Heil dem Chef

Mit „Das ist bei uns nicht möglich“ reagierte Sinclair Lewis in den 1930er-Jahren auf den Faschismus in Europa. Mit dem Wahlsieg Donald Trumps feiert das Buch ein Comeback.

Sinclair Lewis erlebt seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ein Comeback auf dem Büchermarkt.
Schließen
Sinclair Lewis erlebt seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ein Comeback auf dem Büchermarkt.
Sinclair Lewis erlebt seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ein Comeback auf dem Büchermarkt. – (c) imago/UIG (imago stock&people)

Mit einem Anlagevermögen von 150 Milliarden Dollar ist Bridgewater einer der größten Hedgefonds der Welt. Die Worte von Chef Ray Dalio werden von den Märkten ähnlich aufmerksam verfolgt wie die Aussagen von EZB-Präsident Mario Draghi. In seinem jüngsten Lagebericht schreibt Dalio: „Die Rolle des politischen Populismus, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu bestimmen, wird in nächster Zeit wahrscheinlich stärker sein als die klassische Geld- und Steuerpolitik.“ Dabei blickt die Welt mit angehaltenem Atem auf die USA unter Präsident Donald Trump.

Wie der umstrittene Bauunternehmer, der vor seiner Wahl zum mächtigsten Mann der Welt noch nie ein öffentliches Amt bekleidet hat, ins Weiße Haus einziehen konnte, wird Politologen, Soziologen und Psychologen noch viele Jahre beschäftigen.


Eine Wiederentdeckung. Vieles kann man aber auch jetzt schon in dem Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ des US-Schriftstellers Sinclair Lewis nachlesen. Das Gespenstische daran ist, dass sein Buch erstmals 1935 erschien. Vor dem Hintergrund des damaligen Siegeszugs des Faschismus in Europa wurde es ein Bestseller in den USA. Seit Monaten liegt es in allen englischen Buchhandlungen auf, und soeben ist es auf Deutsch in der ersten Übersetzung aus dem Jahr 1936 im Aufbau Verlag erschienen.

Lewis verarbeitet in dem Roman die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und den Aufstieg Mussolinis und Hitlers. Vor dem Hintergrund einer Welt im Umbruch und einem Heer verunsicherter Menschen machen sich Populisten und Demagogen daran, diese Ängste und Sorgen zu kanalisieren und zu nutzen. Wer von der „Liga der vergessenen Männer“ liest, muss unweigerlich an Trump-Wähler aus den einst von Industrie geprägten US-Bundesstaaten denken.

Noch viel mehr Parallelen findet sich in dem Roman: Der Populist Buzz Windrip, den – bis es zu spät ist – (fast) niemand ernst nimmt, profiliert sich als Anti-Partei-Kandidat. Er macht sich zum Hoffnungsträger der Massen und verspricht: „Wir werden einen New Deal machen, der wirklich ein New Deal sein wird und kein arrogantes Experiment.“ Ebenso findet man das gezielte Schüren von Hass und Aggression gegen Ausländer, Minderheiten und das liberale Establishment, das in dem Roman durch den Herausgeber einer Provinzzeitung, Doremus Jessup, verkörpert wird. Oder der Kampf gegen die freie Presse: Wo 1935 gedonnert wird: „Er wird verdammt schnell aufräumen mit all den frechen und verleumderischen Reden“, heißt es heute „Fake News“.


Schatten des US-Kapitalismus. Das Volk reagiert auf die Versprechungen der neuen Führung begeistert. „Summ und Summ und Heil dem Chef/Und dem fünfzack'gen Sterne/Den USA kann nichts geschehen,/Wir sterben für sie gerne“, heißt es nunmehr aus Millionen Kehlen. Doch nicht alles läuft rund, und je restriktiver das Regime wird, umso mehr zeigt es interne Spaltungserscheinungen. Auch die verachteten Liberalen wie Jessup wollen nicht und nicht aufgeben. Trump hat mittlerweile die eine oder andere für ihn wohl unerwartete Erfahrung mit dem amerikanischen Institutionengefüge gemacht. So prophetisch der Roman für die Periode der Machteroberung Trumps ist, so sehr muss man hoffen, dass dort die Überschneidungen mit der Realität enden.

Sinclair Lewis machte sich Anfang des 20. Jahrhunderts als Chronist der Schattenseiten des US-Kapitalismus einen Namen. 1930 erhielt er als erster Amerikaner den Literatur-Nobelpreis. Mit dem Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ fand er fünf Jahre später erneut großen Zuspruch – und er könnte heute nicht aktueller sein.

Bridgewater hat errechnet, dass populistische Kandidaten und Parteien im Vorjahr weltweit den größten politischen Anteil seit 1934 gewinnen konnten. Danach reißt die Zeitreihe: Demokratien wurden abgelöst, Staaten verschwanden, und am Ende stand Krieg. Können wir heute mit Gewissheit sagen, „Das ist bei uns nicht möglich“?

Neu Erschienen

Sinclair Lewis
„Das ist bei uns

nicht möglich“,
übersetzt von
Hans Meisel,
Aufbau Verlag,
448 Seiten,

24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Heil dem Chef

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.