Ein Festival der Weltliteratur ohne störende Allüren

Nach den Autoren Salman Rushdie, Amos Oz und Jorge Semprún in den Vorjahren ist nächsten Samstag und Sonntag die Kanadierin Margaret Atwood zu Gast bei „Literatur im Nebel“ im Waldviertel. Das Lesefest soll familiär bleiben, wünschen die Veranstalter.

Verhangen war es erst einmal in drei Jahren, beim kurzen, intensiven Festival „Literatur im Nebel“ in Heidenreichstein. Sonst aber gab es herbstlich-sonniges Wetter. Und das passt auch zur Grundstimmung dieses Lesefests, das das Waldviertel für zwei Tage zum Dichterzentrum macht. Nach Salman Rushdie, Amos Oz und Jorge Semprún ist dieses Wochenende die Kanadierin Margaret Atwood zu Gast, die seit Jahren zum engeren Kreis der Nobelpreis-Kandidatinnen zählt. Ihre Texte werden in Heidenreichstein von Schauspielern und Kollegen gelesen, sie selbst wird vortragen und auch Gespräche führen. Der spartanische Festsaal werde hoffentlich wieder voll sein, vermutet Exminister Rudolf Scholten.

Wie entstand die nur auf den ersten Blick seltsam anmutende Idee zu solch einem anspruchsvollen Festival fern im Waldviertel, gut zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt? Scholten, der mit Bürgermeister Johannes Pichler und dem Dichter Robert Schindel der Initiator war, hebt den Enthusiasmus der Beteiligten hervor. „Die Peripherie ist der beste Standort für solch ein Festival. Wir kokettieren nicht mit Nützlichkeiten wie dem Tourismus, sondern wollen uns außerhalb jeder üblichen Saison mit Literatur beschäftigen. Überhaupt soll es eine Veranstaltung ohne Eitelkeiten bleiben, das kann ruhig arrogant klingen, aber es soll uns nur Freude machen.“ In Wien würde so etwas nicht funktionieren, da würde man rasch unkonzentriert. „So fokussiert kann man das besser am Land machen.“ Bisher hat es jedesmal um die 600 Zuhörer pro Tag nach Heidenreichstein gezogen, nicht nur bei Publikumsmagnet Rushdie, dem von radikalen Moslems verfolgten angloindischen Dichter. Das Treffen habe trotz der Größe eine familiäre Atmosphäre.

 

Autoren auf dem Zenit ihres Schaffens

Schindel bekräftigt: „Wir wollten ganz entlegen sein, in einer festivalfreien Zeit. Rudolf Scholten verbindet mit Rushdie eine persönliche Geschichte, dass er der erste Gast war, ist nur logisch.“ Als Minister für Unterricht und Kunst wollte Scholten Rushdie eigentlich nicht den Österreichischen Staatspreis für Literatur 1992 verleihen, weil er das als anbiedernd empfand, und er reiste nach London, um dem Dichter das zu sagen. Der aber wandte ein, dass es ihn schützen würde, wenn er eine international gefeierte Berühmtheit sei. Nur dann würde London ausreichend für seine Sicherheit sorgen. So kam es dann doch zur Preisverleihung und dem Beginn einer Freundschaft.

„Seit 2006 ist die Hauptfigur des Festivals eine gewesen, die ihr Hauptwerk schon geschaffen hat, auf dem Zenit steht“, sagt Schindel, „es sind bisher Autoren von großem Format gewesen, auch politische Tiere, die eine starke Anziehungskraft haben. Diesmal ist es mit Margaret Atwood eine reine Schriftstellerin. Ihr Werk ist eher bekannt als ihre politische Aktivität.“ Die Dramaturgin Bettina Hering, sie ist zum dritten Mal dabei, fand von Anfang an „die Idee bestechend, dass man sich auf einen Dichter konzentriert“. Das sei zwar eine spezielle Herausforderung, mache das Wochenende aber auch richtig interessant. Es gehe ganz ungekünstelt zu. Man halte kein Seminar ab, selbst wenn es auffalle, dass einige im Publikum wahre Spezialisten von Rushdie, Oz oder Semprún waren. Viele Zuhörer wüssten aber auch gar nichts von den Dichtern und seien ganz einfach neugierig.

Langweilig soll es weder für sie noch für die Experten sein. Zur Hälfte stammt das Publikum aus der Region. „Das wirkt sich positiv auf die Atmosphäre aus. Es gibt keine Allüren.“ Inzwischen kommen die Besucher sogar aus Zürich und Berlin angereist, wie zum Beispiel dieses Jahr die Schauspielerin Corinna Harfouch. Sie hat spontan zugesagt, bei den Lesungen mitzutun.

„Weit gereiste Gäste weisen wir nicht ab, selbst wenn es eigentlich schon ausverkauft sein sollte“, sagt Scholten. Gibt es eine Wunschliste für künftige Autoren? „Wenn wir weiter bereit sind, würden wir das Drängen von Philip Roth, zu uns zu kommen, durchaus akzeptieren.“ norb

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2009)

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