Ein Mörder als US-Präsident

Jerome Charyns unvergleichliche Isaac-Sidel-Saga fasziniert seit 1973. Mit "Winterwarnung" liegt nun der zwölfte Band der Krimireihe vor, die zeigt: Nicht immer ist Realismus Trumpf.

(c) Klaus Schönwiese

Wissen Sie, wie viele Bösewichter ich umlegen musste, um dort hinzukommen, wo ich jetzt bin?“ Derjenige, der diese Worte in Jerome Charyns Roman „Winterwarnung“ spricht, ist nicht irgendjemand. Es ist Isaac Sidel, der Präsident der Vereinigten Staaten. Und dieser Mann hat einen weiten Weg zurückgelegt, seit er 1973 von dem Autor literarisch zum Leben erweckt wurde – damals nur als Nebenfigur, wie dem aufschlussreichen Nachwort zu entnehmen ist.

Sidel hat sich seitdem in elf Teilen der wohl außergewöhnlichsten Crime-Saga in der Geschichte der Kriminalliteratur die Karriereleiter vom einfachen Polizisten emporgekämpft. Er war Polizeichef und Bürgermeister von New York, ehe er nun in Band zwölf zum mächtigsten Mann der Welt aufstieg. Wer sich eine „House of Cards“-Variante erwartet, wird allerdings enttäuscht sein – oder vielmehr überrascht. Positiv überrascht. Denn bei Charyn geht es zwar auch um bitterböse Ränkespiele und Intrigen, gleichzeitig jedoch sind seine Romane viel zu komisch, um in dieselbe Schublade gesteckt zu werden.

Genüsslich vermischt Charyn in seinem Buch, das im Jahr 1989 spielt, Gorbatschow, russische Mafia, groß angelegte Geldfälschung zur Destabilisierung von Währungen, den israelischen Geheimdienst und noch vieles mehr zu einem absurden und vollkommen ausufernden Mix. Dieser bildet, obwohl vollkommen fantastisch, die Realität viel besser ab als manch hyperrealistischer Politthriller. Gerade in Zeiten, in denen Irrationalität in der Politik vorzuherrschen scheint, machen Charyns Bücher die Welt begreifbar.

Der Präsident mit der Gloc

Ein US-Präsident, der mit einer Glock im Hosenbund herumläuft? Ein US-Präsident, der seinen Piloten sowie dessen Sohn bei sich im Weißen Haus einquartiert? Undenkbar hätte man wohl noch vor Kurzem gesagt. Doch mittlerweile scheint nichts mehr unmöglich. „In mehr als fünfzig Jahren des Schreibens bin ich nicht auf so etwas Wahnsinniges gekommen“, sagte der Autor 2013 in einem Interview mit der „Zeit“ im Zusammenhang mit dem sogenannten Shutdown, also der Totalblockade des öffentlichen US-Haushalts. Da stellt sich die Frage: Was würde Charyn angesichts der Inauguration von Donald Trump sagen?

Isaac Sidel hat jedenfalls Grund genug, selbst im Weißen Haus bewaffnet zu sein. Denn eine Lotterie einflussreicher Männer, die auf den Zeitpunkt seines Todes setzen, wurde in Gang gebracht. Kein Wunder, denn eines macht Sidel besonders gefährlich: Er will ein Präsident für die Menschen sein, Gier ist ihm fremd. Als erste Amtshandlung will er etwa die Armut abschaffen. Und das in der Löwengrube Washington! Überhaupt erweist sich das Amt des US-Präsidenten als nur vermeintlich machtvoll. Der ehemalige jüdische Polizist wirkt vielmehr wie eine machtlose Marionette. Seine Stabschefin, Ramona, hat eigentlich das Sagen. „Unser erster Jidd im Weißen Haus, und ich kann Sie nicht mal dazu bewegen, das Heilige Land zu besuchen“, beschimpft sie ihn. Sidel wird zunehmend zum Gefangenen im „großen weißen Gefängnis“, der mit den Geistern seiner großen Vorgänger Franklin D. Roosevelt und Abraham Lincoln zu kämpfen hat.

Ohne Regeln und Grenzen

Der Autor folgt keinen Regeln, lässt seine Geschichte unreguliert mäandern. Charyns Logik ist kaum zu fassen, seine Bücher schaffen schlichtweg eine eigene Welt. Wer geradlinige Genrekost bevorzugt, sollte von diesem von wahnwitziger Kreativität überschäumenden Werk die Finger lassen. Wer aber gern abtauchen will und dann zwischen all dem Unvorstellbaren und Verwirrenden, Humorvollen und Komischen plötzlich viel Wahrheit entdecken will, der ist bei Jerome Charyn richtig.

Und wie sagt der Antiheld selbst? „Ich bin ein Cop, der rein zufällig hier ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2017)

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