Die abgründige Seite Frankreichs

Frankreich steht als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Zentrum. „Die Presse am Sonntag“ hat vier Bücher gelesen, um sich den dunklen Seiten des Landes zu widmen.

Zornig, aber nicht zynisch: Philippe Pujol seziert seine Heimatstadt Marseille.
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Zornig, aber nicht zynisch: Philippe Pujol seziert seine Heimatstadt Marseille.
Zornig, aber nicht zynisch: Philippe Pujol seziert seine Heimatstadt Marseille. – (c) BENJAMIN GEMINEL

Marseille ist eine schillernde Stadt, ein Knäuel von Fantasien und Lügen, Trugbildern und Täuschungen“, hat der große französische Krimiautor und Chronist Jean-Claude Izzo, Verfasser der Marseille-Trilogie, einst über seine Heimatstadt geschrieben. Wer nun Philippe Pujols „Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille“ liest, wird vor allem die unschöne Seite der Stadt kennenlernen. Müsste man die Hafenmetropole nach der Lektüre mit zwei Worten beschreiben, wären das folgende: kriminell und korrupt. Platz für Fantasie bleibt da nicht mehr.

Autor Pujol, ein Journalist, hat sich in die armen Viertel seiner Stadt begeben. „Wo Menschen sind, stinkt es nach Scheiße“, heißt es gleich auf der ersten Seite. In den heruntergekommensten Siedlungen lassen die Bewohner ihr Gebäude immer mehr verwahrlosen, „damit es endlich abgerissen wird und wir woanders unterkommen“. Es ist ein Trugschluss, wie Pujol zeigt, Gewinner sind immer nur die Immobilienhaie.

Gewinnlose zum Geldwaschen. Kleinkriminalität ist in dieser perspektivlosen Welt keine Option, sondern die einzige Möglichkeit, zu überleben. Gegen die oft jugendlichen Täter – Zehnjährige sind keine Seltenheit – hat auch die moderne Überwachungstechnologie keine Chance. Denn arm zu sein, bedeutet nicht, dumm zu sein. So sehen sich alle Bandenmitglieder ähnlich, um die Kameras zu täuschen, zudem findet ständig ein Kleidertausch statt, um die Polizei zu verwirren. Gewinnerlose des Pferdewettanbieters PMU wiederum eignen sich bestens zur Geldwäsche: Ein Spieler mit einem Gewinnlos über 1000 Euro kommt zu einem Kerl, der „Gewinnlose! Ich kaufe und verkaufe“ schreit. Der Gewinner erhält dafür 1100 Euro. Kurz darauf kommt jemand, der Geld aus einem illegalen Geschäft hat, und kauft das Gewinnlos für 1200 Euro, das er dann offiziell einlöst. Alle profitieren: Gewinner und Zwischenhändler haben um 100 Euro mehr, der Straftäter hat sein Geld gewaschen.

Es ist erschütternd und deprimierend zu lesen, dass einige Jugendliche im Gefängnis erstmals schulische Bildung erhalten. Vor allem, weil diese Jugendlichen dann meist ohnehin schon verloren sind: „Jeder weiß, dass Gefängnisse wie ein Schnellkurs und wie ein Jobcenter in Sachen Verbrechen wirken, schließlich findet man dort die besten Kriminellen des Markts.“

Pujol beschränkt sich aber nicht auf diesen „Mikrokosmos voller kleiner Tricksereien“, sondern zeigt, wie Klientelismus und Korruption in der Stadt, im Département sowie in der Region funktionieren. Im Zentrum steht der seit mehr als zwanzig Jahren amtierende Bürgermeister. Jean-Claude Gaudin. In diesem „System Gaudin“ profitieren, ähnlich dem geschilderten Beispiel der Gewinnlose, alle. Das schließt auch Gangster und den rechtspopulistischen Front National nicht aus, wie Pujol eindringlich belegt. Als ein Schlüsselelement bezeichnet der Autor die Erpressung mit Baugenehmigungen.

Der Journalist von „La Marseillaise“ hat zwar ein Sachbuch geschrieben, dieses liest sich aber wie ein Kriminalroman. Kein Wunder, ist es doch alles andere als nüchtern und noch dazu aus Sicht des Ich-Erzählers Pujol geschrieben.

Es ist daher ein sehr persönliches – manchem Kritiker vielleicht zu persönliches – Buch geworden. Die Wut des Autors ist zwischen den Zeilen spürbar, auf jeder einzelnen Seite. Er versucht dabei aber immer fair zu bleiben, sein Zorn richtet sich nicht gegen die Menschen, die in prekären Verhältnissen vegetieren müssen, sondern vor allem gegen die politischen Verantwortlichen und jene, die mit dem Elend Geschäfte machen.

Kein Platz für Nostalgie. Pujol schließt seine hochemotionale literarische Stadtrundfahrt, die Marseille jeglicher falscher Nostalgie und beschönigender Legendenbildung entkleidet, mit folgenden Worten: „Diese Stadt ist schlicht und ergreifend die sichtbare Illustration für all das, was in der französischen Republik schiefläuft.“

Neu Erschienen

Philippe Pujol
„Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille“


übersetzt von: Oliver Ilan Schulz und Till Bardoux
Verlag Hanser Berlin 287 Seiten
24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2017)

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