Jan Josef Liefers: Literatur statt Leichen

Mehr verkörpern als einen "Tatort"-Gerichtsmediziner. Schauspieler Jan Josef Liefers hat ein Buch geschrieben: Eine duftige, humorvolle, etwas zu detailverliebte Geschichte über seine DDR-Jugend.

Jan Josef Liefers
Jan Josef Liefers
(c) AP (Uwe Lein)

Wenn Schauspieler Bücher verfassen, drängt sich in den Köpfen eher praktisch-kritisch veranlagter potenzieller Leser vor allem eine Frage auf: Warum? Oder anders formuliert: Was wollen die Mimen denn (noch) mit uns teilen, was wir nicht schon im Theater oder vor dem Fernsehapparat verstanden hätten? Eigentlich sind sie doch eher Darsteller und Interpreten jener Geschichten, die andere erfinden. Weil diese eben die besseren Ideen haben, die feinere Klinge ansetzen. Punkt.

Zu einfach gedacht? Selten. Manchmal aber doch. Zum Beispiel bei jenem Mann, dessen Skalpell regelmäßig die Ruhe toter Körper stört (keine Sorge, das ist seine Rolle im Münsteraner „Tatort“) und der gerade ein Buch über seine Kindheit in der DDR geschrieben hat: Jan Josef Liefers. Bekannt wurde der heute 45-jährige Sohn zweier Schauspieler durch seine Rollen in „Rossini“ und als todkranker Rudi Wurlitzer in „Knockin' on Heaven's Door“, seit 2002 kennt man den Mann vor allem für seine kaum zu übertreffende Arroganz als „Tatort“-Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne: Ein eloquenter Liebhaber teurer Autos, der sich am Unverständnis der Ermittler für das absichtlich eingestreute, komplizierte forensische Fachvokabular ergötzt. Klassisch sympathisch also.

Jener Liefers, der sich unter dem weißen Mantel des Professors verbirgt und heute mit der Band Oblivion und dem „Soundtrack meiner Kindheit“ durch Deutschland tourt, scheint ein gänzlich anderer zu sein. Das spürt man schon nach den ersten paar Seiten seiner Biografie „Soundtrack meiner Kindheit“, nach denen einen zunächst vor allem das Gefühl beschleicht, Liefers Inneres sei Aufnahmegerät und olfaktorisches Speichersystem zugleich: Da beginnt er schon bei den Geräuschen und Gerüchen zu erzählen, die seine Mutter in einem Dresdner Krankenhaus von den schmerzhaften Wehen ablenkten – das Klirren der Geschirrwägen am Gang, das Türklinkengeräusch, der Geruch nach Spätsommer und einer Zigarre, der vom Hof durch das geöffnete Fenster hereinwehte. Später sind es der Vanilleduft der Puddingfabrik Rotplombe und der „Turnbeutel-Kräutertee“-Geruch der Wochenkrippe, die durch die Nase des kindlichen Liefers in die Untiefen seines scheinbar unendlichen Sinnesspeichers hochsteigen. Alles ist Geruch – vom eigentlichen „Smell Track“ zum wahrhaftigen „Soundtrack“ seiner Kindheit wird Liefers Text erst später, wenn mit der Pubertät die Mädchen, die Musik und schließlich (und endlich) auch der Faktor DDR auf der Bildfläche auftaucht: Die Lieder „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ untermalten das DDR-Liebesdrama „Die Legende von Paul und Paula“, das laut Liefers „viel mit dem richtigen Leben zu tun hatte und nicht mit dem krampfhaft hingelogenen Bild, an das sich das Regime klammerte“. Für ihn selbst wurden die von der Band Puhdys interpretierten Songs mit Texten von Ulrich Plenzdorf (er verfasste auch das Filmdrehbuch) schnell zur Einstiegsdroge in die Welt der Stimmen und Klänge – in seiner Heimat wurde der Film nach der Flucht der beiden Hauptdarsteller nicht mehr gezeigt. Keine Öffentlichkeit für „Republikflüchtlinge“, zu viel emotionales und kritisches Potenzial.

Wenn Liefers über die DDR schreibt, hält er sich kurz und schlägt einen verärgerten Ton an: Er sei mehr als froh, dass es „diesen Saat“ nicht mehr gebe, speziell wenn er daran denke, „wie viele hoffnungsvolle Lebenswege im Sand verliefen, nur weil irgend so ein hirnloser Strammsteher es so wollte“.

Über weite Strecken aber vermittelt Liefers Text das Gefühl, dass das Regime in die von zimtbestreutem Milchreis sowie (groß-)mütterlicher Präsenz getragene Geborgenheit gar nicht richtig eindrang – und wenn, nimmt es Liefers heute mit Humor: Die Absurdität der Erzählungen, als etwa Liefers irrtümlich zu nahe an die Mauer heran spaziert und die Grenzbeamten eher ratlos-verdutzt als einschüchternd wirken, lässt schmunzeln. Über das Lebensgefühl eines Jugendlichen in der DDR erfährt man dabei aber nicht viel – lesend zumindest nicht. Wer aus dem Buch mehr extrahieren möchte als eine unterhaltende, manchmal in Details über einzelne Stücke verlorene Schauspielerbiografie, müsste sich die erwähnte Musik anhören: die Puhdys, die Band Lift, die Alben von Manfred Krug. Oder Jan Josef Liefers selbst – aber als Sänger mit der Band Oblivion. Nicht als Gerichtsmediziner.

„Soundtrack meiner Kindheit“, Rowohlt, 20,50€

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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