Manfred Lütz: "Ich kenne keine Normalen"

Manfred Lütz schaffte ein Kunststück: Er schrieb einen Bestseller über psychisch Kranke. Und erklärt, warum wir vielleicht die Falschen behandeln.

Manfred Lütz
Manfred Lütz
(c) Teresa Zötl

Warum haben Sie ein Buch über psychische Krankheiten geschrieben? Weil es zu viele davon gibt, wir zu wenig darüber wissen oder die „Normalen“ sich noch immer vor den psychisch Kranken fürchten?

Manfred Lütz: Ein bisschen von allem. Ein Drittel der Österreicher wird irgendwann im Leben einmal psychisch krank, die zwei anderen Drittel haben Angehörige, die betroffen sind. Dennoch ist über psychische Krankheiten außerordentlich wenig bekannt. Die Leute haben noch Vorstellungen wie im Mittelalter. Auch von der Psychiatrie, als einer Art Knast. Zwar weiß mittlerweile Gott sei Dank jeder, was Magersucht ist, aber was Schizophrenie oder eine schwere Depression ist, weiß keiner. Daher wollte ich auf 185 Seiten alle Krankheiten und alle Therapien beschreiben. Und zwar allgemein verständlich. Denn wenn man über psychisch Kranke immer so wichtigtuerisch daherredet, bekommen die Menschen den Eindruck, man braucht eine Universitätsausbildung, um einen Schizophrenen nach dem Weg zum Bahnhof zu fragen. Das Buch will Ängste vor psychisch Kranken mindern und aufklären. Mir haben einige Betroffene geschrieben, dass sie zum ersten Mal ihre Krankheit verstehen.

 

Ihr Buch ist bereits ein Bestseller, jetzt ist das Thema durch den Suizid des deutschen Teamtorhüters noch brisanter geworden.

Das Gute an diesem tragischen Ereignis ist, dass die Ehefrau und der Psychiater den Menschen sehr eindrucksvoll erklärt haben, warum das passiert ist. Die Öffentlichkeit will ja immer Gründe wissen. So eine phasenhafte Depression kann aus heiterem Himmel über einen Menschen herfallen. Diese schwere Krankheit kann man aber gut behandeln, mit Psychotherapie und mit Psychopharmaka. Antidepressiva machen auch nicht abhängig. Das wissen viele Leute nicht und scheuen deshalb vor einer Therapie zurück. Diese Depression ist heilbar. Allerdings begeht ein Zehntel der Betroffenen irgendwann Suizid. Das ist sozusagen der natürliche Tod bei schweren Depressionen.

 

Sie schreiben, dass der Suizid paradoxerweise oft in der Phase der Besserung passiert.

Stimmt. Wenn der Antrieb und die Stimmung miserabel sind, können die Menschen oft gar nichts mehr tun. Wenn der Antrieb zuerst zurückkehrt, die Stimmung aber noch immer miserabel ist, das ist die gefährlichste Phase.

Ist Depression nicht vor allem mit schwachen Menschen assoziiert? Erfolgreiche dürfen so etwas nicht haben.

Der Begriff „Depression“ wird mittlerweile inflationär verwendet. Nicht jedes Tränchen ist gleich eine Depression. Bei einer Ehekrise ist es normal, dass Sie heulen. Wenn Sie da sehr fröhlich sind, haben Sie vielleicht eine Manie. Das ist auch nicht normal. Emotionale Schwankungen gehören zum Leben. Die Krankheit tritt ein, wenn Angst und Sorge unangemessen werden.

 

Sie lehnen die Bezeichnung „Volkskrankheit“ für Depression ab. Aber nimmt die Krankheit nicht ganz deutlich zu?

Zumindest die Diagnosen nehmen zu. Früher war man sicher nicht so sensibel dafür, es haben sich aber auch die Diagnoseschemata geändert. Heute wird schon manchmal eine leichte Befindlichkeitsstörung zur Depression erklärt. Das ist unsinnig. Der Psychiater Klaus Dörner hat mal hochgerechnet, wie viele Deutsche auf dieser Basis psychotherapiebedürftig krank wären. Dabei kam heraus: 210 Prozent. Man soll mit statistischen Zahlen keine Drohkulissen aufbauen. Man soll sie auch nicht dafür benützen, die eigene Weltsicht zu rechtfertigen und zu sagen: Es geht mal wieder alles den Bach runter.

Nehmen psychische Krankheiten zu?

Die Süchte nehmen tatsächlich zu. Schizophrenie und schwere Depression nehmen nicht zu. Leichte Depressionen vielleicht schon.

 

Ihr Buch ist ja nicht nur eine heitere Seelenkunde, es ist ja auch eine gar nicht so lustige Gesellschaftskritik: dass unser Problem die Normalen sind. Was stört Sie an den Normalen?

Das ist natürlich auch ein witziger Aufhänger. Aber wenn ich es im Krankenhaus mit rührenden Demenzkranken oder sensiblen Schizophrenen zu tun habe und am Abend die Nachrichten im Fernsehen sehe, mit Kriegshetzern, Wirtschaftskriminellen und Egomanen, denke ich mir schon manchmal: Vielleicht behandeln wir die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Adolf Hitler zum Beispiel war ja nicht verrückt. Wäre der verrückt gewesen, hätte man mit ein paar Psychopharmaka und ein bisschen Arbeitstherapie für einen arbeitslosen Kunstmaler in Wien Millionen Tote verhindern können. Aber das Tragische war: Hitler war schrecklich normal. Es gibt aber heute nicht nur den ganz normalen Wahnsinn, sondern auch die wahnsinnig Normalen, die alles normieren wollen. Zum Beispiel die Hohepriester der Political Correctness. Psychisch Kranke halten sich nicht an diese Normen. Sie sorgen dafür, dass es in unserer Gesellschaft ein bisschen farbiger zugeht und die humane Temperatur nicht unter den Gefrierpunkt sinkt.

 

Sind Sie den Normalen gegenüber nicht ein bisschen sehr kritisch?

Ich entschuldige mich am Ende des Buches ja auch bei den Normalen. Aber eigentlich brauche ich mich gar nicht zu entschuldigen, weil es am Objekt fehlt. Ich kenne nämlich gar keine Normalen. Denn jeder Mensch ist irgendwie außergewöhnlich. Nur laufen wir alle Gefahr, uns allzu sehr normalisieren zu lassen. Das Buch soll ermutigen, das Besondere, das in jedem Menschen steckt, mehr zu beachten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)

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