Glosse

Avanciert ein Gedicht von Hermann Hesse zur Hymne der ÖVP?

Für die Volkspartei scheint der Autor von "Der Steppenwolf" die neue Gebrauchslyrik zu liefern. Sie hat ein besonderes Faible für Hermann Hesses „Stufen“.

Hermann Hesse
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Hermann Hesse
Hermann Hesse – (c) imago/Sven Simon (imago stock&people)

Gerne schmücken bildungsbürgerlich geprägte Politiker ihre Reden mit der einen oder anderen lyrischen Passage. Das zeugt nicht nur von Sensibilität, sondern schafft auch praktische Distanz zu Dingen, die man durch die Blume verarbeiten will. Selbst ein Pragmatiker kann derart seine Gefühle ausdrücken, er hat aber als Vermittler den Dichter und sein Wortspiel dazwischen. Nicht nur die Tatsache, dass man zitiert, ist interessant, sondern vor allem auch die Frage: wen?

Der Lieblingsdichter der Österreichischen Volkspartei scheint derzeit Hermann Hesse zu sein. Insbesondere Reinhold Mitterlehner hat ein Faible für den oft von Teenagern verehrten Autor, bei dem Lebenskrisen und Sinnsuche ein starkes Thema sind. Der scheidende ÖVP-Chef zitierte den 1962 verstorbenen Nobelpreisträger wiederholt – und eben auch in seiner Abschiedsrede. Doch Mitterlehner ist nicht der einzige: Zum 70. Geburtstag von Erwin Pröll wurde das Gedicht genauso vorgetragen.

Wenn Hesses Literatur auch von manchem Kritiker als kitschig abgetan wird, scheint sie für die Politik durchaus einen höheren Wert zumindest als Gebrauchslyrik zu haben. Bei seinem Abschied konnte Mitterlehner durch die Zeilen „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“ andeuten, dass der Abschied von der ÖVP-Spitze auch Gutes bringen kann. Man weiß, dass Hesse Haltung zeitweise von einem zivilisationskritischen Kulturpessimismus geprägt war. Vielleicht findet man auch hier eine - aktuelle - Nähe zu Mitterlehner.

Wird Hesses nach langer Krankheit 1941 entstandenes Gedicht "Stufen", das er in seinen Roman "Das Glasperlenspiel" eingefügt hat (just in Teil  II, in "Josef Knechts hinterlassene Schriften"), nun zur Hymne der ÖVP? Folgender Vers spricht dagegen:

"Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern,
In andre, neue Bindungen zu geben."

Zugegeben, diesen Zeilen wohnt ein Zauber inne, und spätestens beim Wort Abschied beginnen selbst bei jenen die Tränen zu quillen, die sich, inzwischen abgebrüht, ein wenig dafür genieren, mit siebzehn für "Narziß und Goldmund" geschwärmt zu haben. Aber bleiben wir realistisch: Neue Bindungen sind doch nicht gerade das, was sich Parteien von ihren scheidenden Chefs erwarten. Auch, wenn die Ablöse nicht schmerzfrei war. Vielleicht sollte der Nachfolger zur Vorbereitung auf sein Amt die frühen Dramen von Friedrich Schiller studieren.

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