"All die Jahre": Eine schrecklich irische Familie

Packend erzählt die Amerikanerin J. Courtney Sullivan in "All die Jahre" von der irischen Auswandererfamilie Rafferty, die in Boston ihre dunklen Geheimnisse hütet.

Eine durch und durch amerikanische Erzählerin: J. Courtney Sullivan glückte ein schillernder Familienroman.
Eine durch und durch amerikanische Erzählerin: J. Courtney Sullivan glückte ein schillernder Familienroman.
Eine durch und durch amerikanische Erzählerin: J. Courtney Sullivan glückte ein schillernder Familienroman. – (c) Michael Lionstar

Für die Freiheitsstatue hat Nora keinen Blick übrig. Als das große Schiff in New York ankommt, drängt die junge Irin nicht wie die anderen Passagiere an die Reling, um aufgeregt das Wahrzeichen der neuen Heimat anzusehen. Regungslos beobachtet sie die erwartungsvollen Menschen in der Menge, die wie sie die alte Heimat Irland zurückgelassen haben, um in Amerika das Auskommen zu finden.

Ohne Suche nach dem großen Glück, ohne große Gefühle – so führt Nora ihr Leben. In Boston heiratet sie Charlie Rafferty, dem sie schon zuhause in Irland versprochen worden war, obwohl sie nichts für ihn empfindet. Auf Pflichtgefühl basiert ihre Ehe und pflichtbewusst kümmert sich Nora um Haushalt und Familie.

Und Theresa, ihre lebenshungrige, kleine Schwester, mit der sie gemeinsam nach Boston ging? Theresa erwartet viel von ihrer neuen Freiheit in Amerika, taucht ein ins pralle Leben – und wird furchtbar enttäuscht. Sie wird schwanger, Nora zwingt ihre Schwester, die Schwangerschaft geheim zu halten und das Kind anonym in einem katholischen Nonnenorden auf die Welt zu bringen. Sie und Charlie nehmen das Baby zu sich, damit Theresas Leben nicht ruiniert wird, und ziehen Patrick als ihren eigenen Sohn auf. Keiner soll je von diesem Geheimnis erfahren. „Nora hatte sich das Baby einfach genommen“, sagt Theresa mehr als fünfzig Jahre später über die Ereignisse in den 1950er-Jahren. Es kommt zum Bruch zwischen den Schwestern, sie schweigen sich ein halbes Leben lang gegenseitig tot.

Nichts als Schweigen. „All die Jahre“ ist der dritte Roman der US-amerikanischen Autorin und Journalistin J. Courtney Sullivan. Geschickt erzählt die 35-Jährige die Familiengeschichte der Raffertys über Jahrzehnte hinweg. Aus verschiedenen Perspektiven und zu verschiedenen Zeiten beleuchtet Sullivan die Geschehnisse, Erlebnisse und dunklen Geheimnisse. Langsam ergeben die Puzzlestückchen das ganze Bild. Ein Leben voller Missverständnisse, Schweigen, Verdrängen und Schuldgefühle. Nora, Charlie und ihre vier Kinder sind eine Familie „schlimmer Geheimnisse“. Doch jedes Lügengebäude gerät irgendwann ins Wanken: jenes der Raffertys, als Patrick bei einem Autounfall stirbt und sich die Familie zum Totengedenken versammelt.

Doch nicht alles an den Raffertys ist „schlimm“. Sie wären schlechte Iren, wenn sie nicht auch jede Menge Spaß am Leben hätten: Nora und Charlie unternehmen viel mit ihren Kindern, ermöglichen ihnen eine gute Bildung – sicher nicht selbstverständlich für eine Einwandererfamilie in Boston in den späten 1960er- und frühen 70er-Jahren. Die Geschwister Patrick, John, Bridget und Brian hängen aneinander – trotz aller Missverständnisse. Sie trinken, fluchen, reden laut und ausgelassen miteinander (um einige irische Klischees zu bedienen).

Aber Gefühle zulassen, offen zeigen oder über Gefühle reden – das gibt es bei den Raffertys nicht. Wie schwer fällt es der 44-jährigen Bridget, ihrer Mutter endlich offen zu sagen, dass sie lesbisch ist und mit ihrer Partnerin Natalie ein Kind bekommen wird. Nora verschließt die Augen, um nicht sehen zu müssen, was in ihrer streng geordneten katholischen Welt nicht sein darf. Ein irisches Leben in Boston, in dem die Alten wie zuhause auf der grünen Insel sprechen und ihre Kinder durch und durch amerikanisch sind.

Stolze Iren. Die Autorin gibt in dem 460 Seiten starken Roman Einblick in den tristen Alltag in Irland in den 1950er-Jahren, in die starke irische Community in Boston, die stolz auf den katholischen Präsidenten Kennedy ist und ihre irische Identität zelebriert. Sullivan ist ein packender und positiver Roman geglückt, der Wechsel der Perspektiven hält die Erzählung frisch – auch wenn so manches finstere Familiengeheimnis vorhersehbar ist. Ein wenig lang sind lediglich jene Passagen ausgefallen, in denen es um das Kloster in Vermont geht, in das sich Theresa zurückzieht. Zu viele Details steckt sie in die Beschreibung der wirtschaftlichen Situation des Ordens und des Alltagslebens der Nonnen.

Neu Erschienen

J. Courtney Sullivan
„All die Jahre“

Übersetzt von Henriette Heise
Deuticke Verlag
464 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2018)

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