Das Eis vergisst nicht

Anne von Canalhat ein stimmiges Buch über das Erwachsenwerden und das Erwachsensein geschrieben.

Hanna ist die Leiterin eines Forschungsteams in der Antarktis. Mitten im Kampf gegen die Elemente erreicht sie ein E-Mail ihres Bruders, Jan. Die Nachricht katapultiert sie in ihre Kindheit zurück. Als sie zehn Jahre alt war, trat Friederike, Fido, in ihr Leben. Fido wird auf Anhieb die Dritte im Bunde, gemeinsam steuern sie durch die Untiefen und Fährnisse der Jugend, bis der Faden der Freundschaft jäh durchtrennt wird. Hier, in dieser einsamen Weltgegend, die den Gedanken keine Ablenkung, kein Ausweichmanöver gönnt, ist Fido so präsent wie damals.

Die Eiswüste der Antarktis ist nicht bloß Kulisse, sondern auch Metapher in zweierlei Weise. Fido ist das Kind des Pfarrers und seiner prinzipientreuen Frau. Paradoxerweise sind gerade jene, die Nächstenliebe predigen, zu ihrem Nächsten, der eigenen Tochter, abweisend und kalt, erziehen sie in unerbittlicher Strenge, ahnden das kleinste Vergehen mit überproportionaler Strafe. Zum anderen aber steht die horizontlose Weite für den schier endlosen Raum, den weißen Fleck des Lebens, der vor den Kindern liegt und den es zu erobern gilt wie einst Amundsen und Scott in ihrem Wettlauf zum Südpol – hinaus aus dem Kleinstadt-Kleinbürger-Mief, hinein ins pralle Leben von Hamburg.

Mit klug gewählten Versatzstücken gelingt es von Canal, die Zeit der 1970er und 1980er ins Jetzt zu holen, etwa wenn sich Hanna daran erinnert, wie Fido, Jan und sie Chips und Schogetten mampfend Robert Lembkes Beruferaten „Was bin ich?“ anschauten. Für „Grund“ (2014) wurde von Canal von Kritik und Publikum gelobt, auch „Whiteout“ verdient viele Leser.


Anne von Canal: „Whiteout“, Mare Verlag, 189 Seiten, 20,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2017)

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