Treibstoffe der Literatur

Die zweite Sonderausstellung „Im Rausch des Schreibens“ im Wiener Literaturmuseum ist ein ironischer Kommentar zum heutigen Rausch der Nüchternheit.

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„Nerven . . kaputt . .“: Friederike Mayröckers ekstatisches Schreiben, Mitte der 1980er-Jahre. – (c) Gabriela Brandenstein

Schreibt man sich in einen Rausch oder schreibt man im Rausch? Für beide Varianten hat Bernhard Fetz, Kurator der Ausstellung „Im Rausch des Schreibens“, tragische, witzige, berührende, abstoßende Beispiele zusammengetragen, Beispiele jedenfalls, die Literatur leibhaftig werden lassen. Der Impuls vom Hirn zur Hand kann auf allerlei Hindernisse stoßen.

Es geht ein Gespenst um im Literaturbetrieb. Es heißt Schreibblockade oder: Die Angst des Autors vor dem leeren Blatt. Was Peter Handke in einem solchen Fall tut? Er setzt auf jahrzehntelang eingeübte Rituale: Er spitzt den Bleistift und beginnt in gleichmäßig-schönem Duktus zu schreiben. Für sein Buch „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ schrieb er fast ein Jahr lang in höchster Konzentration, erst eineinhalb bis zwei, dann – zusehends in einen Schreibrausch geratend – drei bis vier Seiten täglich. Am Rand vermerkte er Daten und Orte der Schreibtage. Die Ausstellung gibt einen lebhaften Eindruck seiner Arbeitsweise.

Wie lange wird es solche Autografen noch geben?, fragt man sich angesichts von Elfriede Jelineks erstem Macintosh von 1984, einem Apple Modell IIc. „Es ist fast so, als wäre der Computer für mich erfunden worden“, sagte sie einmal. Mit einem Schreibgerät in der Hand ging ihr das Schreiben zu langsam. „Ich schreibe sehr schnell, aus einer inneren Unruhe“, sagt sie, der Rhythmus des in die Tasten Klopfens geht bei ihr über in den Rhythmus der Texte. Es ist eine Art Musik, die sie zum Schreiben braucht.

Natürlich gibt es auch weniger harmlose Rauschmittel, die sowohl als Treibstoff als auch als Thema die Literatur befördern. „Ich lebe, um zu rauchen“, heißt es in einem Tagebucheintrag Robert Musils von 1937. In seinem letzten Lebensjahr legte er sich eine „Tabelle des Zigarettenrauchens“ an, in die er penibel seinen täglichen Konsum an Zigaretten eintrug. Bekannt ist auch Ingeborg Bachmanns Lust und Leid am blauen Dunst. Die Erzählerin ihres Romans „Malina“ misst die Zeit bis zur Rückkehr des Geliebten in Zigaretten: „Sechzig Zigaretten später aber ist Ivan zurück.“ Sie läuft ständig Gefahr, im Rausch des Schreibens zu verbrennen.

 

Die verzehrenden Gifte

Der Untertitel der Ausstellung „Von Musil bis Bachmann“ ist etwas zu eng gefasst, tatsächlich reicht sie von Joseph Roth bis Falco. Dass Österreichs Popstar von der Wiener Gruppe beeinflusst wurde, ist am Textentwurf zu seinem Song „Ganz Wien“ abzulesen, den Ö3 nicht senden durfte. „Ganz Wien is heit auf Heroin/Ganz Wien träumt mit Mozambin/Ganz Wien, Wien, Wien/greift auch zu Kokain“, hieß es darin. Er wusste, worüber er sang. Eingetragen hat er den Text in ein Notizbüchlein, das in der dritten von fünf Abteilungen zu sehen ist. Dort sind Autoren angesiedelt, die Erfahrungen mit „dunklen Giften“ gemacht haben, darunter Leo Perutz, Georg Trakl oder Wolfgang Bauer. Letzterer ist auch bekannt für den trivialsten, zugleich häufigsten Rausch der Literatur: den Alkoholrausch. „Ich kann mich nicht im Literarischen kasteien, ohne im Körperlichen auszuschweifen“, rechtfertige sich Joseph Roth. Er wusste um das Verzehrende seiner Kunst – und konnte dennoch nicht davon lassen. Am Beispiel Werner Koflers macht die Ausstellung auch deutlich, wie viel Klischees über Alkohol und Literaturproduktion bestehen. Tatsächlich ist dem Dichten ein klarer Kopf zuträglich.

Es gibt aber auch absonderliche Räusche. Etwa der Korrekturrausch eines Karl Kraus, der erst einsetzte, wenn ein Text bereits gesetzt war. Oder der Wutrausch des Heimito von Doderer, in dem er seinen Roman „Die Merowinger“ verfasste und darin dann sein Alter Ego, den Doctor Döblinger, verprügeln ließ. Beim Betrachten des Manuskripts kann man den davon inspirierten „Wutmarsch“ seiner Großnichte, Johanna Doderer, hören. Nach Wut sieht auch die von Energydrinks ausgelöste Hyperaktivität Gert Jonkes aus, die in ein Gekritzel ausartete, das er selbst nicht mehr entziffern konnte.

Wie vielfältig die Ekstasen durch und um die Literatur sind, davon kann man sich bis Februar 2018 im Literaturmuseum (Wien 1, Johannesgasse 6) überzeugen. Empfohlen dazu: das Begleitbuch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2017)

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