Volltrunken von Vigor-Balsam

Der polnische Autor Ziemowit Szczerek nimmt mit seiner fingierten Reisereportage die Verklärung des Ostens aufs Korn. Dieser aberwitzigen Sauftour durch die Ukraine gebührt Ruhm.

„Wir fuhren in diesen Osten, wir fuhren und fuhren.“ Ziemowit Szczerek und der Sehnsuchtsort Ukraine.
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„Wir fuhren in diesen Osten, wir fuhren und fuhren.“ Ziemowit Szczerek und der Sehnsuchtsort Ukraine.
„Wir fuhren in diesen Osten, wir fuhren und fuhren.“ Ziemowit Szczerek und der Sehnsuchtsort Ukraine. – (c) Sebastian Frakiewicz

Immer wenn Łukasz Ponczyśnki die Grenze zur Ukraine überschreitet, fühlt er sich ein bisschen wie Alice im Wunderland. Nur dass sein Wunderland aus baufälligen Fabriken, verwaschenen Plattenbauten, miefigen, mit Menschen vollgestopften Kleinbussen und Straßen besteht, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Das Schiache gebiert das Schöne, das ist Łukasz' Credo der von ihm so verehrten postsowjetischen Ästhetik. Er ist Publizist aus Polen, ein wodkasaufender Ukraine-Versteher, der hier den Stoff für seine journalistischen Stücke findet, die eher lose an die Realität anknüpfen und in der Tradition des Gonzo-Genres stehen, das der Amerikaner Hunter S. Thompson in den 1970ern prägte.

Der offizielle Begriff für die Umwälzungen in den postsozialistischen und postsowjetischen Staaten ist die Transformation. Dieses nüchterne Vokabel wäre nichts für den polnischen Autor Ziemowit Szczerek. Er beschreibt im Roman „Mordor kommt und frisst uns auf“, der von Łukasz' Ukraine-Erkundungen handelt, ein Zerrbild der Realität, das ironischerweise die Realität besser trifft als die emotionslose Sprache der Politologen. Die Städte und Dörfer, die Łukasz bereist, befinden sich in Auflösung, sie zerfallen in ihre Einzelteile, nicht nur baulich, auch sozial driftet die Gesellschaft auseinander. Es ist dieser Verfall, an dem sich der Gonzo-Journalist weidet. Szczerek hat einen derben, komischen und reichlich absurden Road-Roman geschrieben, in dem alles wahr und alles ausgedacht scheint und der viel über die Ukraine erzählt, aber mehr noch über die ihre Besucher aus dem Westen – ostalgische Rucksackreisende, junge Verehrerinnen der galizischen Literatur-Avantgarde und eben der Gonzo-Journalist, der sich mit einem Potenzmittel aus der Apotheke namens Vigor-Balsam zuschüttet.


Verehrer des Grau. Es ist doch so: Wenn es um eine Haltung zum Osten geht, gibt es nur zwei Optionen: Entweder man hasst das Grau (weil es grau ist), oder man liebt es (weil es eben grau ist). Der Protagonist hat sich klar für Letzteres entschieden und huldigt dem Verlotterten und Vergilbten (auf dass es immer so bleibe!) ohne Rücksicht auf die Ukrainer, die nicht kommen und gehen können wie der polnische Gast. „Manchmal dämmerte mir, dass wir dorthin fuhren, schlicht um Elend zu sehen, und dass das nicht fair war, weil wir uns dabei selbst weniger elend fühlen wollten, und dann versuchte ich mir einzureden, dass dieses Elend auch nicht verschwinden würde, wenn wir nicht hierherkämen, dass es jenseits dieses Elends noch den großen kulturellen, soziologischen, historischen, politologischen und die ganzen anderen Kontexte gab – dann war es wieder für eine Weile gut.“ Über den Orientalismus der Westler bezüglich des Nahen Ostens (Überlegenheitsgefühle, exotisierende Stereotype) wurden viele Bücher geschrieben. Es existiert aber auch ein Orientalismus, der sich auf den ganz nahen Osten bezieht, auf Osteuropa und die Slawen, über deren Charakter der Autor schräge Theorien spinnt.

Szczereks Roman erschien im Original im Jahr 2013 und spielt in den Nullerjahren – als die ukrainische Politik von postkommunistischen Schwergewichtern dominiert war. Eine Zeit vor der russischen Krim-Annexion und dem Krieg im Donbass, die heute sehr fern erscheint. Das Buch wirkt allerdings kein bisschen aus der Zeit gefallen. In einer Szene schildert Szczerek, wie sich Lembergs Bewohner gegenüber Touristen aus dem Nachbarland als Polen ausgeben und gegen die Ukrainer hetzen, um die „polnischen Polen“ zur Übernachtung oder zu milden Gaben zu überreden. „Wir sind Pooolen, Ukraijina schlecht, Polen gut“, schreien sie im Chor. Das ist einerseits urkomisch, berührt aber auch das historisch komplexe Verhältnis zwischen Polen und der (West-)Ukraine, die in der Zwischenkriegszeit polnisch besetzt war und im Zweiten Weltkrieg in Massakern und Bevölkerungsaustausch einen tragischen Tiefpunkt fand.

Die Liebhaber des Ostens, erinnert Szczerek mit viel Humor, bewegen sich auf dem Morast einer Geschichte von Siegern und Verlierern und der wirtschaftsgeleiteten Gegenwart: eine Tatsache, der man gern entfliehen würde, aber nicht kann.

Neu Erschienen

Ziemowit Szczerek
„Mordor kommt und frisst uns auf“
übersetzt von
Thomas Weiler
Verlag Voland & Quist
237 Seiten
20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2017)

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