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NgugiWa Thiong'o deklassiert Karl O. Knausgård

KolumneDie Wettbüros bieten wie jedes Jahr Favoriten für den Literaturnobelpreis. Ein Qualitätsurteil ist das nicht.

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(c) APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Zur Einstimmung für den Literatur-Nobelpreis, der an diesem Donnerstag wieder vergeben wird, ist es empfehlenswert, in den Büchern der Favoriten zu schmökern. Sie bieten wunderbare Werke. Diesmal kommen sie aus drei Kontinenten. NgugiWa Thiong'o aus Kenia lag bei britischen Zockern am Dienstag mit einer Quote von 4 : 1 voran, gefolgt von seinem Kollegen Haruki Murakami aus Japan mit 5 : 1 und Margaret Atwood aus Kanada mit 6 : 1.

Nach dem Lyriker Bob Dylan, der im Vorjahr an die Spitze stürmte, liegen diesmal Epiker im Finale voran. Alle drei sind berühmt für ihre Romane, sie schreiben fantastisch, stilsicher und auch noch populär. Das hat aber nicht viel über das zu erwartende Ergebnis zu besagen, denn das Trio befindet sich schon seit einigen Jahren im Spitzenfeld, so wie der Südkoreaner Ko Un, der Israeli Amos Oz oder der Italiener Claudio Magris. Und Philip Roth aus den USA zählte schon zu den Favoriten, als noch Heinrich Böll lebte, der 1972 gewann.

Atwood meinte einmal, ihrer Einschätzung nach würden an die 500 Autoren diesen Preis verdienen, den die Schwedische Akademie seit Beginn des 20. Jahrhunderts verleiht. Doch schon beim ersten, bei Sully Prudhomme, fragten sich manche Kritiker, warum dieser gefällige französische Dichter gewürdigt wurde – und nicht ein berühmterer Zeitgenossen wie Tolstoi, Proust, Tschechow, Henry James, Thomas Hardy oder Ibsen. Heute ist der erste Nobelpreisträger selbst in Frankreich fast vergessen.

Ob Atwood, Ngugi oder Murakami als renommierte Autoren unserer Tage in 100 Jahren noch eifrig gelesen werden, kann man kaum voraussagen. Wer weiß, vielleicht beschränkt sich die Literaturpflege dann auf Texte in Tweet-Länge? Aber eines darf man jedenfalls schon behaupten: Es sind nicht immer die schlechtesten, die auf den Listen weiter hinten stehen. Mit 100 : 1 werden vom Wettbüro Ladbrokes folgende Kandidaten gehandelt: die Engländerinnen Antonia Susan Byatt und Hilary Mantel, der Schotte James Kelman, Francisco Sionil José von den Philippinen, Edward Kamau Brathwaite aus Barbados und Karl Ove Knausgård aus Norwegen – sie alle sind preiswürdige Leute, überwiegend schreiben sie hervorragende Prosa.

Bob Dylan notierte übrigens 2008, als Magris, Oz und Adonis bei vielen als Favoriten galten, mit der deprimierend hohen Quote von 150 : 1. Gekürt wurde damals der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio, der auf den ominösen Listen innerhalb weniger Tage aus dem Mittelfeld zum Top-Favoriten aufstieg. Dylan kam in diesen Charts erst Jahre danach ins Rollen, er hat sich schließlich enorm gesteigert und 2016 gewonnen. Warum? Der Dichter sagt: „Manchmal genügt es eben nicht, zu wissen was die Dinge bedeuten. Manchmal muss man wissen, was sie nicht bedeuten.“

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2017)

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