Wird Harry Hole denn bürgerlich?

In seinem neuen Buch "Durst" beschränkt sich Krimiautor Jo Nesbø wieder aufs Wesentliche. Die Geschichte ist spannend und aktuell: Ein Mörder wählt seine Opfer über Tinder aus.

In „Durst“, Harry Holes elftem Fall, verzichtet Jo Nesbø auf den James-Bond-Faktor.
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In „Durst“, Harry Holes elftem Fall, verzichtet Jo Nesbø auf den James-Bond-Faktor.
In „Durst“, Harry Holes elftem Fall, verzichtet Jo Nesbø auf den James-Bond-Faktor. – (c) EPA (ANGEL DIAZ)

Wir tun das, wozu wir zu gebrauchen sind“, sagt Harry Hole an einer Stelle des Buches, an der er wieder mal einen Konflikt mit sich selbst auszutragen hat. Er möchte eigentlich nicht mehr als Ermittler für das Morddezernat in Oslo arbeiten, kann dann aber nicht anders. Weil er unter Druck gesetzt wird. Und weil er sich der Gesellschaft verpflichtet fühlt. „Es ist ein Fluch, wenn man für das, was man liebt, nicht gut genug ist, wohl aber für das, was man hasst“, sagt ein Weggefährte zu Harry. Und der nickt nur.

Umgelegt auf Jo Nesbø, den Schöpfer von Harry Hole, lässt sich da einiges hineininterpretieren. Irgendwann war er seinen alkoholkranken Helden, der ihn mit weltweit 30 Millionen verkauften Büchern zu einem wohlhabenden Mann gemacht hat, leid geworden. 2013, nach Holes zehntem Fall („Koma“), widmete sich der norwegische Thrillerautor lieber anderen Projekten wie „Sohn“ und der „Blood on Snow“-Reihe. Doch nichts davon reichte an die Hole-Krimis heran, mithin das Beste, was der übersättigte Markt in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu bieten hatte (der erste Band, „Fledermausmann“, erschien vor 20 Jahren).


Vertrautes Glück

Die Pause hat beiden gut getan, dem Autor und dem Protagonisten. In der Neuerscheinung fällt der James Bond-Faktor weg, der Hole noch mit 20 Kugeln und 14 Messerstichen im Bauch überleben lässt. „Durst“ ist zwar auch eine Heldengeschichte, aber eine irdische, die nicht nur ins moderne Norwegen mit all seinen Problemen passt, sondern überallhin in Europa. In Harry Holes elftem Fall beschränkt sich Jo Nesbø wieder aufs Wesentliche: den – ziemlich grausamen – Plot. Die Geschichte erinnert an den siebten Teil der Serie, an „Schneemann“, der am 19. Oktober mit Michael Fassbender in der Hauptrolle ins Kino kommt. Harry Hole ist ruhiger geworden, erwachsener vielleicht. Als Dozent an der Polizeischule und – mittlerweile – Ehemann von Rakel Fauke, versucht er sich an einem gutbürgerlichen Leben. Freitags, wenn er erst später zur Arbeit muss, gibt es Frühstück im Bett. Hallo? Harry Hole?

Dass das nicht lange gut gehen kann, ist klar. Unter der ehelichen Bettdecke lauert der selbstzerstörerische Dämon. Und in Oslo treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der sich seine Opfer über die Dating-App Tinder sucht. Irgendwann ahnt Harry, dass er sich nicht länger entziehen kann. Dass er dorthin zurück muss, wo er nicht mehr hinwollte. Oder vielleicht doch?

Es kommt zu einem Wiedersehen mit alten Bekannten, mit Mikael Bellmann etwa, dem Inbegriff des Narzissten, der längst Polizeipräsident ist, aber nach noch Höherem strebt. Mit Katrine Bratt, die jetzt Harrys Vorgesetzte ist. Und mit Jim Beam, dem er notgedrungen wieder verfällt.

„Es ist eine Lüge, dass derjenige, der seiner Berufung folgt, belohnt wird“, schreibt Jo Nesbø in „Durst“. Wobei man bei Harry Hole nie weiß, ob er überhaupt belohnt werden will. Im Zweifel zieht er dem Glück dann doch das vertraute Unglück vor. Der Leser jedenfalls wird belohnt. „Durst“ ist zwar nicht so gut wie „Schneemann“ oder „Der Erlöser“. Aber fast.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2017)

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