Klonkinder und magische Nebel: Literaturnobelpreis an Ishiguro

Der Nobelpreis geht an den Briten Kazuo Ishiguro. Seine so erfolgreich verfilmten Romane sind parabelhaft, abgründig und von zärtlicher Menschlichkeit.

Der Landsitz in „Was vom Tage übrig blieb“, das Internat in „Alles, was wir geben mussten“ – um Realismus geht es dem Autor nie. In imaginäre Räume stellt er universelle Geschichten.
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Der Landsitz in „Was vom Tage übrig blieb“, das Internat in „Alles, was wir geben mussten“ – um Realismus geht es dem Autor nie. In imaginäre Räume stellt er universelle Geschichten.
Der Landsitz in „Was vom Tage übrig blieb“, das Internat in „Alles, was wir geben mussten“ – um Realismus geht es dem Autor nie. In imaginäre Räume stellt er universelle Geschichten. – (c) Blessing Verlag

Das dickste Trostpflaster, das er sich nur hätte wünschen können, hat Kazuo Ishiguro aus Stockholm bekommen. Es ist noch nicht lang her, da musste der Brite vorwiegend ungute Kritiken verdauen. Sein Roman „Der begrabene Riese“ wurde in seiner Heimat England, in die er mit fünf Jahren aus Japan kam, nicht so gut aufgenommen wie gewohnt. Ishiguro schien geradezu deprimiert. Und nun das!

Margaret Atwood, Haruki Murakami oder der Kenianer Ngugiwa Thiong'o – mit ihnen hatte man gerechnet, mit Kazuo Ishiguro so wenig wie im letzten Jahr mit Bob Dylan. Dieser Ruhm ist für Ishiguro neu – der Erfolg nicht. Seine Romane kann man fast an den Fingern einer Hand abzählen, aber mit ihnen hat sich der heute 62-Jährige eine begeisterte Lesergemeinde erobert. Vieles zu seiner Beliebtheit haben Filme beigetragen: Sein Roman „Was vom Tage übrig blieb“ erhielt nicht nur 1989 den Booker-Preis, die Verfilmung mit Emma Thompson und Anthony Hopkins wurde berühmt und für acht Oscars nominiert. Hopkins spielt darin einen alternden Butler, der in seine Vergangenheit zurückreist und seine alte Liebe wieder trifft, die er einst durch eigene Schuld verlor. Auch der Roman „Alles, was wir geben mussten“ kam prominent mit Keira Knightley und Charlize Theron auf die Leinwand. Darin realisieren Kinder in einem Internat, dass sie Klone sind und nur zum Zweck der Organspende auf der Welt.

 

Fast hypnotisierend harmonisch

Warum liebt man Ishiguro? Thematisch wirken seine Bücher, meist in der Ich-Form erzählt, auf den ersten Blick völlig unterschiedlich, jedes ist eine ganz neue, eigene Welt. Aber der Ton zieht sich durch – ruhig und fast hypnotisierend harmonisch, schlicht und leicht altmodisch, an den klassischen Erzählern geschult. Die Geschichten fesseln, ihr immer auch parabelhafter Charakter liegt offen zutage. Dazu kommt Ishiguros Menschenbild. Meist im Modus der Erinnerung und auf vergangenen Schauplätzen wird zärtlich das bedrohte Menschliche auf den Altar gehoben.

Ishiguros fügsame, oft unzulängliche Charaktere berühren wie Schafe, wenn sie zur Schlachtbank geführt werden. In seinen so gar nicht kämpferischen Figuren ist immer auch ein Untergrund an Einsamkeit und Resignation. Die Begründung der Nobelpreis-Jury für ihre Wahl weist in diese Richtung: „In Romanen von großer emotionaler Kraft“ habe Ishiguro „den Abgrund unter unserem trügerischen Gefühl von Verbundenheit mit der Welt enthüllt“.

Ishiguros Helden sind keine Bösewichte. Sie haben Ideale, sie wollen gut sein und machen Fehler. Werte und Ideale prallen aufeinander, werden von anderen abgelöst. Diese Seite der Gesellschaft interessiert Ishiguro. Er sucht in seinem Werk nach Situationen, in denen Werte und Ideale auf den Prüfstand gesetzt werden oder sich als etwas anderes herausstellen als das, wofür man sie gehalten hat.

Krieg zum Beispiel. Ishiguros frühe Romane, „Damals in Nagasaki“ und „Der Maler der fließenden Welt“, handeln von Japanern, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Damals schon fühlte sich der Schriftsteller von europäischen Lesern missverstanden, die diese Romane realistisch lasen. Der realistische Anstrich trügt auch sonst. Das Internat Hailsham in „Alles, was wir geben mussten“, das in den 1980er- oder 1990er-Jahren spielt, hat dennoch einen ahistorisch-imaginären Charakter, ebenso wie das mehr von englischen Fantasien inspirierte herrschaftliche Leben in „Was vom Tage übrig blieb“. Der realistische Anstrich ist bei Ishiguro immer nur ein Dekor, in das er seine universellen Geschichten stellt.

 

Was tun – erinnern oder verdrängen?

Dazu gehört in allererster Linie der Umgang mit der Vergangenheit – die Frage, an was man sich erinnern oder was man vielleicht doch verdrängen soll. Dieses Thema durchzieht alle seine Bücher und wird in Ishiguros bisher letztem Roman zum buchstäblich riesenhaften Mittelpunkt. „Der begrabene Riese“ erzählt von einem alternden Paar, Beatrice und Axl, das in einem mythischen frühen Britannien des fünften Jahrhunderts aus einer unbestimmt bleibenden Siedlung aufbricht. In dieser Fantasy-artigen Welt von Drachen, Kobolden und vermeintlichen Artusrittern will das Paar den „begrabenen Riesen“ finden. Und damit verdrängte Erinnerungen, denn deren Verdrängung belasten das Paar, so glaubt es, vielleicht mehr als die Erinnerung selbst. Es geht um den kleinen Sohn, der einst weggegangen, nie wieder zurückgekommen ist.

In einem früheren Roman Ishiguros, „Als wir Waisen waren“, sucht ein Mann in Detektivmanier nach seinen Eltern, die, als er zehn Jahre alt war, in Shanghai verschwanden. Er wurde daraufhin als Waise nach England geschickt. Das Haus, in dem er ganz am Ende seine Eltern zu finden hofft, ist, wie nicht anders zu erwarten, leer. In „Der begrabene Riese“ scheint anfangs der magische Nebel, der in dieser Welt über der Landschaft liegt und die Erinnerung raubt, die Menschen zu bedrohen. Im Lauf der Erzählung wird klar, dass der Nebel ein rettendes Element ist. „Vergiss alles und du verlierst deine Seele; erinnere dich an alles und du verlierst deine Fähigkeit zu verzeihen“, heißt es dort auch.

Wohl wahr – aber für solche Kalendersprüche würde man einen Ishiguro nicht brauchen, schon gar nicht als Literaturnobelpreisträger. Auch wenn der Schriftsteller fallweise allzu deutlich seine Botschaften formuliert: Seine Romane sind unendlich mehr. Machen sie ihn auch nobelpreiswürdig? Ach, wer weiß schon, was das ist. Nur eines ist ganz sicher: Kazuo Ishiguro als Literaturnobelpreisträger – das wird viele, viele Leser freuen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2017)

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