“ ist Schalkos drittes Buch, und es zeigt, wie sehr sich der 36-Jährige literarisch weiterentwickelt hat. War der erste Roman „Frühstück in Helsinki“ noch ein leichtfüßiger Roman über das Erwachsenwerden und Erwachsenlieben des 30-jährigen Daniel, ging es im Erzählband „Wir lassen uns gehen“ erneut um Flucht vor und Sehnsucht nach Nähe aus Männersicht, so ist der neue Text, den Schalko auffallend nicht als Roman kennzeichnet, ein bis ins letzte Detail durchdachtes Werk, das durchaus als Parabel auf den Rechtsruck in Österreich verstanden werden kann.

Schalko hat den Großteil des Buches direkt nach dem Skandal geschrieben, den (s)ein satirischer Beitrag in der Sendung „Willkommen Österreich“ mit Grissemann und Stermann kurz nach den Trauerfeiern zum Tod Jörg Haiders ausgelöst hat. Der damals von mehreren Grabrednern bemühte Ausspruch, in Kärnten sei mit Haiders Tod „die Sonne vom Himmel gefallen“, hat Schalko indirekt aufgegriffen. Die Sonne und das Licht, das der Erlöser in sich trägt, spielen eine Schlüsselrolle. Und schließlich spielt auch der Titel „Weiße Nacht“ auf das gleichnamige vom Erlöser und seinen Anhängern erdachte Fest zur Vertreibung der Dunkelheit an. Kurz darauf passiert dem Messias ohne Namen ein tödlicher Unfall.

Als Leser bleibt man am Ende der Lektüre der knapp 135 Seiten in erster Linie erleichtert zurück. Erleichtert, da das Buch fertig gelesen ist. Man hätte angesichts der unübersehbaren Parallelen zur Gegenwart keine weitere Zeile dieser klebrig-süßlichen Huldigungen eines vermeintlichen Erlösers ertragen (und der Autor vermutlich keine weitere Zeile davon produzieren können). Als satirisches Experiment ist Schalkos Text gelungen, als aufbauende Literatur eher nicht.

David Schalko: „Weiße Nacht“ Czernin Verlag, 134 Seiten, 16 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2009)

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