Nachruf

Robert B. Silvers: Er brachte den Verlagen die Rezensionen

Robert B. Silvers, Mitgründer und Herausgeber der „New York Review of Books“, ist mit 87 Jahren gestorben. Für sein Magazin arbeitete auch Barack Obama. Martin Scorsese widmete ihm eine berührende Doku.

Robert B. Silvers im Oktober 2015 im New Yorker Büro der "New York Review of Books".
Robert B. Silvers im Oktober 2015 im New Yorker Büro der "New York Review of Books".
Robert B. Silvers im Oktober 2015 im New Yorker Büro der "New York Review of Books". – (c) Sari Goodfriend

Die Stapel auf und hinter seinem Schreibtisch waren niemals Zierde, Robert B. Silvers lebte und arbeitete wirklich inmitten dieser Bücherberge. Die gesamte Redaktion seiner „New York Review of Books“ im südlichen Greenwich Village ist bis heute voller Bücher, sein Schreibtisch aber ging regelrecht verloren unter all den Druckwerken, die da lagerten.
54 Jahre lang leitete „Bob“ Silvers das Magazin. Gegründet hatte er es mit dem Ehepaar Jason und Barbara Epstein, als Reaktion auf einen Essay von Elizabeth Hardwick. Die hatte sich im „Harper's Bazar“, Silvers damaliger Wirkstätte, über den Niedergang der Buchrezension beschwert und vor allem die zu freundlichen Kritiken in der Literaturbeilage der "New York Times" gemeint.

Vier Jahre später dann war es so weit. Mitten im New Yorker Zeitungsstreik des Jahres 1963 - während dessen neun Blätter aus dem Großraum New York wochenlang nicht erschienen - beschlossen die drei Freunde eine Zeitung zu gründen, die das Niveau der Diskussion über Literatur und Politik heben sollte – und ihr Vorhaben ging auf.Sie haben das Rezensionswesen stark wieder belebt. Die Buch-Verleger waren damals regelrecht verzweifelt, weil ihre Bücher kaum beachtet wurden. Und Jason Epstein wusste als Redakteur des Verlages Random House um das Problem. Damit war also der Grundstein für das Blatt gelegt, das seither eine kleine, aber treue Leserschaft (Auflage 2011: 134.000 Stück) vor allem unter Intellektuellen und Künstlern hatte. Sogar Barack Obama bot sich im Sommer 2015 als Mitarbeiter an, er wollte Marilynne Robertson, eine seiner Lieblingsautorinnen interviewen. 

Bis zum Tod von Barbara Epstein leitete Silvers das Blatt für "Arts  and Ideas", wie es sich auf Englisch so schön kompakt umschreiben lässt, mit ihr gemeinsam, seither war er alleiniger Chefredakteur und Herausgeber. Die ersten 20 Jahre gehörte die Review sich selbst. Erst 1984 machte Rea Hederman, der Sohn einer Zeitungsverlegerfamilie aus Mississipi, dem Team ein Kaufangebot und sicherte ihnen von Anfang an redaktionelle Freiheit zu, wie Silvers der "Presse" bei einem Redaktionsbesuch im Oktober 2015 versicherte. Der Kaufpreis betrug damals fünf Millionen Dollar.

Silvers wurde am Silvestertag des Jahres 1929 in einem Dorf auf Long Island geboren; der Vater war Geschäftsmann, die Mutter Musikkritikerin für den „New York Globe“. Das Jusstudium in Yale reizte ihn kaum, der Militärdienst brachte ihn 1950 nach Paris, wo er blieb und bald bei der „Paris Review“ anheuerte bis er 1958 nach New York zurückkehrte. Robert Silvers war untrennbar mit der „Review“ verbunden, die vor allem in der Ära Bush eine wichtige kritische Stimme in den USA bildete.

Martin Scorsese drehte 2013 ein Doku über sein Lieblingsmagazin („The 50 Year Argument“) – es wurde eine liebevolle Hommage an Silvers. Bis zuletzt arbeitete er an der „Review“, die 14-tägig erscheint. Am Montag ist er in seiner New Yorker Wohnung gestorben. Er wurde 87 Jahre alt. Die Webseite der Review ziert seit Montagabend ein schlichtes schwarzes Trauerband. Die Zeitung wird weiterleben, davon ist auszugehen, aber Robert B. Silvers wird fehlen. Sein Schreibtisch wird an ihn erinnern.

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