Träume enden mit dem Erwachen

Mit „Oxenberg & Bernstein“ gelingt dem rumänischen Autor Catalin Mihuleac ein Buch, das ebenso bezaubert wie berührt – wahrscheinlich eines der besten des Jahres 2018.

Mihuleac spannt in seinem Roman den Bogen vom Rumänien der 1930er-Jahre bis in die heutige USA.
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Mihuleac spannt in seinem Roman den Bogen vom Rumänien der 1930er-Jahre bis in die heutige USA.
Mihuleac spannt in seinem Roman den Bogen vom Rumänien der 1930er-Jahre bis in die heutige USA. – (c) Privat/Paul Zsolnay Verlag

Eine Warnung vorweg: Viele Tausend Bücher werden in diesem Jahr noch erscheinen, aber es wird schwierig sein, eines zu finden, das so herausragend ist wie „Oxenberg & Bernstein“ des rumänischen Autors Catalin Mihuleac. Wer das Buch einmal zu lesen begonnen hat, wird es nicht mehr aus der Hand legen können. Denn Mihuleacs Roman kann alles: Das Buch bringt zum Lachen und zum Weinen, zum Nachdenken und zum Verzweifeln, es nimmt uns mit und fegt uns weg.

Als die reiche Amerikanerin Dora Bernstein mit ihrem unverheirateten 50-jährigen Sohn Ben am 29. Juni 2001 die Stadt Iaşi im postkommunistischen Rumänien besucht, ahnt die 33-jährige SânzianaStipiuc nicht, dass dieser Tag ihr Leben für immer verändern wird. Wegen ihrer Englischkenntnisse wird die Buchhalterin des Kaufhauses Moldova von ihrem Chef gebeten, sich der Gäste aus Übersee anzunehmen: „Sânziana, heute kommst du nicht ins Büro, machst Außendienst“, beauftragt sie Herr Finkelstein.

Wenig später hat sie nicht nur ein Visum für drei Monate Arbeit bei der Firma Bernstein Vintage Ltd. in Washington in der Tasche, sondern wird auch die Frau von Ben. Ihre Mentorin wird die strenge Dora, die in Suzy, wie sie nun genannt wird, erst Angst, später noch viel bösere Gefühle auslösen wird.


„Wir verkaufen Geschichten.“ Gemeinsam mit ihrem Mann, Joe, hat Dora das Geschäft mit übertragenen Waren in eine Goldgrube verwandelt. Neben Secondhand-Kleidern werden auch Altwaren aller Art angeboten. Von Joe lernt Suzy, dass „wir nicht Waren, sondern Geschichten verkaufen“. Niemand ist besser darin als sie.

Auf Umwegen erfährt Suzy, dass Dora rumänische Wurzeln hat. Schon in Iasi war ihr nicht entgangen, dass die überschminkte und überschmückte Amerikanerin Ortsnamen aus den 1930er-Jahren kannte. Dora will aber nichts sagen, und von Joe erfährt sie nur: „Bedenke, Suzy, du kannst dein Land nicht an den Schuhsohlen mitnehmen. Aber du sollst auch wissen, dass im Absatz immer etwas aufbewahrt wird.“

Parallel zur Geschichte der Familie Bernstein entfaltet Mihuleac in dem 2014 in Rumänien erschienenen Buch das Porträt der Familie Oxenberg, einer wohlhabenden jüdischen Bürgerfamilie aus Iasi: „Das Haus der Oxenbergs, im Zentrum der Stadt gelegen, ist hochgeachtet und wird stark beneidet. ,Friede und Harmonie‘ stünde auf dem Familienwappen, hätte man denn eines.“ Mutter Roza hat Sprachen studiert und arbeitet an einer deutschsprachigen Anthologie rumänischer Erzählungen, Vater Jacques wurde in Paris zu einem Pionier der Gynäkologie und mehrt mit seiner Meisterschaft im Kaiserschnitt das ohnehin nicht schmale Familienvermögen.

Doch immer mehr setzt der rabiate Antisemitismus der rumänischen Mitbürger den Juden zu. Lang verschließen die Opfer die Augen und versuchen sogar, sich die Gunst der Täter zu erkaufen. Allein die Dummheit der Judenhasser lässt es unmöglich erscheinen, dass sie sich durchsetzen: „Werden sie auch noch behaupten, wir hätten mit rot lackierten Fingernägeln den Bolschewiken heimlich Zeichen gegeben?“ Zugleich lauern bereits die eigenen Hausangestellten wie Bestien, die nur mehr von der Leine gelassen werden müssen.

Genau dazu kommt es in dem Pogrom in Iasi am 29. Juni 1941, gleich nach dem Einmarsch Hitler-Deutschlands in der Sowjetunion. Die Ermordung der Juden in Iasi übernehmen die Rumänen selbst, was jahrzehntelang geleugnet wurde. 13.266 Juden werden binnen weniger Stunden getötet. Die Schilderung Mihuleacs kennt außer vielleicht Béla Zsolts Roman „Neun Koffer“ nichts Vergleichbares.

Dann trifft in dem Buch wiederum „Alles ist erleuchtet“ auf „Großmama packt aus“. Auch was es mit den Absätzen auf sich hat und wie die zwei Familien zusammenkommen, wird geklärt. Es stimmt einfach alles, jede Person, jeder Satz, jedes Wort. Catalin Mihuleac hat ein Meisterwerk verfasst. Ein besseres Buch werden Sie in diesem Jahr nicht lesen.

Neu Erschienen

Catalin Mihuleac
Oxenberg & Bernstein

Übersetzt von Ernest Wichner

Zsolnay Verlag
368 Seiten
24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2018)

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